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Medizin

Polio: Mutiertes Virus durchbricht Impfschutz deutscher Medizinstudenten

Dienstag, 19. August 2014

Bonn – Eine Polio-Epidemie, die 2010 im Kongo mit einer ungewöhnlich hohen Sterb­lichkeit einherging, wurde durch ein mutiertes Virus ausgelöst, gegen das laut einer Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS 2014; doi: 10.1073/pnas.1323502111) ein Drittel aller jungen Erwachsenen in Deutschland vermutlich keine ausreichende Immunität hätte.

Infektionen mit dem Poliomyelitis-Virus verlaufen in der Regel inapparent. Nur etwa 4 bis 8 Prozent der Infizierten erkranken, wobei es meist nur vorübergehend zu unspezifischen Symptomen kommt. Zur (dann allerdings lebenslangen) schlaffen Lähmung kommt es nur bei einem von etwa hundert Kindern und Todesfälle sind sehr selten.

Der Ausbruch, zu dem es 2010 im Kongo gekommen war, überraschte die Experten durch seine hohe Mortalitätsrate von 47 Prozent: Von 445 Patienten, zumeist junge Erwachsene, starben 209 an den Folgen der Krankheit. Hinzu kam, dass viele der Erkrankten offensichtlich geimpft worden waren: Bei Befragungen erinnerte sich knapp die Hälfte der Patienten, die vorgeschriebenen drei Impfdosen erhalten zu haben.

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Dies veranlasste ein internationales Forscherteam um  Christian Drosten, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, die Erreger genauer unter die Lupe zu nehmen. Die genetische Analyse führte zur Entdeckung einer bisher unbekannten Abfolge von Aminosäuren an der „antigenic site 2“ der Viruskapsel. Da dies eine Erkennungsstelle für die Antikörper ist, vermuteten die Virologen, dass die Mutation die Antigenität des Virus verändert haben könnte. Dieser Verdacht bestätigte sich bei serologischen Untersuchungen, die unter anderem an Blutproben von 34 Medizin­studenten der Uni Bonn durchgeführt wurden.

Alle Studenten waren als Kinder gegen Polio geimpft worden. Und zwar durchaus mit Erfolg, wie ein erster Test zeigte: Mit „normalen“ Polioviren wurden die Antikörper im Blut der Probanden problemlos fertig. Anders sah es beim mutierten Virus aus; hier war die Immunreaktion deutlich schwächer. Zwischen 15 und 29 Prozent der Studenten hätten vom neuen Polio-Virus infiziert werden können, schätzt Prof. Drosten.

Wäre das Virus 2010 nach Deutschland gelangt, hätte es hier durchaus eine Epidemie auslösen können. Dass es dazu nicht gekommen ist, war einem massiven Impfprogramm im Kongo zu verdanken, das in den betroffenen Regionen alle Altersgruppen umfasste. Die Schluckimpfung erzeugte auch bei den vorgeimpften Personen innerhalb kurzer Zeit eine protektive Immunität, die das mutierte Virus nicht durchbrechen konnte.

Dennoch zeigt die Studie, dass von der Polio weiterhin eine potenzielle weltweite Bedrohung ausgeht. Das Virus kann mit den infizierten, aber meist nicht erkrankten Personen schnell größere Distanzen überwinden. Eine genetische Stammbaumanalyse der Viren ergab, dass sie vermutlich aus Asien eingeschleppt wurden. Dort haben sie sich dann mit Viren aus Angola und dem Kongo vermischt. Irgendwann in diesem Prozess sind die Mutationen entstanden, die die Pathogenität des Virus erhöht und die Antigenität für die heutigen Impfstoffe herabgesetzt hat.

Die hohe Migrationsbereitschaft macht auch der Polio-Eradikations-Initiative immer wieder zu schaffen. Eigentlich hatte die Weltgesundheitsorganisation das Virus bis 2000 ausrotten wollen. Seit einigen Jahren ist die Zahl auf wenige hundert Erkrankungen pro Jahr gesunken.

Durch Importe kommt es immer wieder zu kleinen Ausbrüchen in Ländern, die lange poliofrei waren. Sie treten typischerweise in von Kriegen betroffenen Länder auf. Im letzten Jahr war es plötzlich in Somalia zu 100 Erkrankungen gekommen, und es scheint derzeit nur eine Frage der Zeit, bis es im Einflussgebiet des Islamischen Staates in Syrien und Nordirak zur nächsten Epidemie kommt. © rme/aerzteblatt.de

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