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Medizin

Phthalate: Neonatologische Patienten stark exponiert

Montag, 17. November 2014

dpa

Baltimore – Die Exposition der Patienten mit Phthalaten, die Kunststoffen als Weich­macher beigesetzt werden, kann auf Intensivstationen hohe Werte erreichen. Besonders gefährdet sind laut einer Studie im Journal of Perinatology (2014; doi: 10.1038/jp.2014.157) Neugeborene auf neonatologischen Intensivstationen.

Gegenstände aus Polyvinylchlorid (PVC) sind auf Intensivstationen allgegenwärtig. Handschuhe und Inkubatoren, aber auch Magensonden, Beatmungsgeräte, Infusions­bestecke und die Beutel von Blutkonserven bestehen aus Plastik. Um die Flexibilität zu erhöhen, sind den Kunststoffen vielfach Weichmacher zugesetzt. In der Regel sind dies Phthalate wie DEHP. Sie sind chemisch nicht mit dem PVC verbunden und lösen sich bei der Anwendung aus dem Plastik.

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Eine hohe Exposition entsteht auf Intensivstationen unter anderem durch Blutaustausch­transfusionen, extrakorporale Membranoxygenierung oder eine künstliche Ernährung (enteral oder parenteral). Frühgeborene auf neonatologischen Intensivstationen erhalten häufig mehrere dieser Behandlungen und aufgrund ihres geringen Körper­gewichts, sprich Verteilvolumens, kommt es schnell zu einer hohen Belastung.

Ein im September publizierter EU-Report schätzt, dass Frühgeborene täglich mit bis zu 6 Milligramm DEHP pro Kilogramm Körpergewicht (mg/kg) belastet werden, was sogar über dem „No Observed Adverse Effect Level“ (NOAEL) von 4,8 mg/kg pro Tag für eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung der Fortpflanzungsorgane („reproductive toxicity“) liegt.

Eric Mallow und Mary Fox von der Bloomberg School of Public Health in Baltimore schätzen in ihrer aktuellen Publikation die Exposition eines Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von zwei Kilogramm sogar auf 16 mg/kg pro Tag. Das sei 4.000-fach höher als der angestrebte Wert, der eine Toxizität auf die Entwicklung der männlichen Fort­pflanzungsorgane sicher ausschließe, schreiben sie in ihrer Übersicht. Der ent­sprechende Wert zur Vermeidung von Leberschäden werde sogar um den Faktor 160.000 überschritten.

Die Autoren beziehen sich offenbar auf die Tolerable Daily Intake (TDI), die um drei oder vier Zehnerpotenzen unter dem NOAEL festgelegt wird und die Grenze der lebenslangen alltäglichen Exposition angibt. Dennoch dürfte die kurzfristige hochgradige Belastung von Frühgeborenen, die sich über Tage bis Wochen erstrecken kann, nicht unbedenklich sein.

Der EU-Report stellt jedoch auch fest, dass die Ergebnisse epidemiologischer Studien zu den schädlichen Auswirkungen von DEHP auf die Entwicklung der Kinder oft unschlüssig oder widersprüchlich sind („inconclusive or inconsistent“). Diskutiert wird eine Störung der Testosteronproduktion, die Förderung von Brusttumoren, Fehlbildungen bei der Geburt wie Hypospadie, Kryptorchismus oder ein verminderter Anogenitalabstand sowie Störungen des Wachstums oder der Pubertät. Auch Einflüsse auf Endometriose, Übergewicht, Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes werden diskutiert.

© rme/aerzteblatt.de

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