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Ärzteschaft

„Es ist gut, wenn die Allgemeinmedizin an den Universitäten sichtbar ist“

Mittwoch, 24. September 2014

Hamburg – Martin Scherer, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitäts­klinikum Hamburg-Eppendorf, findet es wichtig, dass Medizinstudierende auf dem Campus klinische Vorbilder für das Fach finden und die Allgemeinmedizin dort „im Konzert der Fächer“ mitspielt. Allgemeinmedizin ist in Hamburg reguläres klinisches Fach. Scherer und seine Kollegen führen eine eigene Ambulanz und versorgen in der Notaufnahme Patienten mit, die zu Fuß kommen. Scherer war Präsident des 48. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) vom 18. bis 20. September in Hamburg, deren Vizepräsident er ist.

5 Fragen an … Prof. Dr. Martin Scherer, Präsident des DEGAM-Kongresses Hamburg

DÄ: Herr Professor Scherer, was kann denn ein Lehrstuhl wie der in Hamburg tun, um den Nachwuchs fürs Fach Allgemeinmedizin zu gewinnen?
Scherer: Ganz entscheidend ist: Die Allgemeinmedizin gehört hier im Klinikum Eppendorf zum regulären Fächerkanon. Wir sind als Fach klinisch präsent, und das ist für die Studierenden ganz wichtig. Für den medizinischen Nachwuchs sind normaler­weise spezialisierte Kolleginnen und Kollegen anderer Fächer Vorbilder, weil die medizinische Ausbildung spezialistisch geprägt ist. Für den Generalis­mus der Allgemeinmedizin gab es lange keine klinischen Vorbilder auf dem Campus.

Wir sind mittlerweile in der studentischen Ausbildung breit verankert und unterrichten neben Allgemeinmedizin die Fächer Berufsfelderkundung, Einführung in die klinische Medizin und Sozialmedizin. Im Reformcurriculum i-Med ist unser Institut in zwei Wahl­fächern vertreten sowie im Querschnittbereich Schmerzmedizin.

Sehr wichtig für die Nachwuchsgewinnung sind aber auch die Eindrücke, die die Studierenden während des hausärztlichen Blockpraktikums sammeln. Nur: Durch unsere breite Verankerung in der Ausbildung hängt das Bild von unserem Fach nicht allein von dem einen Hausarzt ab, den man  zwei Wochen im Blockpraktikum erlebt hat.

DÄ: Wenn das Fach sichtbarer wird: Verändert dies auch das Verhältnis zu den anderen Fächern?
Scherer: Ja, erheblich. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit schafft gegenseitiges Vertrauen und verbessert die Wahrnehmung unseres Fachs bei den anderen Fach­vertreten. In manchen Universitätskliniken wird über die Allgemeinmedizin nicht besonders gut geredet. Das liegt häufig an der reduzierten Art des Kontakts: 90 Prozent aller Beratungsanlässe werden in Hausarztpraxen abschließend gelöst. Nur zehn Prozent der hausärztlichen Patienten werden überwiesen oder ins Krankenhaus eingewiesen, darunter ein kleiner Teil in eine Universitätsklinik. Darunter sind dann auch Fälle, in denen etwas schiefgelaufen ist. Wenn Kollegen merken, dass es kompetente allgemein­medizinische Kliniker auf dem Campus gibt, kommt das Fach bei vielen ganz anders an.

DÄ: Ihnen und anderen Repräsentanten der Deutschen Gesellschaft für Allgemein­medizin (DEGAM) war in Hamburg wichtig zu vermitteln, dass Ihr Fach nicht nur die Leidenschaft einiger älterer Landärzte ist, sondern insgesamt ein cooles Fach für den Nachwuchs. Die Hausärzte in Hamburg äußern sich häufig aber sehr unzufrieden über ihren Beruf, nicht zuletzt weil sie ganz am Ende der Honorarskala liegen. Wie passt das zusammen?
Scherer:  Ich kann mir das eigentlich nur damit erklären, dass der Idealismus und die Freude am Beruf stärker sind als die Unzufriedenheit mit der Honorarsituation. Man würde ja annehmen, dass es mit dem Fach nicht so recht voran geht, weil die Hamburger Hausärztinnen und Hausärzte bundesweit tatsächlich am schlechtesten bezahlt sind. Wir am Lehrstuhl registrieren aber genau das Gegenteil, nämlich sehr viel Engagement. Wir sind dankbar für mehr als 500 Lehr- und Forschungspraxen. Wir erfahren also sehr viel Unterstützung in  Forschung und Lehre. Ohne die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen könnten wir unsere universitäre Tätigkeit in der Form nicht aufrechterhalten.

DÄ: Welche Rolle spielen Themen wie Honorierung und Berufszufriedenheit für Sie am Lehrstuhl?
Scherer: Ich fühle mich schon auch zuständig, wenn es um die Belange der rund 1.200 Hausärzte in Hamburg geht. Ihre Honorierung macht uns große Sorge. Dennoch müssen wir als universitäre Einrichtung um Interessenneutralität bemüht sein und bleiben. Daher können wir uns bei berufspolitischen Angelegenheiten nur begrenzt engagieren. Es ist aber völlig klar, dass die universitäre und die praktische hausärztliche Allgemeinmedizin zusammengehören. Unsere Forschungspraxen sind unser Labor und unsere Lehrpraxen unsere erweiterten Unterrichtsräume. Ohne die niedergelassenen Kollegen kann die akademische Allgemeinmedizin nicht existieren. Umgekehrt hätte unser Fach keine Zukunft ohne die allgemeinmedizinischen Institute in Deutschland.

DÄ: Die Anforderungen an Hausärztinnen und Hausärzte steigen, zumindest wenn sie nicht vorschnell überweisen. Die Honorierung hält damit nicht Schritt, was zu viel Unzufriedenheit führt. Ist es deshalb nicht riskant, den Nachwuchs in die Praxen zu schicken und vielleicht umgehend zu desillusionieren?
Scherer:  Eine gute hausärztliche Versorgung ist eine intellektuelle Leistung auf hohem Niveau. Viele medizinische Einzelheiten fließen in eine Entscheidung zwischen Arzt und Patient ein, zahlreiche Aspekte müssen beachtet werden. Eine solche sorgfältige Abwägung braucht viel Zeit, aber die wird nicht angemessen bezahlt. Dass ein Hausarzt sich häufiger einmal eine halbe Stunde Zeit für einen Patienten nehmen kann, ist im Honorarsystem nicht vorgesehen.

Natürlich besteht die Gefahr, dass man die Freude am Beruf und am Fach nicht mehr besonders intensiv ausstrahlt, wenn man das Gefühl hat, zu schlecht bezahlt zu werden. Wenn Studierende in eine Praxis mit gespannter Finanzsituation kommen, kann es schon sein, dass sie diese Belastung mitbekommen. Unsere Erfahrung am Lehrstuhl ist aber: Blockpraktikum und Tertial Allgemeinmedizin im praktischen Jahr werden von den Studierenden hervorragend bewertet. Die teilnehmenden Hausärztinnen und Hausärzte schaffen es, sich die Begeisterung für den Beruf zu erhalten und sie weiterzugeben. © Rie/aerzteblatt.de

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Avatar #109757
Loewenherz
am Donnerstag, 25. September 2014, 08:42

ambulante Weiterbildungsbedingungen

Ich bleib dabei: Solange sehr viele weiterbildende Kollegen "nur" das bezahlen was sie von der KV als Zuschuss für die Weiterbildung bekommen (statt das Gehalt auf MB / Klinikniveau anzuheben), in vielen Praxen kaum Lehre stattfindet, man seine Pflichtfortbildungen selbst bezahlen muss, man bei der Suche der Weiterbildungsstellen nur bedingt Hilfe bekommt... braucht man sich nicht wundern wenn die Hürde des Wechsels in die Allgemeinmedizin für viele zu unattraktiv ist. Gerade wo man über den FA für allgemeine Innere auch in die hausärztliche Versorgung überwechseln kann.
Mich nervt dieses Gewäsch inzwischen gewaltig. Wann gesteht man sich denn endlich ein, dass es geht in D schon lange nicht mehr darum "mehr Menschen fürs Fach" zu begeistern, sondern darum endlich dafür zu sorgen dass die Arbeits- & Weiterbildungsbedingungen - in allen Fächern - denen eines modernen Jobs für Akademiker angemessen ist.
LNS

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