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Medizin

Ernährung: Zu viel und zu wenig Natrium schaden, Kalium nützt

Donnerstag, 14. August 2014

dpa

Hamilton/Boston – Zu viel Salz in der Nahrung ist ungesund. Meta-Analytiker haben jetzt ausgerechnet, dass jährlich 1,6 Millionen Menschen an den Folgen einer zu hohen Natriumzufuhr sterben. Zwei weitere Untersuchungen zeigen jedoch, dass nicht nur zu viel Kochsalz im Essen schadet, auch bei Menschen mit einem zu niedrigen Konsum waren Blutdruck und Sterberisiko erhöht. Eine kaliumhaltige Kost könnte dagegen nützlich sein.

Die meisten Menschen nehmen täglich zwischen 3,0 und 6,0 Gramm Natrium (entspricht 7,5 bis 15,0 Gramm Kochsalz oder Natriumchlorid) mit der Nahrung auf. Die meisten Leitlinien fordern, den Konsum auf 3 Gramm Natrium täglich zu beschränken. Diese Vorgabe erfüllen nur etwa 4 Prozent der Weltbevölkerung, wenn die Prospective Urban Rural Epidemiology (PURE) ein repräsentatives Abbild der Wirklichkeit gibt.

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Die Studie, die jetzt in zwei Teilen im New England Journal of Medicine (NEJM 2014; 371: 601-11 und 612-23) veröffentlicht wird, hat die Morgenurinproben von mehr als 100.000 Personen aus 18 Ländern untersucht und daraus die 24-stündige Natrium- und Kaliumausscheidung berechnet, die ein Surrogat für die Aufnahme der beiden lebenswichtigen Elektrolyte ist.

Im Durchschnitt scheidet die erwachsene Weltbevölkerung täglich 4,93 Gramm Natrium und 2,12 g Kalium aus. Wie in der früheren INTERSALT-Studie korrelierte die Natriumausscheidung, sprich der Salzkonsum, mit dem Blutdruck. Pro zusätzlichem Gramm Natrium im Harn stieg der systolische Blutdruck um 2,11 mm Hg und der diastolische und 0,78 mm Hg.

Der Anstieg war jedoch nicht linear: Bei einer Ausscheidung von mehr als 5 Gramm Natrium nimmt der systolische Blutdruck mit jedem weiteren Gramm um 2,58 mm Hg zu, bei einer Ausscheidung von weniger als 3 Gramm Natrium waren es nur 0,74 mm Hg pro Gramm Natrium. Auch das Alter und eine Hypertonie beeinflussten die Blutdruckreaktion auf einen vermehrten Salzkonsum. Bei über 55-Jährigen stieg der systolische Blutdruck um 2,97 mm Hg pro Gramm Natrium (gegenüber 1,96 mm Hg bei unter 45-Jährigen). Bei Hypertonikern waren es 2,49 mm Hg (gegenüber 1,30 mm Hg bei Normotonikern).

Interessant ist auch eine Wechselwirkung mit Kalium: Eine hohe Natriumzufuhr steigert den Blutdruck am deutlichsten, wenn die Kost gleichzeitig arm an Kalium ist. Neben der Kochsalzrestriktion könnte deshalb eine kaliumreiche Kost eine protektive Rolle spielen, vermuten Andrew Mente und Martin O’Donnell vom Population Health Research Institute an der McMaster University in Hamilton, die beiden Leitautoren der PURE-Studie.

Tatsächlich stieg in der Nachbeobachtungszeit von 3,7 Jahren die Zahl der Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen oder Todesfälle nicht nur, wenn die Natriumausscheidung im Urin hoch war, sondern auch wenn die Kaliumausscheidung niedrig war. Mehr noch: Eine extreme Natriumrestriktion scheint nach den Ergebnissen der PURE-Studie eher zu schaden, als zu nutzen: Personen mit einer Ausscheidung von weniger als 3 Gramm Natrium am Tag hatten ein signifikant erhöhtes Ereignisrisiko – und zwar in dem Bereich der Natriumzufuhr, der derzeit von den Leitlinien gefordert, aber so gut wie nie erreicht wird.

Dieses Ergebnis der PURE-Studie widerspricht nicht nur den derzeitigen Empfehlungen, es beißt sich auch mit den Resultaten der „Dietary Approaches to Stop Hypertension“ oder DASH-Studie, die im Gegensatz zu PURE eine randomisierte Interventionsstudie war, also ein höheres Maß an medizinischer Beweiskraft (Evidenz) für sich beanspruchen kann.

In der DASH-Studie hat die Restriktion der Natriumzufuhr auf 2,5 bis 1,5 Gramm am Tag zu einem deutlichen Rückgang des Blutdrucks geführt (NEJM 2001; 344: 3-10). Ob dies allerdings auch zu weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt, wurde nicht untersucht. Außerdem hatten die meisten Teilnehmer der DASH-Studie einen erhöhten Blutdruck. Für diese Gruppe könnten andere Bedingungen gelten als für die Normalbevölkerung.

Die PURE-Studie stellt auch die Ergebnisse der ebenfalls im New England Journal of Medicine (2014; 371: 624-34) publizierten Meta-Analyse der „Global Burden of Diseases Nutrition and Chronic Diseases Expert Group“ (NutriCode) infrage. Dort unterzogen sich Dariush Mozaffarian von der Tufts Universität in Boston und Mitarbeiter der Mühe, 107 Studien zum Einfluss von Natrium in der Nahrung auf die kardiovaskuläre Sterblichkeit zu untersuchen.

Den Einfluss von Kalium konnten sie mangels Daten nicht berücksichtigen. Das Ergebnis der komplexen Berechnungen lautet, dass jährlich 1,65 Millionen Todesfälle ( 95-Pro­zent-Konfidenzintervall 1,10 bis 2,22 Millionen) auf einen zu hohen Natriumkonsum zurückzuführen sind. Jeder zehnte kardiovaskuläre Todesfall wäre Mozaffarian zufolge durch eine salzärmere Nahrung zu vermeiden. Die meisten Experten dürften diese Erkenntnis mit einer „Prise Salz“ zur Kenntnis nehmen.

© rme/aerzteblatt.de

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