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Medizin

Mortalität von Obdachlosen doppelt bis fünffach erhöht

Dienstag, 28. Oktober 2014

dpa

Boston – Obdachlose gehören zu den morbidesten Patienten der Gesellschaft, aber spezialisierte Behandlungsangebote könnten die Gesundheit dieser Menschen verbessern. Im Lancet berichten Seena Fazel von der Oxford Universität und Stephen Hwang von der Harvard Universität über die gesundheitlichen Probleme von Obdach­losen und geben Empfehlungen für entsprechend angepasste Behandlungsangebote. (doi: 10.1016/S0140-6736(14)61132-6/ doi:10.1016/S0140-6736(14)61133-8 ).

Die Forscher schätzen, dass in Europa etwa 4,1 Millionen Menschen wenigstens einmal im Jahr eine Episode von Obdachlosigkeit erleben. In Deutschland seien etwa 248.000 Menschen betroffen.

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Häufiger Alkohol- und Drogenmissbrauch
Der mit der Obdachlosigkeit häufig verbundene Substanzmissbrauch von Alkohol und anderen Drogen stelle für die Betroffenen oft ein erhebliches Gesundheitsproblem dar. Auf Grundlage verschiedener Studien stellten die Wissenschaftler fest, dass die alters­standardisierte Mortalität bei Obdachlosen um das doppelte bis fünffache gegenüber der Normalbevölkerung erhöht ist. Dafür sei neben den ansteigenden Inzidenzen für Todesfälle durch Drogenüberdosis auch die hohe Selbstmordrate verantwortlich. Eine am Mental Health Centre Copenhagen durchgeführte Studie aus dem Jahr 2011 habe ergeben, dass sie gegenüber der Normalbevölkerung um das siebenfache erhöht ist.

Zusätzlich käme noch die erhöhte Verletzungsrate hinzu. Besonders unter älteren Obdachlosen sei die jährliche Sturzrate mit 53 Prozent in einer Studie aus Boston deutlich höher gewesen, als in der Allgemeinbevölkerung, wo sie bei 14 Prozent lag. Jährlich berichteten 27 bis 52 Prozent der Obdachlosen, dass sie Opfer von sexueller oder körperlicher Gewalt geworden waren.

Unter den in dieser Bevölkerungsgruppe häufig verbreiteten Infektionskrankheiten, seien die Hepatitis B und C das größte Problem, so die Arbeitsgruppe. Je nach untersuchter Studie lag die Prävalenz für B zwischen 17 und 30 Prozent und für C zwischen vier und 36 Prozent.

In den Notaufnahmen konnten die Forscher feststellen, dass meist ein kleiner Prozent­satz aller Obdachlosen für einen Großteil des Behandlungsaufkommens verantwortlich ist. So erfolgte bei etwa zehn Prozent aller Obdachlosen rund die Hälfte aller Notfallbe­handlungen von Obdachlosen.

Unter vielen Obdachlosen nehmen auch metabolische Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck zu, die durch ungenügende Behandlung oft besonders schwerwiegend für die Gesundheit der Betroffenen seien.

Spezielle Leitlinien sinnvoll
Auf Grund der vielen Behandlungsbesonderheiten chronisch Kranker, die obdachlos sind, halten die Wissenschaftler spezialisierte Leitlinien für sinnvoll. Die oft mangelnde Compliance und der fehlende Zugang zu regelhafter medizinischer Versorgung erfordere in vielen Fällen einfache Behandlungsschema, die von den Betroffenen auch eingehalten werden könnten.

Es erwiesen sich vor allem Versorgungsangebote als effektiv, bei denen Versorgungs­teams aktiv auf die Kranken zugingen. Diese Angebote müssten sich auf die speziellen Bedürfnisse der Kranken ausrichten, bei denen beispielsweise Substanzmissbrauch und psychische Erkrankungen oft eine besondere Rolle spielten. Gerade für psychisch Erkrankte sei jedoch die Unterbringung in einer Unterkunft die vordringlichste Maßnahme den Betroffenen zu helfen.

Nicht zuletzt sei auch behandelnden Ärzten in Notaufnahmen oft nicht bekannt, welche lokalen Versorgungs- und Nachsorgeangebote für Obdachlose bestehen. Eine verbesserte Kommunikation zwischen Krankenhäusern und den öffentlichen Nachsorgestellen könnte chronisch erkrankten Obdachlosen wertvolle Informationen über solche Angebote liefern, so die Meinung der Arbeitsgruppe.  © hil/aerzteblatt.de

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