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Medizin

Polio: Kombinierte Impfung verbessert Darmimmunität

Freitag, 22. August 2014

Modell eines Polio-Virus dpa

Mumbai – Die seit den 1950er Jahren geführte Debatte, ob der orale Sabin- oder der injizierbare Salk-Impfstoff besser vor einer Poliomyelitis schützt, erhält durch die Ergebnisse einer randomisierten Studie aus Indien in Science (2014; 345: 922-925) eine neue Wendung. Die Kombination beider Impfstoffe verbesserte die Schleimhaut-Immunität im Magendarmtrakt und könnte damit die Gesamtzahl der notwendigen Impfungen verringern. Die Welt­gesund­heits­organi­sation empfiehlt die kombinierte Impfung, die bereits in Nigeria eingesetzt wird und bald auch in Pakistan verwendet werden soll.

Pakistan und Nigeria sind neben Afghanistan die letzten Länder, in denen die Polio noch endemisch ist (und von wo aus Exporte immer wieder zu Ausbrüchen in anderen Ländern führten, in denen die Polio bereits besiegt zu sein schien). In allen drei Ländern gibt es Krisenregionen, in denen die Polioimpfungen nicht immer nach Plan durchgeführt werden können. In Pakistan wurden jüngst sogar Mitglieder von Impfteams ermordet.

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Die Impfungen wurden in den Endemieländern bislang einzig mit dem oralen Sabin-Impfstoff durchgeführt, der abgeschwächte Lebendviren enthält. Der Impfstoff ist billig, führt zu einer besseren Immunität im Darm und kann durch die Weitergabe des Impfvirus sogar die Immunität anderer Menschen stärken. Doch die Schutzwirkung der Schluck­impfung ist insgesamt begrenzt. Alle Kinder müssen mehrfach geimpft werden, in manchen tropischen Region mehr als sieben Mal.

Der Salk-Impfstoff, der intramuskulär injiziert wird, enthält abgetötete Viren. Er sorgt für eine dauerhafte Immunität im Blut, die eine Kinderlähmung sicher verhindert. Seine Schwäche ist die weitgehend fehlende Immunität im Darm. Die Kinder können sich weiterhin mit dem Wildtyp-Virus infizieren.

Sie erkranken zwar nicht, weil die Infektion auf den Darm beschränkt bleibt, sie können jedoch andere Kinder anstecken, die dann möglicherweise an einer Poliomyelitis erkranken (wenn sie noch keinen Impfschutz haben). Da die Sabin-Vakzine lebende Viren enthält, kann zudem eine Rückmutation in ein pathogenes Virus nicht ausge­schlossen werden.

Unklar war bisher, welche Auswirkungen eine Auffrischung mit dem intramuskulären Impfstoff auf Kinder hat, die bereits ein- oder mehrmals die Schluckimpfung erhalten hatten. Ein Team um Roland Sutter vom Polio Operations and Research Department der WHO in Genf hat dies erstmals in einer größeren randomisierten Studie in Indien untersuchen lassen.

Im Oktober 2011 wurden in Uttar Pradesh, einer Provinz im Norden Indiens, fast 1.000 Kinder auf drei Gruppen randomisiert. Blutuntersuchungen ergaben, dass fast alle Kinder Antikörper gegen die Polio im Blut hatten, also bereits erfolgreich oral geimpft worden waren. Als Auffrischung erhielten sie entweder den oralen Sabin-Impfstoff, die intramuskuläre Salk-Vakzine oder keine Auffrischung. Vier Wochen später wurde durch eine „Probe“-Impfung mit der Sabin-Vakzine geprüft, ob die Kinder eine Darmimmunität erreicht hatten. In diesem Fall sollte es nicht zu einer erneuten Ausscheidung der Viren in den Faeces kommen.

Die Ergebnisse widerlegen bisherige Vermutungen. Obwohl der Salk-Impfstoff allein keine Darmimmunität erzeugt, verstärkte er in der Studie die Wirkung der Schluck­impfung. Gegenüber der Kontrollgruppe, die keine Auffrischung erhalten hatten, senkte die Auffrischung mit dem Salk-Impfstoff die Zahl der Virusausscheider in den verschie­denen Altersgruppen um 39 bis 76 Prozent. Dies ist eine aus Sicht von Mitautor Bruce Aylward, einem stellvertretenden Leiter der Polio, Emergencies and Country Collaboration der WHO, eine geradezu revolutionäre Erkenntnis, die bereits die Empfehlungen der WHO verändert hat.

In Nigeria wurde bereits mit einer kombinierten Impfung begonnen, in Pakistan ist sie geplant. Ihr Erfolg wird allerdings davon abhängen, ob die Impfteams auch die entle­genen Regionen erreichen. Derzeit ist dies in Syrien und im Nordirak sehr schwierig. Zu befürchten ist, dass die intramuskulären Impfungen auf größere Vorbehalte stoßen werden als die Schluckimpfung. © rme/aerzteblatt.de

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