NewsPolitikKrankenhäuser: Unterfinanzierung trifft die Patienten direkt
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Krankenhäuser: Unterfinanzierung trifft die Patienten direkt

Freitag, 5. September 2014

dpa

Essen – Die negativen Folgen der strukturellen Unterfinanzierung der deutschen Krankenhäuser lassen sich immer weniger leugnen: 70 Prozent der Chefärzte vertreten in einer aktuellen Umfrage die Ansicht, dass sich die Mittelknappheit im Krankenhaus negativ auf die Patientenversorgung auswirkt. Von den Pflegedienstleitungen glauben dies sogar 82 Prozent, von den Geschäftsführungen immerhin 66 Prozent. Vor allem die persönliche Zuwendung zum Patienten und die Pflege kommen demnach im Kranken­hausalltag wegen des ökonomischen Drucks zu kurz.

21 Prozent der Chefärzte geben an, mindestens einmal im Monat eine für den Patienten nützliche Leistung nicht durchzuführen oder diese durch eine günstigere oder weniger effektive Maßnahme zu ersetzen. 46 Prozent haben einem Patienten zumindest einmal in den vergangenen sechs Monaten eine nützliche Leistung vorenthalten. 45 Prozent der Chefärzte nehmen im Klinikalltag häufig Entscheidungskonflikte zwischen ärztlichen und wirtschaftlichen Zielsetzungen wahr.

Anzeige

Großteil der Krankenhausbeschäftigten spürt den ökonomischen Druck
Dies sind Ergebnisse der Studie „Umgang mit Mittelknappheit im Krankenhaus“ des Lehrstuhls für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen von Jürgen Wasem, die heute in Essen vorgestellt wurde und an der sich 1.432 Chefärzte, 396 Pflege­dienstleitungen und 284 Geschäftsführungen beteiligten. „Es lässt sich allgemein fest­stellen, dass der wirtschaftliche Druck im Krankenhaussektor gegenwärtig vom Großteil der Befragten als sehr stark wahrgenommen wird und folglich mit erkennbaren Ratio­nierungs­tendenzen in der Patientenversorgung verbunden ist“, fasste Studienleiter Antonius Reifferscheid die Studienergebnisse zusammen.

Arbeitsverdichtung bei Ärzten und Pflegekäften immer größer
„Die Mittelknappheit in unseren Krankenhäusern trifft jeden Patienten direkt“, kommentierte Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, die Studien­ergeb­nisse. So sei es absolut fahrlässig gewesen, seit 1995 aus Kostengründen rund 15 Prozent Pflegepersonal abgebaut zu haben: „Die Folge ist eine enorme Arbeitsver­dichtung und letztlich eine Zunahme bei den Krankenhausinfektionen, den Dekubital­ulcera und den Burn-Out-Syndromen. Für menschliche Zuneigung ist sowieso kaum noch Zeit.“

Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte sei zwar in den letzten Jahren absolut gewachsen, dennoch sei es zu einer Arbeitsverdichtung gekommen, weil zugleich die durch­schnittliche Arbeitszeit je Kopf deutlich gesunken sei, erläuterte Windhorst: „Auch wegen der Zunahme der bürokratischen Pflichten verbringen Ärzte heute deutlich weniger Zeit am Patientenbett.“

„Die Krankenhäuser werden kaputt gespart“
„Die Krankenhäuser werden kaputt gespart“, betonte der Kammerpräsident und kritisierte insbesondere die Bundesländer, die ihrer Pflicht zur Finanzierung der Krankenhausinvestitionen immer weniger nachkommen: „Wenn Investitionen nur mit Geld aus der Patientenversorgung bezahlt werden können, muss man sich nicht wundern, dass die Patientenversorgung darunter leidet.“

Neben der Rationierung könnten Krankenhäuser auch versucht sein, der strukturellen Unterfinanzierung durch eine Mengenausweitung in besonders lukrativen Leistungs­bereichen zu begegnen. Hier zeigt die Essener Studie, dass die ökonomisch motivierte Überversorgung von einem relevanten Anteil der Chefärzte als Problem wahrgenommen wird: 39 Prozent vertreten tendenziell die Ansicht, dass ökonomische Gründe zu nicht erforderlichen Eingriffen führen. Dies meinen besonders die kardiologischen und die orthopädischen Chefärzte.

An die Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Krankenhausreform, die am nächsten Montag wieder tagt, appellieren die Essener Studienautoren, vor allem eine Neuregelung der Investitionsfinanzierung zu beschließen, um den Investitionsstau in den Krankenhäusern nicht noch größer werden zu lassen. Denkbar seien auch Mindestpersonalvorgaben insbesondere für den Pflegedienst. © JF/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

17. September 2020
Berlin – Vertreter von Krankenhäusern und Krankenkassen haben den respektvollen Umgang miteinander herausgestellt, den beide Seiten während der Coronapandemie an den Tag gelegt hätten – zum Beispiel
Krankenhäuser und Krankenkassen loben respektvollen Umgang miteinander
17. September 2020
Berlin – Die Ge­sund­heits­mi­nis­terin des Landes Brandenburg, Ursula Nonnemacher (Die Grünen), hat zu strikte Qualitätsvorgaben im Gesundheitswesen kritisiert. „Qualitätsvorgaben wie Mindestmengen haben
Nonnemacher kritisiert zu strikte Qualitätsvorgaben
17. September 2020
Berlin – Der Marburger Bund (MB) hat eine umfassende Krankenhausreform gefordert, die eine Neuordnung der Krankenhausplanung sowie der Krankenhausfinanzierung beinhaltet. „Die bedarfsgerechte
Marburger Bund fordert große Krankenhausreform
16. September 2020
Berlin – Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat erklärt, dass er für diese Legislaturperiode keine große Krankenhausreform mehr plant. „Eigentlich hatte ich mir für 2020 eine Krankenhausreform
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn kann sich Reform des DRG-Systems vorstellen
15. September 2020
Berlin – Die Coronakrise habe deutlich gemacht, dass nötige Investitionen in die Krankenhäuser nicht länger hinausgezögert werden dürfen, so die Position der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Der nun vom Bund
Krankenhauszukunftsgesetz: Bundesärztekammer für höheren Förderbetrag
15. September 2020
München – Der Ministerrat in Bayern hat den Startschuss für 17 neue Krankenhausbauvorhaben gegeben. Das Gesamtfördervolumen beläuft sich auf rund 344 Millionen Euro. Bayerns Ge­sund­heits­mi­nis­terin
Kabinett beschließt 17 neue Krankenhausbauvorhaben in ganz Bayern
14. September 2020
Hannover – Niedersachsens Ge­sund­heits­mi­nis­terin Carola Reimann (SPD) hat der Forderung nach einer Konzentration der Krankenhauslandschaft in Niedersachsen eine Absage erteilt. Gerade in der
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER