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Ausland

Deutsche Ärzte im Ausland – Teil 3: Australien

Mittwoch, 10. September 2014

Jahr für Jahr packen deutsche Ärztinnen und Ärzte ihre Koffer und ziehen ins Ausland, um dort als Arzt zu arbeiten. Welche Erfahrungen sie dort machen, was sie an dem Gesundheitssystem ihres Gastlandes schätzen und was sie am deutschen System vermissen, berichten sie dem Deutschen Ärzteblatt in einer neuen Serie. Eine dieser Ärztinnen ist Andrea Jacobi, die vor mehr als 4 Jahren nach Australien gegangen ist und heute als Assistenzärztin für Psychiatrie (Psychiatry Registrar) arbeitet 

Fünf Fragen an… Dr. Andrea Jacobi, Psychiatry Registrar, Sydney

DÄ: Warum sind Sie aus Deutschland weggegangen?
Jacobi: Vorwiegend aus Abenteuerlust. Im Gegensatz zu meinen Kollegen, vorwie­gend aus internistischen und chirurgischen Fächern, fand ich die Arbeitsbe­dingungen in der Psychiatrie in Deutschland eigentlich gut. Mir hat meine Arbeit Spaß gemacht, und mein Mann und ich fühlten uns auch privat in Deutschland wohl, nur hat uns irgendwann dann doch das Fernweh gepackt.

DÄ: Was hat Sie bewogen, gerade nach Australien zu gehen?
Jacobi: Mein Mann und ich haben Australien viel bereist und fanden den Lebenstil und die Natur in Australien sehr attraktiv. Gerade Sydney mit der Nähe zum Meer, den vielen Stränden und den vielfältigen kulturellen Einflüssen hatte es uns angetan. Dass es dann mit dem Jobangebot gerade in Sydney geklappt hat, hat uns sehr gefreut. Ich kam zu einer Zeit nach Australien, als es noch sehr wenige Ärzte gab, vor allem in der Psychiatrie.

Vor der Auswanderung musste ich einen Sprachtest und den ersten Teil des austra­lischen Examens für „overseas doctors“ absolvieren. Mit dem Jobangebot habe ich ein Visum mit Arbeitsrechten für 4 Jahre bekommen. Momentan arbeite ich in einem Vorort im Westen von Sydney. Der Westen von Sydney ist ein Problembezirk, berüchtigt wegen des hohen Anteils an Migranten, Sozialhilfeempfängern und einer hohen Kriminalitäts­rate. Durch Subventionen vom Staat wurden viele Krankenhäuser im Westen in den letzten Jahren großzügig umgebaut und sind sehr modern.

DÄ: Was ist am australischen Gesundheitssystem schlechter als im deutschen System?
Jacobi: Jeder mit einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung in Australien hat Anspruch auf die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung „medicare“. Medicare deckt aber viele Dienste nicht ab; z.B. zahnärztliche Behandlungen bei Erwachsenen sind stets privat zu bezahlen.

Man merkt einen deutlichen Unterschied in der fachärztlichen Versorgung. Nicht nur, dass Wartezeiten für einen Spezialisten sehr lang sind (6-8 Monate sind keine Seltenheit), hinzu kommt, dass jeder niedergelassene Facharzt sehr viel Geld für seine Dienste verlangt. Kosten von 300 bis 400 australische Dollar für eine Vorstellung beim Spezialisten, auch wenn sie nur 20 Minuten dauert, sind an der Tagesordnung. Man erhält einen Bruchteil von medicare zurück, auf dem Großteil der Kosten bleibt man sitzen.

Falls man eine private Kran­ken­ver­siche­rung hat, übernimmt diese einen Teil der zahnärztlichen Behandlung. Sowohl bei fachärztlicher als auch zahnärztlicher Behandlung gibt es keinen gesetzlich vorgeschriebenen Maximalbetrag, den der Arzt verlangen kann.

Ein weiteres Problem ist, dass deutlich weniger Medikamente zur Verfügung stehen als in Deutschland und insbesondere in der Psychiatrie die teueren Medikamente nur dann großzügig von medicare bezuschusst werden, wenn sie für eine bestimmte Indikation verschrieben werden.

Die Anerkennung des deutschen Abschlusses gestaltet sich auch schwierig. Nach dem Multiple-Choice-Examen (AMC Part 1) erhielt ich eine vorläufige Arbeitsgenehmigung, die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekommt man aber erst, nachdem man den klinischen Teil des Examens bestanden hat, 6 Monate in verschiedenen Rotationen gearbeitet und weitere Hürden bewältigt hat. Dieser Prozess kann sich gut über 2 bis 3 Jahre hinziehen.

Die Weiterbildung der Ärzte wird über „Colleges“ geregelt. Die Colleges sind weitgehend frei in dem, was sie tun. Erst in die letzten Monaten hat sich eine übergeordnete Organisation gebildet, die versucht, einen Einblick in die Colleges zu gewinnen. Die Aufnahmekriterien variieren je nach Begehrtheit des Faches. Generell ist die Weiterbildung sehr teuer und anspruchsvoll.

DÄ: Und was ist am australischen System besser?
Jacobi: Die australischen Krankenhäuser sind teilweise sehr gut ausgestattet. Ambulante Behandlung wird groß geschrieben. Viele Krankenhäuser haben eine eigene Fahrzeugflotte, und jeder, der auf einen Hausbesuch gehen möchte, kann sich ein Auto nehmen. Dazu kommt eine Vielzahl an Übersetzern, die 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen. Daraus entsteht natürlich der Nachteil, dass viele Patienten es nicht für nötig erachten, Englisch zu lernen.

Ein weiterer Vorteil ist die großzügige Bezahlung. Überstunden werden mit circa dem doppelten Satz bezahlt, Schichtarbeit wird bezuschusst und man erhält Freizeitausgleich. Dazu gibt es noch bestimmte Incentives wie Steuervergünstigungen, Aufenthaltsräume für Ärzte, klinikeigene Fitnessstudios und Übernachtungsräume. Man erhält zwar nur 20 Tage Urlaub pro Jahr; da man aber jede Woche 2 Stunden mehr arbeitet, als man eigentlich muss, hat man Anspruch auf einen zusätzlichen freien Tag pro Monat.

Praxiserfahrung wird großgeschrieben. Jeder fertige Medizinstudent muss je nach Bundesstaat 2 bis 3 Jahre durch die verschiedenen Fachdisziplinen rotieren mit verschiedenen Pflichtfächern wie z.B. Notaufnahme. Auch als „overseas graduate“ muss man, um die vollständige Berufsanerkennung zu bekommen, 6 Monate durch verschiedene Abteilungen rotieren. Dies ist mit dem deutschen PJ nicht zu vergleichen, weil man zum einen bezahlt wird, zum anderen auch wirklich viel Verantwortung trägt. Auch von „overseas graduates“ aus englischsprachigen Ländern wird erwartet, ein halbes Jahr zu rotieren. Obwohl ich dies anfangs für Unsinn hielt, habe ich doch im Nachhinein sehr davon profitiert. Gerade die Arbeit in der Notaufnahme ist unglaublich stressig, man lernt aber auch sehr viel.

DÄ: Unter welchen Umständen würden Sie nach Deutschland zurückkehren?
Jacobi: Ich spiele eigentlich oft mit dem Gedanken nach Deutschland zurückzukehren. Falls ich die Examina hier nicht bestehe, wäre dies sicherlich ein Grund für eine Rückkehr. Die Examenstruktur in der Psychiatrie ist sehr undurchschaubar. Die Examina werden vom „RANZCP“ (Royal Australien and New Zealand College of Psychiatry), einer der Ärztekammer ähnlichen Organisation, durchgeführt.

Dabei werden pro Examen 2.000 bis 3.000 australische Dollar verlangt, dazu kommen noch die jährlichen Mitgliedskosten und noch Kosten für andere „assignments“. Die Bestehensquoten für die Examina liegen deutlich unter denen der deutschen Psychiatriefacharztprüfung, und manche Ärzte brauchen viele Jahre zusätzlich zu ihren 5 Jahren Pflichtweiterbildung, um die Examina zu bestehen. Obwohl Australien viele gute Seiten hat, ist und bleibt Deutschland meine Heimat und egal wie lange man hier in Australien lebt, bleibt man immer „Deutscher“. © mis/aerzteblatt.de

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Avatar #681057
medho
am Sonntag, 10. September 2017, 10:09

Erfahrungsbericht Kollegin Jacobi DÄB 2014

Ich würde gerne für 6 Monate als FÄ für Allgemeinmedizin nach Australien gehen- gäbe es Empfehlungen, wie man dies am Besten organisiert- privat oder mit einem Austauschdienst???
LG
Dr.A. Dittmar
LNS

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