NewsVermischtesEuropäischer Depressionstag: Familie in Diagnostik und Therapie miteinbeziehen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

Europäischer Depressionstag: Familie in Diagnostik und Therapie miteinbeziehen

Mittwoch, 24. September 2014

Andrzej Wilusz - Fotolia

Berlin – Die Depression ist die Erkrankung, die im Vergleich zu allen anderen mit den meisten mit schweren Beeinträchtigungen gelebten Lebensjahren einhergeht (WHO, 2014). Darauf wies Detlef E. Dietrich, Repräsentant des EDD und ärztlicher Direktor der Burghof Klinik in Rinteln im Vorfeld des 11. Europäischen Depressionstages (EED) hin. In Deutschland seien derzeit rund vier Millionen Menschen von einer behandlungs­bedürf­tigen Depression betroffen. „Problematisch ist, dass weniger als die Hälfte davon tatsächlich auch behandelt werden und von diesen wiederum höchstens die Hälfte als ausreichend behandelt gelten kann“, sagte Dietrich heute vor der Presse in Berlin.  

Der Rolle der Familie im Hinblick auf Entstehung, Früherkennung von Depressionen und Unterstützung der Betroffenen widmet sich der EDD am 1. Oktober. Depressionen gehören in den industrialisierten Ländern zu den häufigsten psychischen Erkrankungen.

Anzeige

Die Familie oder das soziale Umfeld sollte bei der Diagnostik und Therapie depressiv Erkrankter miteinbezogen werden, forderte Dietrich. „Die Familie kann sehr viel zur Unterstützung und Entlastung der Kranken beitragen.“ Auch das Wissen um eine mögliche genetische Disposition, um Entwicklungsfaktoren in der Kindheit der Betrof­fenen, wie Erziehungsstil, Konfliktlösungsstrategien und Umgang mit Stress in der Familie, seien für Ärzte und Psychotherapeuten im Hinblick auf Diagnostik und Therapie aufschlussreich. Familiäre Konflikte, akute und chronische Belastungssituationen oder fehlende familiäre Unterstützung könnten den Heilungsverlauf zudem negativ beeinflussen.

Hausarzt spielt eine zentrale Rolle als erster Ansprechpartner
Auf die zentrale Rolle der Hausärzte, die die Familie der Betroffenen häufig kennen, wies Cornelia Goesmann, Hausärztin und ärztliche Psychotherapeutin in Hannover, hin. „Wir begleiten die Patienten meist langjährig und können sozusagen eine gelebte Anamnese erheben“, sagte Goesmann, die auch Beauftragte des Vorstands der Bundes­ärzte­kammer für Fragen der ärztlichen Psychotherapie ist. Studien zeigten, dass 70 Prozent der Patienten mit Depressionen bei einer Verschlechterung zuerst bei ihrem Hausarzt vorstellig werden würden. Warum Depressionen nicht immer richtig diagnostiziert würden, liegt nach Ansicht von Goesmann auch daran, dass viele Betroffene zunächst nur somatische Beschwerden wie Kopf-, Herz-, oder Rückenschmerzen schilderten. „Es liegt dann am Geschick des Hausarztes tiefer zu fragen, um die richtige Diagnose zu stellen.“

Der Hausarzt sollte nach Ansicht von Cornelia Goesmann eine koordinierende Funktion der Therapie übernehmen und psychisch Kranke bei Bedarf an Psychiater oder Psychotherapeuten weiterleiten. Notwendig sei außerdem eine bessere Ausbildung im Medizinstudium über psychische Erkrankungen und auch in der Facharztweiterbildung. „Unerlässlich ist zudem eine gute Kooperation der Fachgruppen untereinander“, betonte Goesmann.

Depression wirkt sich auf die gesamte Familie der Betroffenen aus
Erkranke ein Familienmitglied an einer Depression, so wirke sich das immer auch auf die ganze Familie und besonders auch auf die Kinder der Betroffenen aus, sagte Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK). „Beispielsweise wirkt sich die gestörte Feinabstimmung in der emotionalen Kommunikation zwischen einer depressiv erkrankten Mutter und ihrem Säugling nachweislich negativ auf die emotionale Entwicklung des Kindes aus“, erläuterte Richter.

Im späteren Lebensalter beschuldigten sich Kinder häufig für Erkrankung ihrer Eltern verantwortlich zu sein. Oder sie übernähmen die Rolle der Eltern, in dem sie sich für jüngere Geschwister oder den Haushalt verantwortlich fühlten. „Diese Parentifizierung überfordert die Kinder jedoch enorm“, betonte Richter. In einer Familientherapie könnten Psychotherapeuten alle Beziehungsgeflechte durchleuchten und der ganzen Familie helfen.

Um die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu verringern, schlägt der BPtK-Präsident mehr niedrigschwellige Angebote vor. Sprechstunden beim Psycho­therapeuten, der dann entscheiden solle, ob derjenige tatsächlich eine Therapie braucht oder vielleicht eher eine Beratungsstelle oder Selbsthilfegruppe aufsuchen sollte, seien dringend notwendig. „Damit könnten auch die Brücken zwischen Psychotherapeuten, Hausärzten und Internisten verringert werden“, betonte Richter. © pb/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

20. November 2020
London – Menschen über 50, die sich häufig einsam fühlten (ohne es unbedingt zu sein), erkrankten in einer Langzeitstudie in Lancet Psychiatry (2020; DOI: 10.1016/S2215-0366(20)30383-7) in der Folge
Studie: Einsamkeit ist eine häufige Ursache für Depressionen im Alter
18. November 2020
Baltimore – Die zweimalige Gabe von Psilocybin, einem in bestimmten Pilzen enthaltenen Halluzinogen, hat, unterstützt durch eine Psychotherapie, in einer randomisierten „Proof of Principle“-Studie das
Psilocybin: Psychedelische Droge lindert in Studie schwere Depressionen
18. November 2020
Berlin – Mit der Verschärfung der Coronamaßnahmen beschäftigt die Sorge vor Einsamkeit offenbar wieder mehr Menschen. In der ersten Novemberhälfte habe sich eine steigende Zahl von Anrufen um dieses
Mehr Anrufer bei der Telefonseelsorge wegen Corona
11. November 2020
Bethesda/Maryland – Jede vierte Frau entwickelt nach der Geburt eines Kindes eine postpartale Depression, die sich nicht immer in den ersten Wochen bemerkbar macht. Eine prospektive Beobachtungsstudie
Studie: Postpartale Depression kann 3 Jahre andauern
10. November 2020
Berlin – Jeder zweite depressive Mensch in Deutschland hat während des Lockdowns im Frühjahr einer Befragung zufolge massive Einschränkungen bei der Behandlung seiner Krankheit erlebt. Zu diesem
Menschen mit Depressionen besonders von Lockdown betroffen
9. November 2020
Berlin – Die Hirnstimulation wird schon länger unter anderem für die Behandlung des Morbus Parkinson oder der Epilepsie eingesetzt. Doch es werden immer neue Anwendungsgebiete erforscht, etwa bei
Hirnstimulation eröffnet Therapieoptionen bei Schlaganfall, Parkinson oder Depressionen
9. November 2020
Berlin – Die Belastungen durch die Coronakrise steigen: Zu diesem Ergebnis kommt eine forsa-Umfrage im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums und des Forschungsinstituts IZA, die der Welt am Sonntag
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER