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Medizin

Neonatologie: Immigranten-Babys benötigen heimische Wachstumskurven

Mittwoch, 12. November 2014

Toronto – Die für die westlichen Länder entwickelten Perzentilenkurven zur Beurteilung des Geburtsgewichts führen bei Neugeborenen von Migranten schnell zu Fehlein­schätzungen. In einer Kohortenstudie im Canadian Medical Association Journal (2014, doi: 10.1503/cmaj.140748) wurden 6 Prozent der Kinder fälschlicherweise als Mangel­geburt (Small for Gestational Age, SGA) eingestuft, während einige Makrosomien (Large for gestational age, LGA) vermutlich übersehen wurden.

Die Tabellen zum Geburtsgewicht stufen das unterste Zehntel als SGA und das oberste Zehntel als LGA ein. Die Wahl der Grenze erscheint auf den ersten Blick willkürlich, Untersuchungen zeigen jedoch, dass das Komplikationsrisiko in diesen Bereichen erhöht ist, was die Grenzen vernünftig macht.

Die Körpergröße der Menschen ist jedoch nicht in allen Ethnien gleich. Vor allem in Süd- und Ostasien sind die Menschen häufig kleiner - und dies von Geburt an. Inwiefern die Verwendung der einheimischen Perzentilenkurven hier schnell zu Fehlbeurteilungen führt, hat Marcelo Urquia vom St. Michael's Hospital in Toronto anhand der Geburts­angaben zu rund einer Million Neugeborenen im Bundesstaat Ontario untersucht. Von ihnen hatte ein Drittel einen Migrationshintergrund, wobei in Kanada der Anteil von Menschen asiatischer Herkunft hoch ist.

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Wie zu erwarten, hatte ein Zehntel der Kinder, genau 10,3 Prozent, ein Geburtsgewicht, das nach den Perzentilenkurven Kanadas und  des Herkunftslandes als SGA beurteilt wurde. Hinzu kamen noch einmal zusätzlich 6,2 Prozent, die nur nach den kanadischen Perzentilenkurven als SGA eingestuft wurden. In dieser Gruppe kam es laut der Analyse von Urquia seltener zu Todesfällen oder zu anderen Komplikationen einer Mangelgeburt als unter den SGA-Kindern kanadischer Mütter. In dem Kernbereich der Kinder, die sowohl nach kanadischen Wachstumskurven als auch nach Wachstumskurven der Heimat als SGA eingestuft wurden, war das Komplikationsrisiko dagegen erhöht.

Umgekehrt waren die Verhältnisse bei den LGA-Neugeborenen, die nach den kanadischen Kriterien häufig übersehen wurden. Der Anteil der Kinder, die nur nach den Kriterien der Herkunftsregion als LGA eingestuft worden wären, betrug 4,3 Prozent. In dieser Gruppe kam es häufiger zu typischen Komplikationen einer Makrosomie wie Dammrissen, Schulterdystokie oder schweren postpartalen Blutungen.

© rme/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #651910
thyriris
am Mittwoch, 10. Dezember 2014, 23:23

INTERGROWTH 21st Project

Guten Tag, ich möchte darauf hinweisen, dass bereits im September eine große internationale Studie zu diesem Thema in "The Lancet" veröffentlicht wurde. Hier wurden Wachstumskurven in der Schwangerschaft von über 4000 Kindern aus 8 Ländern ausgewertet. Das setting ist sehr ausgewogen, es wurde sehr darauf geachtet, diverse biases möglichst kleinzuhalten.

Das Ergebnis dieser Studie widerspricht dem obigen Artikel: Die Unterschiede waren sehr gering. Bei gleichen Ausgangsbedingungen (Ernährungs- und Gesundheitszustand der Mutter, unkomplizierte Schwangerschaft, Einling, keine Fehlbildungen etc.) darf man von sehr ähnlichen Wachstumskurven ausgehen. Die Autoren empfehlen, die neuen Kurven zu implementieren, um SGD-Kinder sicher(er) zu identifizieren.

Hier der Link zum Abstract:

http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2814%2961490-2/abstract

Freundlicher Gruß!

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