Medizin

Synapsen-Defekte können mentale Erkrankungen auslösen

Montag, 18. August 2014

Baltimore – Hirnforscher vermuten seit längerem, dass eine Entwicklungsstörung der Synapsen eine mögliche Ursache für schwere mentale Erkrankungen wie die Schizophrenie ist. Stammzellforscher können dies jetzt in Nature (2014; doi: 10.1038/nature13716) belegen.

In den 1970er Jahren hatten Forscher der Universität Edinburgh die Häufung von psychia­trischen Diagnosen in einem schottischen Clan auf eine Verlagerung von Genen auf den Chromosomen (Translokation) zurückgeführt. Im Jahr 2000 wurde das verant­wortliche Gen beschrieben: „Disrupted in schizophrenia 1“ oder DISC1 war in der Familie nicht nur mit Psychosen verbunden. Auffällig viele Familienmitglieder litten auch unter einer bipolaren Störung, einer Major-Depression oder unter Autismus.

Anzeige

Später wurden ähnliche Mutationen von DISC1 auch in einer amerikanischen Familie gefunden. Ein Team um Guo-li Ming von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore entnahm vier Mitgliedern der amerikanischen Familie Hautbiopsien. Darunter war ein Vater, der an einer schweren Depression erkrankt war, seine gesunde Frau sowie zwei Töchter: Eine litt an einer Schizophrenie, die andere war gesund.

Die Forscher isolierten Fibroblasten aus der Biopsie, bildeten daraus induzierte pluripo­tente Stammzellen (iPS), die sie wiederum in Nervenzellen differenzierten. Damit konnten sie erstmals das Verhalten der Nervenzellen von Personen mit schweren psychiatrischen Erkrankungen in der Petri-Schale nachbilden.

Wie die Forscher berichten, entwickelten sich die Nervenzellen der beiden psychia­trischen Patienten weitgehend normal, sie bildeten jedoch nur etwa halb so viele Synapsen aus wie Nervenzellen, die aus den iPS der gesunden Familienmitglieder generiert wurden. Weitere Untersuchungen ergaben, das die Mutationen in DISC1 die Aktivität von mehr als hundert Genen beeinflusste.

Darunter waren 89 Gene, die in früheren Untersuchungen mit Schizophrenie, bipolarer Erkrankung, Depression oder anderen psychiatrischen Erkrankungen in Verbindung gebracht worden waren. Die Forscher konnten sogar zeigen, dass die Einfügung von Mutationen in den gesunden Stammzellen eine Störung der Synapsenbildung auslöste, während die Beseitigung des Gendefekts zu einer normalen Entwicklung von Nerven­zellen aus iPS führte, aus denen sich zuvor nur defekte Nervenzellen gebildet hatten.

Die Studie belegt, dass Störungen der Synapsen eine mögliche Ursache von mentalen Erkrankungen sind. Dies bedeutet allerdings nicht, dass sich alle psychiatrischen Erkrankungen auf Funktionsstörungen der Synapsen zurückführen lassen. Patienten mit Mutationen im DISC1 sind extrem selten, und bei den meisten Erkrankten dürften andere Ursachen für die mentale Erkrankung vorliegen. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

24.02.17
Ethikrat: Zwang in der Psychiatrie wirft viele Fragen auf
Berlin – Der Deutsche Ethikrat hörte gestern in Berlin Sachverständige zum Thema „Zwang in der Psychiatrie“ an. Es war „die größte Anhörung, die der Ethikrat je durchgeführt hat“, betonte der......
22.02.17
Depressionen: Merkel fordert Entstigmati­sie­rung
Berlin – Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht großen Handlungsbedarf für die Aufklärung über Depressionen – und für Gespräche mit Arbeitgebern darüber. Viele Menschen trauten sich nicht, über......
20.02.17
Berlin – Eine breite gesellschaftliche Debatte zum Selbstbestimmungsrecht der Patienten fordert die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).......
13.02.17
Bundestagswahl: Psychiater legen Forderungskatalog auf
Berlin – Die dringendsten Handlungsfelder auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in einem......
01.02.17
Kapstadt – In Südafrika sind 94 psychisch kranke Patienten an den Folgen von Vernachlässigung und Fehlbehandlungen gestorben, nachdem sie von Behörden an unqualifizierte Einrichtungen überstellt......
31.01.17
Kindesmissbrauch in der Familie: Erste öffentliche Anhörung in Berlin
Berlin – Heute findet am Pariser Platz in Berlin die erste öffentliche Anhörung (Hearing) der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UKASK) statt. Seit der Gründung vor......
25.01.17
Zwangsbehandlungen: Bundeskabinett schließt Gesetzeslücke
Berlin – Eine ärztliche Zwangsbehandlung psychisch kranker Patienten soll künftig auch außerhalb geschlossener Einrichtungen möglich sein. Das sieht ein Gesetzentwurf von Bundesjustizminister Heiko......
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige