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Medizin

Wirkungslücke bei Multiple-Sklerose-Medi­kament entdeckt

Freitag, 5. September 2014

Münster – Trotz einer Behandlung mit dem Antikörper Natalizumab können bei manchen Patienten mit multipler Sklerose (MS) Immunzellen ins Gehirn eindringen und dort Gewebe zerstören. Das berichten Wissenschaftler der münsterschen Uniklinik für Allgemeine Neurologie im Journal of Experimental Medicine (doi 10.1084/jem.20140540).

Die Arbeitsgruppe unter der Leitung des Direktors der Klinik für Allgemeine Neurologie, Heinz Wiendl, untersuchte Blut und Liquor von Patienten, die mit dem MS-Medikament auf Basis des Antikörpers Natalizumab behandelt worden waren. Normalerweise wirkt das Medikament, indem es einen zentralen Pathomechanismus der MS verhindert: das Eindringen schädlicher T-Zellen ins Gehirn über die Blut-Hirn-Schranke.

„Natalizumab blockiert gewissermaßen den Schlüssel für den Durchgang, das Antigen VLA-4“, so Wiendl. In den Patientenproben fanden die Wissenschaftler aber trotzdem eine nennenswerte Zahl der für das Gehirn gefährlichen T-Zellen. „Auf diesen lagerte allerdings kein VLA-4-Antigen“, erläutert der Co-Projektleiter Nicholas Schwab. Offenbar konnten also T-Zellen deshalb ins Gehirn eindringen, weil sie keine Angriffsfläche für Natalizumab bieten.

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Bei ihrer Suche nach einer Erklärung stießen die Wissenschaftler in den Patienten­proben auf eine ungewöhnlich hohe Anzahl der Adhäsionsmoleküle MCAM. „Dieses Molekül hilft den T-Zellen offenbar dabei, sich an die Blut- Hirn-Schranke anzuheften und sie dann auch zu durchdringen“, erläutert Wiendl die zentrale Entdeckung des Forscherteams. Diese bislang nicht bekannte Wirkung von MCAM könnte eine Erklärung dafür liefern, dass Patienten, die das Natalizumab-Medikament absetzen, oft unter besonders schweren MS-Schüben leiden.

Der Mechanismus dafür stellt sich laut den Münsteraner Forschern folgendermaßen dar: Da Natalizumab die VLA-4-tragenden T-Zellen effektiv blockiert, sind die Patienten unter Therapie oft frei von Schüben und dem Fortschreiten ihrer körperlichen Einschrän­kungen. T-Zellen, die es schaffen, diesen Schutz zu unterlaufen, können im Gehirn und im Rückenmark kaum wirken. Wird das Präparat aber abgesetzt, können die verschie­denen T-Zell-Arten gemeinsam umso stärkeren Schaden anrichten. Als die Wissen­schaftler versuchsweise gleichzeitig VLA-4 und MCAM blockierten, gelangten keinerlei schädliche Zellen mehr ins Zentrale Nervensystem. „Dies könnte ein Ansatz zur Entwicklung neuartiger und noch effektiverer Therapien für MS-Patienten sein“, so Schwab.

Wie sich die neuen Erkenntnisse in die Praxis umsetzen lassen, müssen aber noch weitere Versuche klären. Schon jetzt kann das Natalizumab-Medikament nämlich zu schweren Nebenwirkungen führen, da es das Immunsystem schwächt. „Würden zusätzlich auch noch andere Moleküle ausgeschaltet, die die schützende Immunreaktion steuern, sind die Folgen für das Immunsystem noch nicht abzusehen“, erläutert Wiendl die Schwierigkeiten für die Therapie. © hil/aerzteblatt.de

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