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Rechtsstreit um Aufnahme auf die Warteliste für ein Herz endet mit vorläufigem Vergleich

Freitag, 12. September 2014

Gießen – Am Landgericht Gießen ist es zwischen den Eltern eines fast zweijährigen schwer herzkranken Jungen und dem Universitätsklinikum Gießen/Marburg (UKGM) zu einem vorläufigen Vergleich gekommen: Innerhalb von vier Wochen muss eine neue Klinik für das Kind gefunden werden, die bereit ist, es auf die Warteliste für eine Herztransplantation setzen zu lassen und ihm bei passenden Organangebot ein Herz zu transplantieren.

Das UKGM hatte eine Listung für ein neues Herz abgelehnt, nachdem der Junge kurz vor seiner Verlegung aus einem Istanbuler Krankenhaus nach Gießen einen Herzstillstand erlitten hatte und sich ­bei ihm ein schwerer hypoxisch-ischämischer Hirnschaden entwickelt hatte. Der Hirnschaden sei vermutlich im Rahmen der langen, zum Teil auch unkontrollierten Wiederbelebungsmaßnahmen entstanden.  

Das UKGM hatte sich bei der Entscheidung gegen die Listung für ein neues Herz auf das Transplantationsgesetz (TPG) - Erfolgsaussicht und Dringlichkeit sollen bei der Zuteilung abgewogen werden – und auf Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) für die Wartelistenführung und die Organ­vermittlung (gem. § 16 TPG) berufen. Demnach können schwerwiegende Erkrankungen anderer Organe eine Kontraindikation zur Aufnahme auf die Warteliste sein. Die Prüfungs- und die Überwachungskommission der BÄK in gemeinsamer Trägerschaft von Bundes­ärzte­kammer, Deutscher Krankenhaus­gesellschaft und dem GKV-Spitzenverband hatte die Richtlinienkonformität nach einer Prüfung bestätigt.

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Viele Zweitmeinungen eingeholt
Bislang hatten die Eltern mit der Suche nach einem neuen Transplantationszentrum keinen Erfolg. Nach Mitteilung der Universitätsklinik Gießen/Marburg haben auch Gutachten aus Berlin, Bad Oeynhausen, Genf, Hamburg, Kassel, Rotterdam und Wien die Einschätzung des UKGM bestätigt. Dem Wunsch der Eltern und ihres Umfeldes nach einer Zweitmeinung sei somit in vielfacher Weise entsprochen worden.

Die Eltern und ihre Anwälte sehen dagegen eine Benachteiligung behinderter Menschen und wollten mit einer einstweiligen Verfügung am Landgericht Gießen erreichen, dass ihr Sohn auf die Warteliste für ein Spenderorgan kommt. „Wir haben das Gefühl, dass jetzt eine offene Chance besteht für Muhammet Eren in seiner Situation, in der er ist, eine Transplantationsmöglichkeit zu finden“ wird Rechtsanwalt Oliver Tolmein zitiert. Werde in den kommenden vier Wochen aber keine andere Klinik gefunden, die bereit sei zu transplantieren, müssten die Richter erneut entscheiden.

Alexander Busam vom „Zentrum selbstbestimmt Leben” in Gießen meinte, dass die Richtlinien für Wartelistenführung und die Organ­vermittlung behinderte Menschen diskriminierten. Der Mainzer Medizinethiker Norbert W. Paul sagte dagegen: Nein, tun sie nicht. „Auch bei dem Gießener Fall geht es nicht um die Frage von Behinderung, sondern einzig und allein um die Prognose für die weitere Gesundheit.”

Hermann Reichenspurner, Sachverständiger für Herztransplantationen in der Ständigen Kommission Organtransplantation, erklärte: „Es ist nachvollziehbar, dass die Eltern in Gießen kämpfen. Nichtsdestotrotz müssen wir Mediziner bei den Kriterien bleiben, die das Gesetz uns vorgibt und die wir für Transplantationen erarbeitet haben.”

Das UKGM erneuert seine Empfehlung an die Eltern, ihren Sohn nach Istanbul zurück zu verlegen. Die Frage der Verlegungsfähigkeit von Muhammet Eren sei geprüft und ein Klinikum in Istanbul gefunden, welches in der Lage wäre, die in Gießen begonnene Kunstherztherapie fortzusetzen. Eine mögliche Übernahme wurde dem UKGM von den türkischen Behörden zugesichert. © nsi/dpa/aerzteblatt.de

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