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Politik

„Anti-Doping-Gesetz wäre wichtiges Signal auch für Ärzte“

Mittwoch, 19. November 2014

Köln – Die gesetzlichen Regelungen, mit denen der Staat die Anwendung leistungs­steigernder Substanzen und Methoden im Sport bekämpfen möchte, scheinen wenig effektiv zu sein. Strafbewehrt mit Geld- oder Freiheitsentzug sind derzeit Erwerb (seit 2013) und Besitz (seit 2007) „nicht-geringer Mengen“ leistungssteigernder Mittel. Nach Kritik aus den Reihen von Juristen und Medizinern sieht offenbar auch die Politik, dass das nicht reicht, um Doping zu verhindern: „Die bestehenden Regelungen haben Lücken und erfassen vielfach nicht die dopenden Sportlerinnen und Sportler“, heißt es in einem vor kurzem von den Bundesministerien des Innern, der Justiz und der Gesundheit vorgestellten Entwurf für ein Gesetz zur Bekämpfung von Doping im Sport („Anti-Doping-Gesetz“).

Danach sollen Leistungssportlerinnen und –sportler, die Doping bei sich anwenden oder anwenden lassen, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft werden können. Auch der Versuch soll strafbar sein. Ziel sei, die Gesundheit der Sportler und die Integrität des mit öffentlichen Mitteln geförderten Sports zu schützen und „mit Nachdruck“ gegen illegalen organisierten Handel mit leistungssteigernden Mitteln vorzugehen. Schon im 2013 diesbezüglich geänderten Arzneimittelgesetz waren die Rezeptierung und das Anwenden von Substanzen oder Methoden zum Zwecke des Doping unter Strafe gestellt worden, eine Regelung, die Ärzte und Trainer betrifft. Dennoch könnte eine nun direkt auf den Sportler bezogene verschärfte Strafvorschrift zusätzlich Signalwirkung für Ärzte haben, meint Christoph Raschka, Allgemeinmediziner in Hünfeld (Hessen) und Vizepräsident des Hessischen Sportärzteverbands.

5 Fragen an Priv.-Doz. Dr. med. Dr. rer. nat. Dr. Sportwiss. Christoph Raschka, Allgemein­mediziner in Hünfeld, Vizepräsident des Hessischen Sportärzteverbands  

DÄ: Der Gesetzentwurf zur Neuregelung von Doping würde neue Straftatbestände für dopende Sporterlinnen und Sportler schaffen, also solchen, die den Doping­kontrollen unterliegen oder daraus finanzielle Einnah­men von erheblichem Umfang erzielen. Könnte eine solche Regelung Bedeutung für Ärzte haben?
Raschka: Es beteiligen sich auch Ärzte an der Anwendung von im Profisport unerlaubten Methoden und Substanzen. Wir wissen aus Untersuchungen zum Beispiel in den Regionen Traunstein und Franken, dass zwischen 18 und 23 Prozent der von Sportlern verwendeten Dopingmittel durch ärztliche Verschrei­bung erworben wurden, im hessischen Großraum Frankfurt/Main waren es 28 Prozent. Und es gibt eine Dunkelziffer. Insgesamt ist vermutlich nur ein sehr kleiner Teil der Ärzteschaft in Doping involviert. Dennoch könnte ein Straftatbestand, der den dopenden Profisportler betrifft, noch mehr Ärzte auf Abstand halten.

DÄ: Die neuen Regelungen würden allerdings nicht die Freizeit- und Amateursportler betreffen, mit denen Ärzte außerhalb von Verbandstätigkeiten vermutlich am häufigsten zu tun haben.
Raschka: Das ist richtig. Dennoch wäre es ein Signal: Dass der Staat gesundheitliche Gefahren durch leistungssteigernde Mittel und Methoden sieht, auch schwere und potenziell lebensbedrohliche Risiken, denn in der Vergangenheit hat es auch Todesfälle gegeben. Natürlich können wir in der Praxis nicht jedes selbstschädigende Verhalten unserer Patienten unterbinden. Aber wir können informieren und vermitteln, dass das Problem auch von staatlicher Seite als bedeutend eingestuft wird. Im Übrigen werden durch die Gesundheitsschäden des Dopings auch die Krankenkassen in erheblichem Maße belastet. 

DÄ: Spielt das Thema „Leistungssteigerung“ durch Dopingmittel in der hausärztlichen Praxis eine Rolle, also bei Freizeit- oder Amateursportlern?
Raschka: Es hat eine große Bedeutung. Meine eigene Erfahrung und die vieler Kolle­ginnen und Kollegen, die wie ich auch sportmedizinische Beratungen und Unter­suchungen anbieten, ist, dass Amateur- und Freizeitsportler häufig leistungs­steigernde Substanzen oder deren Nebenwirkungen zum Thema machen. Zwischen sechzig und siebzig der befragten Sportmediziner in Deutschland berichten von solchen Gesprächen.

DÄ: Haben Sie gelegentlich Patienten in Ihrer Praxis, bei denen Sie Doping vermuten?
Raschka: Ja, häufiger. In meiner Hausarztpraxis in einer ländlichen Region in Hessen kenne ich viele Familien über Generationen. Wenn sich in kurzer Zeit das Erschei­nungsbild eines jungen Mannes ändert – männliche Patienten im jungen Erwachse­nenalter betrifft es am häufigsten – wenn also ein Patient rasch Muskelmasse aufbaut, mit rotem Gesicht in die Praxis kommt, einen erhöhten systolischen und diastolischen Blutdruck hat und vielleicht noch Akne, sind dies Hinweise auf die Anwendung von anabolen Steroiden. Die Anwender von solchen Substanzen haben häufig ein gestörtes Körperbild: Sie halten sich für schmächtig, obwohl sie kräftig und muskulös sind. Daraus folgt unter anderem eine ungesunde Ernährungsweise mit möglichen Spätfolgen.

DÄ: Würden Sie einen Patienten darauf ansprechen, wenn Sie Zeichen von Doping vermuten?
Raschka: Das mache ich und würde es auch Kollegen empfehlen. Wichtig ist, dass der Patient nicht das Vertrauen verliert, sondern die Beziehung zum Arzt bestehen bleibt. Auch wenn der Patient einen Verdacht auf Anabolikagebrauch nicht bestätigt, informiere ich über Risiken wie Gynäkomastie, Haarausfall, Seborrhöe oder Hodenhyotrophie mit unter Umständen irreversibler Infertilität. Die regionalen Sportmedizinverbände haben dazu für Ärzte umfangreiches Informationsmaterial. © nsi/aerzteblatt.de

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