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Ärzteschaft

„Es ist besser, mit Kollegen zusammenzuarbeiten, als nur Geld oder Geräte zu schicken“

Freitag, 10. Oktober 2014

Cottbus – Ein Ukraine-Kinderhilfsprojekt in schwierigen Zeiten ­­auszubauen – daran arbeitet derzeit Thomas Erler, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Carl-Thiem-Klinikum Cottbus, zusammen mit Kollegen. Vor kurzem waren aus Kiew eine Kinderärztin und eine Kinderkrankenschwester der größten staatlichen Kinderklinik „Ochmadet“ in Cottbus, um im Schlaflabor der dortigen Kinderklinik zu hospitieren. Ein Medizintechnikhersteller hat für das  Krankenhaus in Kiew einen Messplatz gespendet, damit man dort schlafbezogene Atmungsstörungen diagnostizieren kann.

5 Fragen an… Thomas Erler, Chefarzt am Carl-Thiem-Klinikum Cottbus

DÄ: Herr Professor Erler, spontan denkt man: Gibt es angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine keine notwendigeren Dinge für Kinder als einen Schlaflabor-Messplatz?
Erler: Die Übergabe dieses Messplatzes mutet derzeit auf den ersten Blick vielleicht etwas skurril an. Aber damit lassen sich bei Kindern aller Altersstufen lebens­wichtige Funktionen überprüfen. Bei Neugeborenen kann man beispielsweise die medikamentöse Atmungs­stimulation kontrollieren und dann anpassen. Solche Messplätze sind in der Ukraine noch nicht sehr verbreitet. In der Kinderklinik „Ochmadet“ gibt es gar keinen. Unser Anliegen ist es, mit Hilfe der Spende und der Schulung von zwei Kolleginnen die Methode schrittweise auch dort zur Verfügung zu stellen.

DÄ: Wie wirkt sich die schwierige politische Situation in der Ukraine auf Ihr Hilfsprojekt aus?
Erler: Normalerweise bekommen wir davon genauso viel oder wenig mit wie andere Bürger in Deutschland auch. Wenn ich allerdings mit ukrainischen Kollegen spreche, merke ich schon, wie bedrückt sie sind. Einige haben Verwandte in Russland und müssen damit leben, dass Kontakte abreißen. Ich selbst war im März in Kiew, kurz nachdem auf dem Maidan-Platz mehr als 100 junge Männer erschossen wurden. Damals habe ich auch mit Notärzten gesprochen, die dorthin zum Einsatz gerufen wurden. Es war entsetzlich, was sie erzählt haben: Als sie zum Maidan kamen, lagen dort viele Tote, regelrecht hingerichtet durch Herz- und Kopfschüsse. Reanimationen oder Transporte ins Krankenhaus waren überflüssig.

DÄ: Die Spende ist Teil eines größeren Hilfsprojekts. Mittelfristig wollen Sie noch mehr Medizintechnik zur Verfügung stellen, Kollegen in der Ukraine schulen und auch lebensbedrohlich erkrankte Kinder versorgen. Wieso engagieren Sie sich für solch ein Hilfsprojekt?
Erler: Das hat persönliche Gründe. Ich habe vor 35 Jahren in der Ukraine studiert, in Lemberg. Der Chefarzt an unserem Institut für Pathologie, Muin Tuffaha, hat damals zeitgleich in Kiew studiert. Wir haben beide noch Kontakte in die Ukraine, die wir zuletzt wieder aufgefrischt haben. So ist die Idee entstanden, den Kollegen in unseren Fächern zu helfen. 

Das Interesse dort ist enorm, das haben wir bei Besuchen in verschiedenen Kliniken festgestellt. Viele Fragen der Kollegen dort betreffen dabei gar nicht allein unser Hilfsprojekt, sondern die Organisation unseres Gesundheitswesens, die Strukturen in unseren Kliniken und im ambulanten Bereich. Dass Herr Tuffaha und ich Russisch sprechen, hilft uns bei den Arbeitskontakten. Wenn man aber Kollegen oder Patienten nach Deutschland einladen möchte, ist das schwierig und mit aufwendigen Visaverfahren verbunden. Denn die Ukraine ist ja nicht Mitglied der Europäischen Union.

Eine ukrainische Kinderärztin möchte zum Beispiel ihre Weiterbildung hier bei uns ergänzen. Es hat fast ein halbes Jahr gedauert, um alle ihre Unterlagen zusammen zu bekommen und ein Visum sowie eine befristete Arbeitserlaubnis zu erhalten.

DÄ: An deutschen Krankenhäusern fehlen Ärzte. Ihnen ist im Rahmen des Hilfsprojekts die Weiterqualifikation von ukrainischen Kollegen wichtig, damit diese zu Hause Kindern helfen können. Ist es aber nicht verlockend, diese Kollegen dem eigenen oder einem anderen Krankenhaus zu empfehlen?
Erler: Wir gehen auf keinen Fall in der Ukraine auf Werbetour, um Kollegen nach Deutschland zu locken. Wir möchten allenfalls kooperationswilligen Kollegen die Möglichkeit geben, begrenzt an unserer Klinik zu arbeiten, um etwas mit nach Hause zu nehmen. Ich war vor zwanzig Jahren als Ostdeutscher in einer ähnlichen Situation. Ich bin damals von vielen Kollegen an westdeutschen Kliniken sehr offen und freundlich empfangen worden und konnte mir die Abläufe dort ansehen. Damals habe ich nie erlebt, dass man mich weglocken wollte, sondern es ging darum, dass ich etwas mitnehmen konnte. Dazu fühle ich mich gegenüber den ukrainischen Kollegen jetzt ebenfalls verpflichtet.

Meine Erfahrung ist, dass es sehr viele Kollegen gibt, die sich etwas aneignen und mit nach Hause nehmen wollen. Natürlich gibt es auch andere, die einfach wegwollen. Das bekomme ich schon auch mit. Aber grundsätzlich halte ich es für den besseren Weg, mit Kollegen aus einem anderen Land zusammenzuarbeiten, statt einfach nur Geld oder Geräte zu schicken und nicht genau zu wissen, wo beides landet.

DÄ: Ihr Hilfskonzept sieht auch vor, einige Kinder zur Behandlung zu übernehmen. Vermutlich kämen dafür aber sehr viel mehr Kinder in Frage, als Sie tatsächlich behandeln können. Wie gehen Sie damit um?
Erler:  Das ist ein ethisch-moralisches Problem, dessen wir uns bewusst sind. Deswegen war uns von Anfang an wichtig, dass wir mit seriösen Partnern in Kiew kooperieren, damit wir gemeinsam entscheiden können, welche Kinder dringend eine Behandlung in Deutschland benötigen.

Die Homepage unserer Klinik findet man inzwischen in russischer Sprache im Internet.  Deshalb wenden sich viele Eltern auch direkt an uns, und es ist oft sehr schwer zu filtern: Welche Kinder bedürfen dringend einer Behandlung in Deutschland, welche nicht? In diesen Fällen versuchen wir, lokal tätige Kollegen einzuschalten und mit ihnen zu prüfen, ob ein krankes Kind wirklich im Ausland behandelt werden muss oder nicht. Salopp formuliert: Vielfach glauben Eltern, im Westen sei alles besser. Wenn wir aber prüfen, was an Diagnostik und Therapie bei ihrem Kind gemacht wurde, dann stellen wir häufig fest, dass die Kollegen auf internationalem Niveau behandeln, nach gängigen modernen Schemata und Protokollen. Das gilt gerade, was die Behandlung von malignen Erkrankungen anbelangt. 

Was vielfach problematisch ist, sind eher Hygienebedingungen. Wenn Kinder unter Chemotherapie eine Knochenmarkdepression bekommen und eine schwere Infektion erleiden, dann fehlt es unter Umständen an den nötigen Antibiotika oder an intensiv­thera­peutischen Behandlungsmöglichkeiten, um ihnen zu helfen. Und noch etwas: Während der tagelangen Demonstrationen auf dem Maidan in Kiew sind die Medika­mentenrationen in großen Krankenhäusern radikal auf zehn Prozent gekürzt worden, weil die Arzneimittel der Armee zur Verfügung gestellt wurden. Dann entstehen natürlich dramatische Versorgungssituationen. © Rie/aerzteblatt.de

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