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Ausland

Deutsche Ärzte im Ausland – Teil 2: Kanada

Montag, 25. August 2014

Berlin – Der Liebe wegen hat Hanka Stratmann (41) mit 22 Jahren beschlossen, in Kanada als Ärztin zu arbeiten. Mittlerweile versorgt sie in Toronto Patienten in einer „Walk-in-Clinic“, einer Art hausärztlicher Notfallpraxis für Kanadier mit einem akuten medizinischen Problem, die aber noch selbst in die Praxisräume kommen können.

Fünf Fragen an … Dr. med. Hanka Stratmann, „familiy physician“ im „etobicoke urgent care center“ in Toronto

: Warum sind Sie aus Deutschland weggegangen?
Stratmann: In erster Linie bin ich aus privaten Gründen weggegangen. Ich hatte 1993 beim Reisen einen Kanadier kennengelernt. Wir wurden ein Paar, und dann führten wir eine Beziehung über die Distanz. Nach zwei, drei Jahren haben wir diskutiert, ob er nach Deutschland kommen sollte oder ich nach Kanada.

Ich hatte gerade mein Physikum hinter mir. Die Entscheidung für Kanada erschien uns als die bessere Lösung. In Deutschland war damals viel von einer Ärzteschwemme die Rede. Man hörte ständig, dass es tausende angehende Ärzte zu viel gebe, dass viele Mediziner irgendwann Taxi fahren müssten, dass man vielleicht besser noch etwas anderes studieren sollte. Es herrschte schon eine düstere Berufsstimmung. Deshalb bin ich weggegangen: Es gab jemanden, der auf mich wartete, und ich hoffte auf bessere Chancen als Ärztin in Kanada.

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DÄ: Wäre auch ein drittes Land in Frage gekommen?
Stratmann: Eigentlich kam nur Kanada in Frage. Wenn es meinen damaligen Freund nicht gegeben hätte, wäre ich wahrscheinlich trotz allem nicht aus Deutschland weggegangen, nicht damals. Ich hatte auch gehört, dass das Medizinstudium in Kanada besser sein sollte als in Deutschland: praxisorientierter, fachbezogener. Damals dachte ich: Wenn ich irgendwann nach Deutschland zurückkomme, wird mir diese Ausbildung vielleicht positiv angerechnet.

DÄ: Was ist am kanadischen Gesundheitssystem schlechter als am deutschen System?
Stratmann: Das ist für mich gar nicht mehr so einfach zu beantworten, weil ich schon so lange weg bin und nur noch gelegentlich in Deutschland zu Besuch. Ich fand es auf jeden Fall früher einfacher in Deutschland als in Kanada, einen Arzttermin zu bekommen, und habe die deutschen Ärzte teilweise auch als gründlicher erlebt. Das scheint sich in der letzten Zeit teilweise verändert zu haben.

Bei uns in Kanada bekommt man im Notfall sofort einen Termin, aber sonst muss man schon lange warten. Ich habe gerade Probleme mit meinen Knien und erlebe das am eigenen Leib. Patienten auf einer Warteliste vorzuziehen, ist den Ärzten untersagt. Das ist illegal. Als Ärztin wird man von Kollegen nicht bevorzugt, höchstens wenn zufällig ein Patient nicht zu einem Termin erschienen ist und man gerade einspringen kann.

Auf einen Termin beim Orthopäden wartet man deshalb schnell drei, vier Monate, auf eine Knie- oder Hüft-Operation monatelang. Das ärgert die Kanadier schon. Ich habe mitbekommen, dass manche deshalb nach Indien fliegen und sich dort operieren lassen. Die öffentliche Gesundheitsbehörde, bei uns also „Ontario health insurance plan“, hat Eingriffe dort teilweise offenbar schon bezahlt.

DÄ: Und was ist am kanadischen Gesundheitssystem besser als am deutschen?
Stratmann: Mir gefällt, dass das Gesundheitswesen weitgehend über Steuern finanziert wird und so jeder kanadische Staatsbürger und jeder „permanent resident“ versorgt ist. Mit der Versichertenkarte, die man erhält, kann man sich ambulant und stationär behandeln lassen, zahlreiche Impfungen und Tests werden finanziert. Die Medikamente sind allerdings nicht in der Absicherung inbegriffen, außer man ist über 65 Jahre alt beziehungsweise chronisch krank.

In Kanada muss man erst einen Hausarzt aufsuchen. Man kann nicht direkt zu einem Facharzt gehen, zumindest nicht auf Kosten der öffentlichen Gesundheitsbehörde, sondern man wird bei Bedarf dorthin überwiesen. Immerhin sind bestimmte medizinische Geräte rund um die Uhr im Einsatz. Ich war auch schon mal um sechs Uhr morgens bei einer Magnetresonanztherapie.

Aber wie gesagt: Termine beim Spezialisten dauern, und bis man dann beispielsweise wieder einen Termin bekommt, um die Ergebnisse der Untersuchungen zu besprechen… Das frustriert die Leute hier schon. 

DÄ: Unter welchen Umständen würden Sie nach Deutschland zurückkehren?
Stratmann: Die Frage ist schwer zu beantworten. Ich habe Deutschland nach dem Physikum verlassen, hier in Kanada weiterstudiert und mich dann für die Allgemein­medizin entschieden. Dafür habe ich damals eine zweijährige Weiterbildung absolviert und mich danach noch zusätzlich qualifiziert. In Deutschland wird von Allgemeinme­dizinern aber mittlerweile eine fünfjährige Weiterbildung verlangt. Wenn ich zurückkommen würde und als Hausärztin arbeiten wollte, müsste ich mich erneut weiterbilden – trotz all meiner Berufserfahrung. Aber noch einmal irgendwo als Assistenzärztin zu knechten, dazu habe ich  keine Lust.  

Zwei Jahre Weiterbildung in Allgemeinmedizin sind keine lange Zeit, aber sie ist in Kanada  sehr straff organisiert. Meist arbeitet man nur für ein, zwei Monate in den verschiedenen Fachgebieten. Mir hat das auch gereicht. Ich habe dann noch eine Zusatzweiterbildung angehängt, die vor allem die Anästhesie umfasste, und anschließend erst einmal in „Emergency Departments“ gearbeitet, also in der Notaufnahme kleinerer Kliniken. Als mir das zu stressig wurde, bin ich zu meiner jetzigen Stelle gewechselt. Wir betreuen auch Notfälle, aber ambulant, und sind nicht an ein Krankenhaus angeschlossen.

Alles, was nicht unbedingt mit einem Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren werden muss, kann eigentlich zu uns kommen. Viele Kanadier umgehen so die teilweise stundenlange Warterei in den Notaufnahmen der Krankenhäuser. Wenn wir aber das Gefühl haben, dass der Patient doch ein Fall für einen fachärztlichen Spezialisten ist oder in ein Krankenhaus eingewiesen werden muss, dann stellen wir eine Überweisung aus oder lassen ihn zur Notaufnahme in die Klinik transportieren. Ich mag die Arbeit, weil sie sehr vielfältig und interessant ist. Man versorgt alle hausärztlich, von den Babys bis zu den Senioren. Die ersten Infekte der Kleinen, Chlamydieninfektionen der Teenager, Risse und Brüche, Pneumonien – es kommt alles durch die Tür.

Deutsche Ärzte im Ausland – Teil 1: Großbritannien

Berlin – Jahr für Jahr packen deutsche Ärzte ihre Koffer und ziehen ins Ausland, um dort als Arzt zu arbeiten. Welche Erfahrungen sie dort machen, was sie an dem Gesundheitssystem ihres Gastlandes schätzen und was sie am deutschen System vermissen, berichten sie dem Deutschen Ärzteblatt in einer neuen Serie.

Was mich noch an der Rückkehr nach Deutschland hindert: Ich würde als Allgemein­medizinerin in Deutschland wohl auch sehr viel weniger verdienen als in Kanada. Und das Arbeiten ist hier einfach sehr angenehm. Es geht sehr kollegial zu, in der „Walk-in-Clinic“ arbeitet man allein oder mit anderen Allgemeinärzten. In den Kliniken, die ich kennengelernt habe, waren die Hierarchien flach. Wir hatten dort schon sehr viel zu tun. Aber die Vorgesetzten dankten einem den Einsatz, sie besprachen alles mit einem, man fühlte sich anerkannt und gut aufgehoben. Das scheint in Deutschland häufig noch anders zu sein. Auch deshalb habe ich Bedenken zurückzukehren.

Hinzu kommt: Ich arbeite so viel beziehungsweise so wenig wie ich will. Mit einem Vorlauf von etwa drei, vier Monaten werden wir Ärzte gefragt, in welchem Umfang wir arbeiten wollen. Die Verwaltung versucht, die einzelnen Wünsche so zusammenzufassen, dass jeder Tag in der „Walk-in-Clinic“ abgedeckt ist. Ich habe meist eine 20- beziehungsweise 25-Stunden-Woche, das heißt: Ich arbeite zwei- bis viermal in der Woche sechs bis acht Stunden. Auch das würde ich nicht gern aufgeben. © Rie/aerzteblatt.de

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Avatar #657103
ginapilar
am Mittwoch, 10. September 2014, 14:43

Frau

Liebe Kollegin, Sie konnen nun von guten Erfahrungen erzählen. Herzliche Glückwunsch!!!!.bleiben Sie in Kanada. Ich wurde als nicht Eu Arzt eingestuft und es ist katastrophal. ich kann erzählen nur von Burokratie, schlechte Bezahlung und Überstunden
LNS

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