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Politik

Türkischer Junge wird in Deutschland kein neues Herz erhalten

Montag, 18. August 2014

Köln – Der fast zweijährige Muhammet D., der von einem Kinderherzzentrum in Istanbul ans Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM) verlegt worden war zur Herztrans­plantation, wird vermutlich in Deutschland kein neues Herz erhalten. Weder das UKGM, noch andere große deutsche Zentren seien bereit, dem Jungen ein Organ zu implan­tieren. Das teilte das Universitätsklinikum mit.

„Das UKGM kann, darf und wird den Jungen nicht auf die Warteliste zur Herztrans­plan­tation setzen lassen“, so der Ärztliche Geschäftsführer des UKGM, Werner Seeger, auf Anfrage. „Wir hatten uns für Muhammet eine andere Lösung erhofft, müssen aber akzep­tieren, dass die Entwicklung und die gültige Gesetzeslage keine andere Entschei­dung zulassen. Vielmehr prüfen wir seine Verlegung.“ Das entsendende Krankenhaus in Istanbul sei bereit, das Kind wieder zurückzunehmen.

UKGM beruft sich bei der Entscheidung auf das Transplantationsgesetz
Das UKGM beruft sich bei der Entscheidung auf das Transplantationsgesetz (TPG) - Erfolgsaussicht und Dringlichkeit sollen bei der Zuteilung abgewogen werden – und auf Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) für die Wartelistenführung und die Organ­vermittlung (gem. § 16 TPG). Demnach können schwerwiegende Erkrankungen anderer Organe eine Kontraindikation zur Aufnahme auf die Warteliste sein (Allgemeiner Teil der Richtlinien; zuletzt geändert 09.12. 2013).

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Im Fall des kleinen Jungen betreffen sie das Gehirn. Nach Darstellung des UKGM ist der Junge Ende März mit instabiler Herzkreislaufsituation am Kinderherzzentrum Gießen eingetroffen und habe wegen eines kardiogenen Schocks an ein Kunstherz ange­schlossen werden müssen, um den Tod nach Ankunft zu verhindern und eine Stabili­sierung zu ermöglichen.

Neurologische Untersuchungen und bildgebende Verfahren hätten dann aber ergeben, dass Muhammet – wahrscheinlich im Rahmen der langen, zum Teil auch vor Ankunft unkontrollierten Wiederbelebungsmaßnahmen – eine nach ärztlichem Ermessen irreversible hypoxisch-ischämische Hirnschädigung erlitten habe. Den Befund hätten  externe Experten bestätigt, die Entscheidung des Klinikums habe der Vorsitzende der Organkommission Herz/Lunge der Ständigen Kommission Organtransplantation (StäKo) bei der BÄK unterstützt.

Heftige emotionale Debatte
Der Fall des kleinen Muhammet hatte in türkischen und deutschen Medien und in sozialen Netzwerken heftige emotionale Reaktionen ausgelöst, seit Anfang August bekannt geworden war, dass das Kinderherzzentrum Gießen den Jungen nicht zur Herztransplantation listen werde (Süddeutsche Zeitung 2014; Nr. 176 vom 2./3. August). Die Eltern waren an die Öffentlichkeit gegangen. Sie hatten 400 000 Euro für die Behandlung in Deutschland hinterlegt.

„Das Geld haben sie erhalten, aber nun warten die Ärzte, bis unser Baby stirbt“, schrei­ben sie auf Facebook. Die Ablehnung einer Aufnahme auf die Warteliste bedeute eine Diskriminierung behinderter Menschen. Das Argument wird nun auch von der Politik wie Bündnis90/Die Grünen aufgenommen  (SZ 2014; Nr. 186 vom 14./15. August). Das UKGM hatte diesen Vorwurf auf Anfrage des Deutschen Ärzteblatts (DÄ) zurück­gewiesen. „Vorwürfe, Behinderte erhielten grundsätzlich kein postmortales Organ, sind falsch“ 

Medizinische Aspekte können nur die Ärzte beurteilen
Der Vorsitzender der StäKo, der Jurist Hans Lilie von der Universität Halle, betont: „Dies sind Einzelfallentscheidungen, die in Transplantationskonferenzen nach dem Mehr­augen­prinzip unter Abwägung meist komplexer medizinischer Sachverhalte getroffen werden. Diese Autonomie müssen die Transplantationskonferenzen an den Zentren behalten. Im konkreten Fall gibt es keine Hinweise darauf, dass die Entscheidung nicht richtlinienkonform gewesen wäre. Medizinische Aspekte können nur die Ärzte beurteilen.“

„Der Vorwurf, behinderte Menschen würden bei der Zuteilung postmortaler Organe in Deutschland generell nicht angemessen berücksichtigt, ist falsch“, meint der Regens­burger Nephrologe Bernhard Banas. Banas ist President-elect der Deutschen Transplan­tationsgesellschaft (DTG). Auch er könne den konkreten Fall nicht bewerten, so Banas zum DÄ.

„Grundsätzlich aber transplantieren wir und andere selbstverständlich auch behinderten Menschen ein Organ, eine Niere zum Beispiel einem geistig behinderten Kind. Behin­derte Kinder leiden unter den regelmäßigen mehrstündigen Dialysen oft besonders und können kaum noch versorgt und sozial integriert werden. Sie können ein Organ erhalten, wenn sich dadurch ihre Situation insgesamt deutlich verbessert.“

Großes ethischen Dilemma
Bei der Zuteilung der extrem knappen postmortalen Organe sei man prinzipiell in einem großen ethischen Dilemma, weil wegen des eklatanten Organmangels notgedrungen Patienten ausgeschlossen werden müssten. Laut TPG sollen Erfolgsaussicht und Dringlichkeit bei der Allokation der Organe abgewogen werden.

Dass dies oft einander gegenläufige Kriterien sind, deren Gewichtung nicht konkretisiert ist, wird seit Längerem als „Geburtsfehler“ des Gesetzes kritisiert. Soll die Erfolgsaus­sicht über die Prognose des Patienten definiert werden oder das voraussichtliche Über­leben des Organs? Was bedeutet Dringlichkeit? Auch der Deutsche Ethikrat regt an, die ethischen Aspekte solcher Entscheidungen in öffentlichen Debatten zu benennen und zu bewerten (DÄ 2013; 110: S. Deutscher Ethikrat. „Werden Organe gerecht verteilt?“).

Die DTG wird laut Banas einen offiziellen Antrag stellen, damit das Gremium mit der Erarbei­tung ethischer Bewertungsmaßstäbe für die Konkretisierung der Gesetzes­vorgaben beauftragt wird. Lilie sagte dem DÄ: „Ich würde Konkretisierungen begrüßen. Die Stän­dige Kommission Organtransplantation wäre bereit, diese in einem offenen, transpa­renten Verfahren in den Richtlinien umzusetzen.“

Ethisch bedenklich: Das Einreisen zum Zweck der Transplantation
Ein ethisches Problem kann darin gesehen werden, dass Patienten – wie in diesem Fall – zum Zweck der Transplantation eines postmortalen Organs in ein Land reisen, das nicht dem Spender-Pool angehört, wie die Türkei. Sie ist weder EU-Mitglied, noch im Euro­transplant-(ET)-Verbund (Deutschland und sieben weitere Staaten). Und es gibt keine „pay-back-“Vereinbarungen mit Non-ET-Ländern und konkret mit der Türkei auch keinen Austausch postmortaler Organe. Eine fehlende Gegenseitigkeit bei der Organ­spende aber könnte von der Bevölkerung der Spender-Pool-Länder als ungerecht empfunden werden und der Bereitschaft zur Organspende entgegenwirken, heißt es in einem Grundsatz­papier der Welt­gesund­heits­organi­sation.

Ob der kleine Muhammet in einem anderen Land ein neues Herz erhalten wird, war bei Redaktionsschluss offen. © nsi/aerzteblatt.de

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