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Politik

Experten diskutieren gesundheitliche Risiken neuer Energiequellen

Dienstag, 14. Oktober 2014

Kohlekraftwerk Staudinger bei Frankfurt am Main dpa

Berlin – Die Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Martina Wenker, hat die durch die Bundesregierung angestoßene Energiewende grundsätzlich begrüßt. „Der Ausstieg aus der Atomenergie ist der richtige Weg“, sagte sie bei einem Experten­workshop, den die BÄK zusammen mit der „Health and Environment Alliance“ (HEAL) und der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventionsmedizin (GHUP) am vergangenen Mittwoch in Berlin veranstaltet hat. Nun komme es jedoch darauf an, dass die neuen Energieformen, was ihren Nutzen und ihre Risiken betreffe, mindestens ebenso gut seien wie die alten, wenn nicht besser.

„Die Energiewende hat ein großes Potenzial, positiv auf die menschliche Gesundheit zu wirken“, meinte André Conrad, Sprecher des Arbeitskreises „Umweltmedizin, Expositions- und Risikoabschätzungen“ der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) und der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS). Der Arbeitskreis führte im letzten Jahr ebenfalls einen Workshop zum Thema „Energiewende und Gesundheit“ durch.

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Gesundheitliche Aspekte der Energiewende würden zum Teil nicht ausreichend berück­sichtigt, meinte Conrad: „Fachleute des Arbeitskreises sprachen sich daher für eine frühzeitige systematische Analyse der Maßnahmen aus, um Risiken kleinhalten und die Gesundheitsgewinne voll ausschöpfen zu können.“ Ein Instrument für diese Analyse sei die Gesundheitsfolgenabschätzung (GFA) – eine systematische Beurteilung einer Strategie hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Auswirkungen und deren Verteilung in der Bevölkerung. Einer der Gründe dafür, dass eine solche Abschätzung bislang kaum vorgenommen werde, sei, dass es noch zu wenige GFA-Fachleute in Deutschland gebe.

18.000 vermutete Todesfälle durch Kohleemissionen pro Jahr in Europa
Julia Huscher von HEAL stellte einen aktuellen Bericht zu den Auswirkungen von Kohlekraft­werken auf die menschliche Gesundheit vor. „Nachdem die Stromgewinnung aus Kohle in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung verloren hatte, kehrt sich die Tendenz nun wieder um. Kohle ist immer noch eine wichtige Energiequelle für Europa und liefert etwa ein Viertel der gesamten Strommenge“, heißt es darin.

Kohlekraftwerke seien eine bedeutende Quelle industrieller Luftverschmutzung in Europa. Ihre hohen Emissionen müssten allerdings vor dem Hintergrund der vielen anderen Sektoren betrachtet werden, die ebenfalls zur Luftverschmutzung beitragen. Dazu gehörten vor allem der Verkehr, die Beheizung von Wohnräumen und die Landwirtschaft.

Im Auftrag von HEAL haben Experten die Folgen geschätzt, die die Emissionen von Kohlekraftwerken für die Menschen in Europa haben. Demnach stürben durch Kohleabgase pro Jahr 18.200 Menschen in Europa vorzeitig, und mehr als 8.500 Menschen erkrankten neu an chronischer Bronchitis. In Deutschland sterben den Hochrechnungen zufolge in jedem Jahr 2.700 Menschen durch die Emissionen.

Für die Entwicklung insbesondere von chronischen Atemwegserkrankungen wie Asthma und Bronchitis sei die Innenraumbelastung allerdings relevanter als der Außenraum, betonte die BÄK-Vizepräsidentin Wenker. In mittels energetischer Sanierung und moderner Fenster hermetisch abgeriegelten Wohnräumen, in denen Menschen rauchten, eine vermehrte Allergenbelastung zum Beispiel durch Schimmelpilze oder Katzen bestehe oder die offene Feuerquellen enthielten, seien die Menschen individuellen Belastungen durch inhalative Schadstoffe ausgeliefert, welche nicht durch externe Umwelteinflüsse verursacht würden.

Gesundheitsprobleme durch Kaminöfen
„Wir haben zunehmend Probleme mit Kaminöfen“, ergänzte Thomas Eikmann vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Denn diese belasteten die Menschen durch Partikelemission unmittelbar. Bei Messungen werde diese Exposition jedoch nicht zwangsläufig erfasst. „Wir wissen also gar nicht, wie hoch diese Exposition vor Ort ist“, erklärte Eikmann. 

Zum Thema Fracking stellte Bernd Kirschbaum vom Umweltbundesamt (UBA) die Ergebnisse zweier aktueller Gutachten vor, die das UBA in Auftrag gegeben hatte. „Das Umweltbundesamt empfiehlt, wegen der bestehenden Wissenslücken derzeit auf eine flächendeckende kommerzielle Gewinnung von Schiefergas durch Fracking in Deutschland zu verzichten“, erklärte Kirschbaum. Zudem solle vor jeder Fracking-Operation eine Risikobewertung vorgenommen werden. Ein generelles Fracking-Verbot sei aber von den Gutachtern nicht empfohlen worden.

Durch Fracking geförderte Schwermetalle können nicht entsorgt werden
„Sehr kritisch betrachten wir den sogenannten Flowback, der auch bei der konven­tionellen Erdgasförderung auftritt“, betonte Kirschbaum. Bei jedem Bohrloch fördere man auch Lagerstättenwasser zutage, das unter anderem Schwermetalle, radioaktive Stoffe oder Benzol enthalten könne. Bei der Behandlung und Entsorgung dieses Lagerstätten­wassers bestehen große Defizite, da derzeit weder national noch auf europäischer Ebene ein „Stand der Technik“ festgeschrieben sei.

Der volkswirtschaftliche Nutzen des Schiefergases spiele überdies im Rahmen der Energiewende keine Rolle, so Kirschbaum. Denn weder würde es kurz- und mittelfristig den Gaspreis verändern noch die Importabhängigkeit Deutschlands, da das Gas nur langsam und schrittweise gefördert werden könne. Zudem sei mit einem Förderbeginn erst in zehn Jahren zu rechnen.

Experten erwarten kaum Belastungen durch Windkraftwerke
Im Gegensatz zum Fracking erwarten die Experten kaum Belastungen durch Windräder. „Die Folgen des Betriebs von Windenergieanlagen für die menschliche Gesundheit sind gering“, sagte Dorothee Twardella vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Zwar gebe es Schallimmissionen, und gesundheitliche Wirkungen durch gestörten Schlaf seien deshalb nicht ausgeschlossen. Doch durch den sogenannten Infraschall, der bei Windenergieanlagen schon bei geringem Abstand unterhalb der menschlichen Hörschwelle liegt, seien „keine gesundheitlichen Wirkungen zu erwarten“.

„Dass manche Anwohner sich von den Geräuschen der Windenergieanlagen belästigt fühlen, obwohl sie sehr leise sind“, so Twardella weiter, „kann daran liegen, dass die Geräusche der Rotorblätter periodisch auf- und abschwellen und deshalb leichter wahrgenommen werden, dass die Sichtbarkeit der Windräder schon als Belästigung empfunden wird oder dass sie auf dem Land stehen, wo es wenig andere Geräusche gibt.“

Belastungen sind bei alten Energiequellen höher als bei neuen
„Gesundheitseffekte, die messbar und besorgniserregend sind, liegen nicht in erster Linie bei den neueren Energien“, resümierte die Präsidentin der GHUP, Caroline Herr. „Bei Kohlekraftwerken haben wir Belastungen, die messbar sind. Bei den anderen Energien wie Windrädern oder Hochspannungsleitungen gibt es kleine Ungewissheiten. Wir können nicht ausschließen, dass es zu Belastungen für die Gesundheit kommt, aber die Tendenz ist: Das Neue ist nicht schlechter als das, was wir bisher haben.“

Die ärztliche Verantwortung sei es, festzustellen, welche umweltmedizinischen Informationen wirklich gesichert seien und diese Informationen zu kommunizieren, erklärte Wenker abschließend. „Wir müssen aber genauso kommunizieren, wenn Erkenntnisse nicht gesichert sind und wo es noch offene Fragen gibt.“ In jedem Fall zu fordern sei eine kleinräumige Gesundheitsforschung, mit der die Krankheitslast regional untersucht werden könne. © fos/aerzteblatt.de

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