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Politik

Praxis oder Krankenhaus: Wünsche halten sich bei Medizinstudierenden die Waage

Montag, 1. September 2014

dpa

Berlin – Für die neue Ärztegeneration kommt eine Niederlassung genauso in Frage wie eine Tätigkeit in der Klinik. Dies ergab die aktuelle Onlineumfrage der Universität Trier unter 11.462 Medizinstudierenden, die sie im April diesen Jahres mittlerweile zum zweiten Mal seit 2010 in Kooperation mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), dem Medizinischen Fakultätentag (MFT), der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) und der Studentenvertretung des Marburger Bundes (MB) durchführte.

 „Etwa die Hälfte der befragten Medizinstudierenden gab im Frühjahr an, generell in der ambulanten Versorgung arbeiten zu wollen. Dabei halten sich die Präferenzen für eine angestellte Tätigkeit mit der Niederlassung als Freiberufler die Waage“, erläuterte Rüdiger Jacob von der Universität Trier bei der Vorstellung der Studie heute in Berlin. Die neue Generation lege sich aber  nicht fest: Für etwa drei Viertel der Befragten sei es auch gut vorstellbar, in einer Klinik zu arbeiten.

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„Diese Werte sind eine Herausforderung für die ambulante Medizin, aber auch eine Chance“, sagte Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV. „Wir dürfen jetzt in unseren Bemühungen nicht nachlassen, die Attraktivität des Arztberufes in der ambu­lanten Versorgung zu stärken. Dabei verwies er auf die Kampagne „Lass Dich nieder“, mit der die KBV den Nachwuchs auf die Möglichkeiten in der ambulanten Medizin aufmerksam machen will.

Medizinstudierende wollen eindeutig kurativ tätig sein
Die Befragung untersuchte als zentrale Fragestellung die Erwartungen der künftigen Ärzte an ihren Beruf. „Sie studieren eindeutig Medizin, um später Patienten zu behan­deln“, betonte Jacob. Randgebiete, wie eine Tätigkeit in der Pharmaindustrie,  würden selten genannt. Oben auf der Skala der Erwartungen stünden eine kurative Tätigkeit auf dem neuesten Stand der Wissenschaft und ein abwechslungsreicher Job. Einen hohen Stellenwert haben aber auch die Familie und die Freizeit sowie das Arbeiten in Teams. Ein angemessenes Einkommen werde zwar erwartet, spiele bei der Berufswahl der Studierenden aber eher eine untergeordnete Rolle.

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Bemerkenswert ist für den Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages, Volker Hildebrandt, dass es für das berufliche Profil der Befragten am wichtigsten ist, auf dem neuesten Stand der Wissenschaft (95 Prozent) zu sein. „Auch auf dem Land kommt damit der universitären Vernetzung eine wachsende Bedeutung zu. Die Möglichkeit, an Studien teilzunehmen, schätzen Studierende (35 Prozent) als ein positives Image ihres Faches (23 Prozent) ein.“

Interesse an der Hausarzttätigkeit gestiegen
Besonders präferiert werden momentan von den Studierenden Facharztweiterbildungen in der Inneren Medizin, der Kinder- und Jugendmedizin, der Anästhesiologie und der Allgemeinmedizin. Etwa zehn Prozent der Befragten möchten Hausärzte werden; etwa 35 Prozent können sich dies zumindest vorstellen. „Damit interessieren sich etwa fünf Prozent der Studierenden mehr für die Allgemeinmedizin als bei der letzten Befragung vor vier Jahren“, konstatierte Jacob. Besonders Frauen tendierten zu einer Facharztweiterbildung in der Allgemeinmedizin.

Familienfreundlichkeit wichtiger Aspekt
Urologie, Dermatologie und Augenheilkunde sind bei den Studierenden dagegen weniger beliebt. Deutlich zeigen die Ergebnisse aber auch, dass die sogenannten „weichen“ Faktoren eine immer stärkere Rolle bei der Wahl für ein Fachgebiet einnehmen. Punkte wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit würden von den Studierenden sehr häufig benannt, sagte Jacob.

Die Studierenden zieht es in die Städte
Als einen weiteren Schwerpunkt untersuchte die Befragung regionale Präferenzen für eine künftige ärztliche Tätigkeit bei den Studierenden. Dabei zeigte sich: Der allgemeine Bevölkerungstrend einer Urbanisierung gilt auch für Medizinstudierende. „Sie zieht es eindeutig in die mittleren und großen Städte“, erklärte Jacob. Mehr als 46 Prozent der Befragten wollten später „auf keinen Fall“ in Orten mit weniger als 2.000 Einwohnern arbeiten. Spitzenreiter unter den als Arbeitsort gefragten Bundesländern sind demzufolge Berlin und Hamburg, aber auch Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. In der Schlussgruppe befinden sich die ostdeutschen Bundesländer und das Saarland.

„Diese Ergebnisse zeigen einmal mehr, dass der drohende Ärztemangel eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft darstellt“, erklärte KBV-Vorstand Regina Feldmann. „Das Land ist für die Studierenden von heute nicht interessant. Deshalb müssen wir die Attraktivität des Landarztes noch mehr stärken. Doch das kann keine Aufgabe der Ärzteschaft allein sein.“ Hier seien auch die Kommunen und die Politik gefragt.

Medizinstudierende vielseitig interessiert
„Die Ergebnisse der Befragung zeigen klar, dass die Medizinstudierenden vielseitig interessiert sind. Sie sehen durchaus die ambulante und vor allem die hausärztliche Niederlassung als Option an“, unterstrich Christian Kraef von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland. Ausschlaggebend für eine Entscheidung der Studierenden für den stationären oder den ambulanten Bereich seien  letztlich die Rahmenbedingungen bei der Aus- und Weiterbildung sowie bei der Arbeit.“

„Strukturierte und gut finanzierte Weiterbildungsangebote sind essenziell“, betonte der Medizinstudent. Für die Allgemeinmedizin spiele nicht zuletzt auch das Image eine ausschlaggebende Rolle. „ Obwohl dieses in den vergangen Jahren besser geworden ist, hält sich das Bild des wenig verdienenden, ständig verfügbaren Einzelkämpfers“, berichtete er. Gemeinschaftspraxen, medizinische Versorgungszentren und eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit wiesen dagegen den richtigen Weg und würden den Wünschen der zukünftigen Ärzte entsprechen.

Niederlassungsbedingungen so gestalten, dass mehr Studierende sich für die Grundversorgung entscheiden
„Wir müssen die Wünsche und Bedürfnisse des Nachwuchses ernst nehmen“, betonte auch Gassen. Deshalb sei er auch dagegen, rigide Vorschriften bezüglich Studium oder Niederlassung zu machen. Wichtig sei es vielmehr, die Rahmenbedingungen für die Aus- und Weiterbildung zu verbessern und die Niederlassungsbedingungen vor Ort so zu gestalten, dass mehr junge Leute sich für die Grundversorgung entscheiden. „Wir als KBV haben dafür bereits eine Reihe von Vorschlägen gemacht und auch die Politik hat den Handlungsbedarf erkannt und in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten. Jetzt müssen den Plänen Taten folgen“, forderte er.

Ziel müsse es sein, die Aus- und Weiterbildung im ambulanten Bereich sowohl inhaltlich als auch finanziell so zu gestalten, dass die Studierenden sie als mindestens gleich­wertige und attraktive Alternative zum Krankenhaus wahrnehmen, bekräftigte Feldmann. „Um vor allem die grundversorgenden Fächer zu stärken, bedarf es aus unter anderem einheitlicher bundesweiter Förder- und Vergütungsstandards, einer einheitlichen sektoren­unabhängigen Finanzierung der Weiterbildung sowie einer besseren Verzahnung von Aus- und Weiterbildung“, sagte sie. Besonders das praktische Jahr sollte dabei im Fokus stehen. © ER/aerzteblatt.de

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