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Medizin

Wachstumshormon: Studie sieht Verbindung mit Schlaganfällen

Dienstag, 26. August 2014

Paris – Die Behandlung von Kindern mit rekombinanten Wachstumshormonen hat in Frankreich zu einem Anstieg von (hämorrhagischen) Schlaganfällen in jungem Alter geführt. Dies geht aus der jüngsten Auswertung des französischen Arms einer europäischen Kohortenstudie in Neurology (2014; doi: 10.1212/WNL.0000000000000737) hervor, deren Ergebnisse jedoch umstritten sind.

Im Jahr 1985 wurde das erste rekombinante Wachstumshormon eingeführt. Zuvor musste das Hormon aus den Hypophysen Verstorbener isoliert werden, was zu einer Reihe von Prionen-Infektionen und tödlichen Jakob-Creutzfeldt Erkrankungen geführt hatte. Diese Gefahr ist seither gebannt, doch die Verfügbarkeit des Hormons in unbegrenzter Menge war von einer anderen Sorge begleitet.

Könnte es sein, dass das Wachstumshormon die Bildung von Krebserkrankungen fördert? Schließlich hatten Patienten mit Akromegalie, bei denen die Hypophyse das Hormon im Überschuss produziert, ein erhöhtes Krebsrisiko. Mehrere Länder richteten damals Patientenregister ein. Diese konnten das Risiko von vermehrten Krebser­krankungen in der Regel nicht bestätigen. Auch die vom Hersteller initiierte National Cooperative Growth Study fand kein entsprechendes Sicherheitssignal.

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Doch Patienten mit Akromegalie erkranken nicht nur an Krebs. Es kommt auch häufiger zu Hirnblutungen, die mit dem Wachstumsimpulsen auf angeborene Hirnaneurysmen in Verbindung gebracht werden. Ob dieses Risiko auch bei Kindern besteht, die wegen Wachstumsstörungen mit dem Hormon behandelt wurden, hat ein Team um Joël Coste vom Hôtel Dieu-Krankenhaus in Paris in einer Auswertung der „Safety and Appropriateness of GH treatment in Europe“ (SAGhE) überprüft.

Die Studie wurde 2009 initiiert, um mögliche Langzeitfolgen der Therapie mit Wachstums­hormonen zu untersuchen. Von den 6.874 Kindern, die im Zeitraum zwischen 1985 und 1996 wegen eines isolierten Mangels an Wachstumshormonen (das heißt nicht als Bestandteil eines Turner-Syndroms oder anderer genetischer Störungen) im Durch­schnitt über vier oder fünf Jahre mit Wachstumshormon behandelt wurde, haben bis zum Alter von 16 bis 32 Jahren elf einen Schlaganfall erlitten, der in den meisten Fällen die Folge einer Subarachnoidalblutung war und bei vier Patienten tödlich endete.

Elf Schlaganfälle auf 6.874 Patienten ist insgesamt eine geringe Zahl. Da jedoch Schlaganfälle in dieser Altersgruppe extrem selten sind, stellen sie eine Häufung dar. Coste ermittelt eine im Vergleich zu Gleichaltrigen in der Normalbevölkerung um den Faktor 3,5 bis 7,0 erhöhte Inzidenzrate von hämorrhagischen Schlaganfällen im Allgemeinen und eine um den Faktor 5,7 bis 9,3 erhöhte Rate von Subarachnoidal­blutungen im Speziellen. Da Subarachnoidalblutungen, wenn sie spontan, das heißt ohne Trauma auftreten, in der Regel die Folge eines rupturierten Hirnaneursymas sind, sieht Coste einen möglichen Zusammenhang mit der vorangegangenen Therapie mit Wachstumshormonen.

Er rät den fast 100.000 Franzosen, die während ihrer Kindheit mit Wachstumshormonen behandelt wurden – die Therapie ist offenbar in Frankreich recht verbreitet – zur Vor­sicht. Sie sollten Tabak und übermäßigen Alkoholkonsum meiden und eine arterielle Hypertonie behandeln lassen. Wenn in der Familie bereits Fälle von Subarachnoidal­blutungen aufgetreten seien, sollten die Betroffenen sich in neurologische Behandlung begeben. Zu einem Screening auf Hirnaneurysmen rät Coste den Betroffenen allerdings nicht. Es gebe auch keinen Grund eine Behandlung mit Wachstumshormonen vorzeitig zu beenden.

Agnes Linglart, die Präsidentin der Société Française d’Endocrinologie et Diabétologie Pédiatrique zweifelt in einem Kommentar in Neurology an der Validität der Daten. Ihre Einwände betreffen zum einen die niedrige Responserate: Nur 45 Prozent der ange­schriebenen Patienten hatten den Fragebogen zurückgeschickt. Darunter könnten sich laut Linglart bevorzugt Patienten befinden, die einen Schlaganfall erlitten hatten, was den Zusammenhang verzerrt haben könnte.

Außerdem sei die Vergleichsgruppe schlecht gewählt. Coste hatte die Patienten mit der Allgemeinbevölkerung verglichen. Besser wäre es aus Sicht von Linglart gewesen, wenn die Autoren Personen mit den gleichen Wachstumsstörungen als Kontrollgruppe gewählt hätte. Damit könnte ausgeschlossen werden, dass die Gesundheitsstörung und nicht die Behandlung für das erhöhte Schlaganfallrisiko verantwortlich ist.

Dass die Studie die Arzneimittelbehörden veranlasst, die Anwendung von Wachstums­hormonen einzuschränken, erscheint unwahrscheinlich. EMA und FDA hatten zwar auf eine frühere Untersuchung von Coste (später publiziert im Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism 2012; 97: 416-25), die ein erhöhtes Sterberisiko gefunden hatte, mit einer Sicherheitsprüfung reagiert, die Indikation aber nicht eingeschränkt. Die EMA hatte zuletzt im Dezember 2011 Präparaten mit rekombinanten Wachstumshormonen ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis bescheinigt. © rme/aerzteblatt.de

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