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Ausland

WHO: Ebola-Epidemie noch schlimmer als befürchtet

Freitag, 15. August 2014

Am Flughafen in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, messen Flughafenangestellte Fieber bei den Passagieren /dpa

Abuja/Monrovia – Die Ebola-Epidemie in Westafrika könnte noch weit schlimmer sein als bisher angenommen. Mitarbeiter hätten in den betroffenen Gebieten Hinweise dafür gefunden, dass das wahre Ausmaß des Ausbruchs deutlich über den bislang bekannten Zahlen zu Krankheitsfällen und Opfern liege, teilte die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) mit. Die vier von Ebola betroffenen Länder haben der WHO zufolge inzwischen mehr als 2.100 Fälle an die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) gemeldet. 2.127 Infektionen und 1.145 Tote wurden bis zum 13. August erfasst.

Binnen zwei Tagen seien damit 152 neue Fälle und 76 weitere Tote gemeldet worden. Mit einem Labortest bestätigt sind demnach bisher 1310 Infektionen und 712 Todesfälle.  „Der Erreger breitet sich schneller aus, als wir ihn bekämpfen können“, warnte heute Joanne Liu, die Leiterin von Ärzte ohne Grenzen.

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Liu sagte nach einem zehntägigen Besuch der Krisengebiete, ihre Organisation sei im Kampf gegen Ebola an ihre Grenzen gestoßen. Die Lage verschlechtere sich schneller, als die Helfer darauf reagieren könnten. Liu verglich die Lage mit einem Krieg. „Wie in Kriegszeiten haben wir es mit einem völligen Zusammenbruch der Infrastrukturen zu tun", sagte sie. Alle hätten Angst, und diese fördert nicht gerade das beste Verhalten.

Viele Menschen mieden die Gesundheitszentren, gleichzeitig seien diese oftmals völlig überlastet. Liu forderte eine „neue Strategie". Alle Regierungen müssten ihre Kräfte mobilisieren, die Hilfe müsste von der WHO koordiniert werden

Oft kein effizientes Meldesystem
Von dem Ausbruch sind in Guinea, Liberia und Sierra Leone vielfach sehr abgelegene Gebiete betroffen, in denen es kein effizientes Meldesystem gibt. Zudem stehen viele Menschen den Ärzten skeptisch gegenüber und vertrauen lieber traditionellen Heilern. Oft werden erkrankte Angehörige in den Häusern versteckt, um sie vor einem Transport zu Quarantänestationen zu bewahren – auch sie tauchen nicht in den offiziellen Listen auf.

Noch ist unklar, ob dies auch für Afrikas bevölkerungsreichstes Land Nigeria gelten könnte. Dort wurde inzwischen ein weiterer Ebola-Fall bestätigt: Ein Arzt habe sich mit dem Virus angesteckt, sagte Ge­sund­heits­mi­nis­ter Onyebuchi Chukwu. Damit erhöht sich die Zahl der erfassten Infizierten im Land auf elf. Drei davon sind bereits gestorben. Von den acht Infizierten in Quarantäne sei aber mehr als die Hälfte auf dem Weg der Besserung, so Chukwu. Erwogen wird demnach, das experimentelle Ebola-Mittel „NanoSilver“ einzusetzen, das von einem nigerianischen Wissenschaftler entwickelt wurde.

Derzeit stünden in Nigeria 169 Menschen wegen Ebola-Verdachts unter Beobachtung, 163 in Lagos und sechs in Enugu, hieß es weiter. Die Fälle in Enugu gehen demnach auf eine Krankenschwester zurück, die in Lagos aus der Quarantäne floh und in die gut 500 Kilometer östlich liegende Stadt reiste. Alle bestätigten und Verdachtsfälle gehen wiederum auf einen infizierten Berater der liberianischen Regierung zurück, der im Juli in die Millionenmetropole Lagos gereist und dort am Flughafen zusammengebrochen war.

Nigeria: Medizinisches Personal streikt
Präsident Goodluck Jonathan griff zu einer drastischen Maßnahme, um einem seit fast sieben Wochen dauernden Streik des medizinischen Personals Einhalt zu gebieten: Der Staatschef orderte die sofortige Entlassung von 16.000 Ärzten an. Dies gehe aus einer internen Mitteilung an das Ge­sund­heits­mi­nis­terium hervor, berichtete die Zeitung Premium Times. Das Ministerium könne nun andere Mediziner für die Behandlung von Patienten einstellen, wurde der Sprecher Isiaka Yusuf zitiert.

Mit dem Ausstand will das medizinische Personal bessere Arbeitsbedingungen und höhere Gehälter einfordern. Der Streik hat jedoch die Bemühungen um eine Eindämmung des Virus beeinträchtigt. In Nigeria leben Schätzungen zufolge fast 170 Millionen Menschen.

Zustände in Liberias Hauptstadt Monrovia katastrophal
Welche Folgen eine Ausbreitung von Ebola für Nigeria haben könnte, zeigt das Beispiel des viel kleineren Landes Liberia: Die Notfall-Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Liberia, Lindis Hurum, bezeichnete die Situation in der Hauptstadt Monrovia als „katastrophal“. Es gebe Berichte, dass sich in den vergangenen Wochen mindestens 40 Mitarbeiter von Gesundheitseinrichtungen mit Ebola angesteckt hätten. Die meisten Krankenhäuser der Stadt seien geschlossen, und es werde gemeldet, dass auf den Straßen und in Häusern Leichen liegen.

Dem Land droht zudem eine Lebensmittelknappheit. Das Nachbarland Elfenbeinküste hat den Schiffsverkehr aus betroffenen Ländern durch seine Gewässer verboten. Auch der Luftverkehr nimmt immer weiter ab. Um eine Ausbreitung von Ebola in den überfüllten Gefängnissen zu verhindern, ordnete das Justizministerium Liberias an, mehr als 100 Gefangene aus der Untersuchungshaft zu entlassen, denen kleinere Vergehen vorgeworfen wurden.

Sierra Leone: Preise für Grundnahrungsmittel um bis zu 40 Prozent gestiegen
Auch in Sierra Leone verschlimmert sich die Lage weiter. Da Menschen unter Ebola-Verdacht ihre Häuser 21 Tage nicht verlassen dürften, könnten sie weder ihre Felder bestellen noch einkaufen, teilte die Welthungerhilfe heute mit. „Im Land sind die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis bereits um bis zu 40 Prozent gestiegen.“ Die USA forderten Angehörige von Mitarbeitern der US-Botschaft im Land auf, wegen der Ebola-Epidemie das Land zu verlassen. Es mangele an medizinischer Versorgung, teilte das US-Außenministerium mit.

Das Auswärtige Amt in Berlin hatte schon am Mittwoch alle deutschen Staatsbürger zur Ausreise aus Guinea, Sierra Leone und Liberia aufgefordert. Medizinisches Personal ist ausgenommen, auch die deutschen Vertretungen blieben geöffnet. In der Folge seien viele Deutsche ausgereist, sagte ein Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Liberia. Die Vertretung sei geöffnet, momentan sei aber nur noch ein Mitarbeiter im Einsatz ­­- er selbst.

Mehrere Hilfsorganisationen wie die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe hatten hingegen mitgeteilt, weiter in den betroffenen Ländern aktiv zu bleiben. „Wir beurteilen die Lage selbstständig“, sagte Welthungerhilfe-Sprecherin Simone Pott, die Mitarbeiter in Sierra Leone und Liberia würden vorerst nicht abgezogen. © dpa/afp/aerzteblatt.de

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