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Medizin

Kardiale Todesfälle unter Clarithromycin

Mittwoch, 20. August 2014

Kopenhagen – Die Verordnung von Clarithromycin, nicht aber von Roxithromycin, war in einer bevölkerungsbasierten Studie aus Dänemark mit einer erhöhten Rate von kardialen Todesfällen verbunden. Die Publikation im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2014; 349: g4930) bestätigt die bereits für Erythromycin und Azithromycin bekannten Risiken, die auf eine Verlängerung des QT-Intervalls und auf mögliche Interaktionen bei der Elimination über die P450-Enzyme in der Leber zurückgeführt werden.

Eine Verlängerung des QT-Intervalls im EKG zeigt eine Störung der kardialen Repola­risierung an, die im Extremfall zu einer Torsades de pointes und zum Kammerflimmern führen kann. Bei Makroliden wird die Komplikation auf eine Störung der sogenannten einwärts gleichrichtenden Kaliumkanäle zurückgeführt.

Die Folge ist ein Anstieg der kardialen Todesfälle. Sie wurde zuerst für Erythromycin beschrieben, das in einer Kohortenstudie mit einer zweifach erhöhten Inzidenzrate von kardialen Todesfällen assoziiert war. Bei der gleichzeitigen Verordnung von Medika­menten, die den Abbau des Makrolids über das P450-Enzym CYP3A hemmen, war das Risiko sogar fünffach erhöht (NEJM 2004; 351: 1089-1096). Vor zwei Jahren wurde erkannt, dass auch die Verordnung vom Azithromycin mit einem Anstieg von kardio­vaskulären Todesfällen einhergeht. Das Risiko war in einer Kohortenstudie fast verdreifacht (NEJM 2012; 366: 1881-90), was die US-Arzneimittelbehörde FDA zu einem Sicherheitshinweis veranlasste.

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Jetzt deutet eine Kohortenstudie aus Dänemark auch für das Makrolid Clarithromycin ein erhöhtes Risiko an. Henrik Svanström vom Statens Serums Institut in Kopenhagen und Mitarbeiter haben ermittelt, dass 285 von 160.297 Patienten im Alter von 40 bis 74 Jahren während einer siebentägigen Antibiotikatherapie mit Clarithromycin oder in den 30 Tagen danach an einem Herztod gestorben sind.

Svanström errechnet eine Inzidenzrate von 5,3 pro 1.000 Personen-Jahre, die damit um 76 Prozent höher war als bei einer Verordnung von Penizillinen (Rate Ratio RR 1,76, 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,08 bis 2,85). Besonders ausgeprägt war die Assoziation bei Frauen (RR 2,83; 1,50-5,36), bei Männern war sie nicht signifikant (RR 1,09; 0,51-2,35). Frauen gelten als anfälliger für QT-Verlängerungen als Männer. Anders als bei Erythromycin war ein Einfluss von CYP3A-Inhibitoren nicht erkennbar. Das absolute Risiko für den Patienten war gering. Nach den Berechnungen von Svanström kommen auf 1 Million Antibiotikaverordnungen 37 zusätzliche kardiale Todesfälle.

Für Roxithromycin konnte der Statistiker nur ein tendenziell erhöhtes Risiko nachweisen. Die Rate Ratio von 1,04 (0,72-1,51) bedeutet, das auf 1 Million Verordnungen 2 zusätzliche Todesfälle kommen könnten, falls Roxithromycin tatsächlich das Risiko erhöhen sollte.

Das geringe absolute Risiko dürfte den Einsatz von Clarithromycin bei den meisten Patienten nicht infrage stellen. Vorsicht geboten ist jedoch bei Patienten mit verlängertem QT-Intervall oder bei der gleichzeitigen Behandlung mit CYP3A-Inhibitoren. Hier gibt es in den Fachinformationen zu Clarithromycin, aber auch zu Roxithromycin, bereits entsprechende Hinweise.

© rme/aerzteblatt.de

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