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Medizin

„Biochirurgie“: Bakterium bekämpft erfolgreich Krebsmetastasen

Sonntag, 17. August 2014

C. novyi-NT (Die dunkleren stabförmigen Bakterien) in einem Hundetumor /David L. Huso and Baktiar Karim of the Johns Hopkins Department of Pathology

Kansas City – Die meisten Ärzte und Krebspatienten dürften die Injektion von lebenden Bakterien in einen Tumor für keine gute Idee halten. Sie ist aber die Essenz einer „bakteriologischen Biochirurgie“, die US-Forscher einem Arzt aus dem 19. Jahrhundert abgeschaut und jetzt mit einigem Erfolg im Tiermodell erprobt haben. In Science Translational Medicine (2014; 6: 249ra111) berichten sie auch über einen ersten Heilversuch bei einer Patientin mit einem metastasierten Krebsleiden.

Der Zufallsbefund eines Krebspatienten, bei dem es nach einem Erysipel zur Remission des Tumors gekommen war, veranlasste 1891 den US-Chirurgen William Bradley Coley dazu, Krebspatienten mit dem Erysipel-Erreger Streptococcus pyogenes zu behandeln. Nachdem die ersten beiden Patienten verstarben, wechselte Coley auf eine Lösung mit abgetöteten Bakterien, mit der er eine bessere Wirkung erzielt haben soll.

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Die Therapie wurde ein kommerzieller Erfolg. Verschiedene Firmen sollen Coleys Toxin in den USA noch bis in die 1950er Jahre hergestellt haben. Danach geriet es in Vergessen­heit, außer unter Alternativmedizinern in Deutschland, die Coley heute als Begründer der „Krebsimmuntherapie“ betrachten, die lange Zeit als esoterisch eingestuft wurde.

Vor mehr als einem Jahrzehnt griff der Krebsforscher Bert Vogelstein von der Johns Hopkins University in Baltimore die Idee wieder auf. Vogelstein hatte zuvor die Interleukin 2-Therapie bei Melanomen eingeführt. Sie gilt heute als die erste moderne Krebsimmun­therapie: Denn die Infusion des Zytokins Interleukin 2 soll die körpereigenen T-Zellen auf den Krebs aufmerksam machen. Heute sind mehrere Medikamente im Einsatz, die die Attacke des Immunsystems auf den Tumor verstärken. Ein Beispiel ist der 2011 zu­gelassene Wirkstoff Ipilimumab, der mit Erfolg beim malignen Melanom eingesetzt wird.

Vogelstein experimentierte mit dem Bakterium Clostridium novyi, einem Verwandten des Botulismuserregers, der wie dieser ein obligater Anaerobier ist, also nur bei Sauerstoff­mangel gedeihen kann. Vogelstein hatte die Idee, mit Clostridium novyi gezielt das anaerobe Zentrum von Tumoren zu zerstören. Der Sauerstoff im übrigen Bereich des Körpers sollte verhindern, dass die Infektion mit dem Bakterium schwere Neben­wirkungen auslöst.

Die Therapie wird heute von der Firma BioMed Valley Discoveries Inc. in Kansas City, Missouri, weiter entwickelt. Dort experimentiert ein Forscherteam um Saurabh Saha mit C. novyi-NT, einer abgeschwächten Variante des Bakteriums, das keine Toxine herstellt. Dies soll die Verträglichkeit weiter verbessern, da die Toxine durch Diffusion vom Tumor in den Kreislauf gelangen könnten.

Zunächst hatten die Forscher – wie Coley ein Jahrhundert zuvor –die Sporen intravenös appliziert. Inzwischen bevorzugen sie die direkte Injektion von C. novyi-NT in den Tumor. Anders als Ende des 19. Jahrhunderts müssen neue Therapien zunächst im Tierversuch untersucht werden. Die ersten Experimente wurden an Ratten durchgeführt, bei denen die Injektion der Sporen Hirntumore verkleinerten und die Überlebenszeiten der Tiere verlängerten. Für die nächsten Experimente wählten die Forscher Hunde aus, die ähnlich häufig wie Menschen spontan an Krebs erkranken, während die Tumore bei den Ratten künstlich erzeugt werden mussten.

Die Forscher injizierten die Bakterien in die Tumore von 16 Hunden. Bei sechs Hunden kam es zu einer Rückbildung des Tumors: Bei drei dieser Tiere verschwanden die Tumore vollständig. Dies veranlasste die Forscher zum Beginn einer Phase 1-Studie. Der erste Patient war eine 53-jährige Frau mit einem retroperitonealen Leiomyosarkom, einem bösartigen Tumor der glatten Muskulatur. Der Krebs hatte trotz mehrfacher Chemo- und Radiotherapien in Leber, Lungen, Abdomen, Oberarm und Schulter metastasiert.

Die Forscher injizierten 10.000 Sporen in die Schultermetastase. Und obwohl die Dosis hundertfach niedriger war als bei den Hunden, kam es laut der aktuellen Publikation zu einer Rückbildung der Metastase in der Computertomographie. Eine Kernspin­tomo­graphie bestätigte Wochen später, dass ein signifikanter Anteil des Tumors zerstört worden sei, berichtet Saha. Er vermutet, dass die Wirkung nicht allein den Bakterien zu verdanken sei. Es könnte zusätzlich zu einer Reaktion des Immunsystems gekommen sein. Er zieht einen Vergleich mit den neuen Antikörpern wie Ipilimumab, die eine Bremse des Immunsystems lockern. Möglicherweise könnten beide Therapien miteinander kombiniert werden.

Ob die Studie den prinzipiellen Beweis für die „bakteriologische Biochirurgie“ erbracht hat, dürfte von den Ergebnissen bei weiteren Patienten abhängen. Das Team hat bei clinicaltrials.gov eine Folgestudie angemeldet, an der 18 Patienten teilnehmen sollen (NCT01924689). © rme/aerzteblatt.de

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