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Politik

Doping und Fehlverhalten an der Universität Freiburg: Evaluierungs­kommission sieht sich in der Arbeit behindert

Freitag, 14. November 2014

Freiburg/Köln – Die Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin, die seit 2007 im Auftrag der Universität die Arbeit der Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin untersucht, sieht sich in ihren Bemühungen um vollständige und unabhängige Aufklärung behindert: zum Teil durch die Universität, zum Teil auch durch Landesbehörden wie das baden-württembergische Innenministerium. Es habe, so die Kommission, Befragungen von einigen Beamten der Polizei und Kriminalbehörden abgelehnt.

„Wir sind uns bewusst, dass die Universität und die Öffentlichkeit nach sieben Jahren Aufklärungsarbeit auf Ergebnisse warten“, schreiben die drei Kommissionsmitglieder in einem offenen Brief. Er ist auch an die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer gerichtet. Ziel sei es, die Vorwürfe des wissenschaftlichen Fehlverhaltens und einer ethisch bedenklichen Forschung und Beteiligung an Doping gegenüber Universitätsmitarbeitern zügig, aber auch „nach den Regeln der Professionalität“ zu beenden, so die Kommission, deren Vorsitzende die Juristin Letizia Paoli von der Universität Leuven in Belgien ist.

Universität: „Akteneinsicht im rechtlich zulässigen Rahmen“
Die Universität hatte den Abschlussbericht immer wieder angemahnt. Auf Anfrage des Deutschen Ärzteblatts äußerte sich ein Vertreter der Universität zum Vorwurf der unvollständigen Akteneinsicht: „Alle Akten der Universität stellen wir der Evaluierungs­kommission Freiburger Sportmedizin im Rahmen des rechtlich Zulässigen selbstver­ständlich zur Verfügung. Die Evaluierungskommission hat allerdings zum Teil Akten angefordert, die wir aufgrund datenschutzrechtlicher Vorgaben nicht freigeben dürfen, zum Beispiel  Personalakten oder Akten mit Patientendaten, oder über die die Universität nicht verfügt.“ Auch sei es „der Universität nicht erlaubt, laufende Verwaltungsakten bereitzustellen, sondern nur solche, die ins Universitätsarchiv übergegangen sind. Das Rektorat der Universität habe „allen Anträgen der Evaluierungskommission auf Senkung von Sperrfristen für Akten, die sich im Universitätsarchiv befinden, entsprochen.“

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Die Evaluierungskommission sieht das anders. Paoli, die während ihrer früheren beruflichen Laufbahn in Italien an der Bekämpfung des organisierten Verbrechens mitgearbeitet hat, wollte ihren Vorsitz Anfang November schon aufgeben, hatte den Rücktritt dann aber zurückgezogen, im Sinne der „Kontinuität der Arbeit“, wie sie erklärte. Nun formuliert die Kommission in einem Zehn-Punkte-Papier, welche Voraussetzungen aus ihrer Sicht erfüllt sein müssen, um die Arbeit zu beenden, darunter Akteneinsicht zu allen Unterlagen der Staatsanwaltschaft Freiburg.

Die hatte ab 2007 gegen zwei ehemalige Sportmediziner ermittelt, die vor einer früheren, von der Universität berufenen unabhängigen Untersuchungskommission zugegeben hatten, sich aktiv an Doping beteiligt zu haben. Die Kommission war zu der Erkenntnis gekommen, dass zwischen 1995 und 2006 Fahrradprofis aus dem Team Telekom/T-Mobile systematisch gedopt worden sind, unter anderem durch Bluttransfusionen. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen ein.

Mehrere Plagiatsverdachtsfälle bei Habilitationen
Die jetzige Evaluierungskommission hat auch Hinweise auf mehrere Plagiatsfälle bei Habilitationen: Der Verdacht habe sich von der Sportmedizin Freiburg auch auf Lehrstuhlhaber an anderen Universitäten ausgeweitet und müsse dringend geklärt werden, so das Gremium. Auf einen solchen Verdacht hin war unter anderem festgestellt worden, dass der ehemalige Leiter der Abteilung Sportmedizin, Hans-Hermann Dickhuth, seine Habilitationsschrift nicht nach den Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis angerfertigt hatte.

Die Universität hat Dickhuth inzwischen die Habilitation aberkannt. Der emeritierte Sportmediziner darf aber seinen Professorentitel weiterhin führen. „Ob der inzwischen aberkannte akademische Grad überhaupt erst die Voraussetzung für die Berufung auf eine Professur war, ist rechtlich nicht von Belang“, teilte ein Universitätssprecher mit. © nsi/aerzteblatt.de

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