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Medizin

Überdiagnose von Schilddrüsenkrebs in Südkorea

Freitag, 7. November 2014

Seoul – Innerhalb weniger Jahre sind Schilddrüsenkarzinome in Südkorea zur häufigsten Krebsdiagnose geworden. Da die Zahl der Todesfälle unverändert niedrig ist, vermuten Gesundheitsforscher im New England Journal of Medicine (2014; 371: 1765-1767) eine Screening-bedingte Überdiagnose als Ursache des Anstiegs.

Südkoreaner gelten als technikverliebt, perfektionistisch und fortschrittsgläubig. Dies wirkt sich auch auf die medizinische Diagnostik aus. Bezogen auf die Bevölkerung steht das Land mit der Anzahl der Geräte bei den Computertomographen an Position fünf und bei den Kernspintomographen an Position vier. Zu den Ultraschallgeräten gibt es keine genauen Zahlen.

Im Jahr 1999 hat die Regierung ein ambitioniertes Programm zur Krebsfrüherkennung aufgelegt, das für die meisten Versicherten kostenfrei ist und ein Screening auf Brust-, Gebärmutterhals-, Darm-, Magen- und Leberkrebs umfasst. Die meisten Ärzte bieten ihren Patienten für umgerechnet 30 bis 50 Euro zusätzlich eine Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse an. Dies wird von vielen Patienten angenommen – mit unerwarteten Folgen auf die Krebsstatistik.

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Innerhalb der letzten 15 Jahre hat sich die Zahl von Schilddrüsenkrebsdiagnosen in Südkorea um den Faktor 15 erhöht. Jedes Jahr wird bei mehr als 40.000 Koreanern ein vermeintlich bösartiger Tumor der Schilddrüse entdeckt, wobei es sich in der Regel um papilläre Karzinome handelt. Die Zahl der Todesfälle am Schilddrüsenkrebs hat sich dagegen nicht verändert. Sie war in der Vergangenheit gering und ist es geblieben. Jedes Jahr sterben nur etwa 300 bis 400 Koreaner an Schilddrüsenkrebs.

Die Kombination aus einer durch das Screening angestiegenen Krebsinzidenz bei gleichbleibender geringer Mortalität ist pathognomonisch für eine Überdiagnose, schreiben Hyeong Sik Ahn von der Universität Korea und Mitarbeiter. Die Gefahr ist beim Schilddrüsenkrebs besonders groß. Schon vor einem halben Jahrhundert wurde entdeckt, dass etwa ein Drittel aller Erwachsenen kleine Nester von papillären Karzinomen in der Schilddrüse hat, die bei den allerwenigsten im Verlauf des Lebens jedoch zu Symptomen führen.

Mit modernen Ultraschallgeräten werden auch kleine Karzinome entdeckt. In Südkorea hat dies eine Welle von Schilddrüsenoperationen ausgelöst. Rund zwei Drittel der Patienten unterziehen sich einer radikalen Thyreoidektomie, bei dem restlichen Drittel wird eine subtotale Thyreoidektomie durchgeführt.

Die meisten Patienten hatten nach der Einschätzung von Ahn keinerlei Nutzen von der Operation. Sie müssen aber für den Rest ihres Lebens Schilddrüsenhormone einnehmen. Bei 11 Prozent wurde nach der Operation ein Hypoparathyroidismus und bei 2 Prozent eine Stimmbandlähmung diagnostiziert. © rme/aerzteblatt.de

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