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Politik

Bremst das Versorgungs­stärkungsgesetz die ambulante spezialfachärztliche Versorgung aus?

Freitag, 21. November 2014

Berlin – Erst im April 2014 hat die Umsetzung der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) mit der Indikation „Tuberkulose und atypische Mykobakteriose“ begonnen. Doch nach dem Bekanntwerden des Referentenentwurfes des GKV-Versor­gungsstärkungsgesetzes (GKV-VG) befürchten die Befürworter der neuen Versor­gungsebene eine Vollbremsung für die ASV. Demnach ist eine Änderung des Paragrafen 116b SGB V vorgesehen, die den Krankenhäusern, die bereits über eine Genehmigung für ambulante Leistungen nach § 116b SGB V alter Fassung verfügen, erlaubt, diese grundsätzlich auf unbestimmte Zeit zu behalten.

 „Damit entfällt für Krankenhäuser mit Bestandsgenehmigungen jegliche Notwendigkeit, sich an der ASV zu beteiligen und damit mit niedergelassenen Ärzten zu kooperieren“, warnte Axel Munte, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes ambulante spezialfachärztliche Versorgung, auf dem Leuchtturmsymposium des Verbandes zur ASV gestern in Berlin. Das gelte vor allem für die Bundesländer, in denen solche Geneh­migungen besonders verbreitet seien, wie beispielsweise Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein. Für niedergelassene Fachärzte in solchen Regionen werde der Zugang zur ASV damit kaum noch möglich sein.

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„Was soll die Deutsche Krankenhausgesellschaft dann noch motivieren, im Gemein­samen Bundes­aus­schuss  in diesem Bereich etwas voranzutreiben?“, fragte auch der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und Ehrenpräsident des Spitzenverbandes der Fachärzte, Andreas Köhler. Allerdings äußerte er die Hoffnung, dass die Regelung im Laufe der Verhandlungen geändert werden könnte. So gebe es „Erkenntnisprozesse“ im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium und Signale, dass vielleicht andere Lösungen angestrebt würden.

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden nach Angaben der Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (ACHSE) an einer der insgesamt 6.000 bis 8.000 der Seltenen Erkrankungen. Zu den typischen Problemen von Betroffenen gehören laut Andreas Reimann, Vorsitzender der ACHSE, nach wie vor ein langer Weg zur Diagnose und die Suche nach kompetenter Behandlung durch Ärzte und nicht-ärztlichen Therapeuten.

Aber auch Versorgungsstrukturen seien dringend verbesserungswürdig. Bisher zeichnen sie sich Reimann zufolge durch wechselnde ärztliche Besetzung, fehlende Koordination, Unkenntnis der Vorbefunde, unzureichende Dokumentation und mangelnde Kommu­nikation mit Mit- und Nachbehandlern aus. Die Versorgungssituation der Betroffenen soll, so die Intention des Gesetzgebers, die ambulante spezialfachärztliche Versorgung deutlich verbessern.

Köhler: ASV für Patienten seltenen Erkrankungen alternativlos
Grundsätzlich bietet die ASV aus Sicht des Bundesverbandes ambulante spezialfach­ärztliche Versorgung große Chancen für die Behandlung von Menschen mit seltenen und kostenintensiven Erkrankungen. Köhler bezeichnete sie für die Versorgung der Betrof­fenen gar als „alternativlos“. „Keine Krankenkassen wird einen Selektivvertrag für Seltene Erkrankungen abschließen wollen“, sagte er. Denn aus dem morbiditäts­orientierten Risiko­struk­tur­aus­gleich, der nur wenige Seltene Erkrankungen berück­sichtigt, können die anfallenden Kosten nicht ausgeglichen werden. Der Kollektivvertrag sei aber mit seinen rund 540 Millionen Behandlungsfällen jährlich allein im ambulanten Bereich eher auf das „Massengeschäft“ ausgelegt und damit für Seltene Erkrankungen nur bedingt geeignet.

Ambulante spezialfachärztliche Versorgung: KBV-Broschüre mit Informationen für Einsteiger

Für welche Patienten kommt die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) in Betracht? Wer übernimmt die Behandlung? Und unter welchen Voraussetzungen können Vertragsärztinnen und -ärzte daran teilnehmen? Antworten auf diese und andere Fragen befinden sich in einer Broschüre der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Allerdings sahen sowohl Munte als auch Köhler eine Reihe von Problemen in der Organisationsstruktur, den Qualifikations- und Strukturvoraussetzungen sowie bei der Vergütung der ASV, die den Bedürfnissen der Betroffenen angepasst werden müssten. 

Problemfelder sind die räumliche Verteilung und geringe Fallzahlen
Eine große Herausforderung für die ambulante spezialfachärztliche Versorgung im Bereich der seltenen Erkrankungen sind aus Sicht von Köhler die räumliche Verteilung sowie geringe Fallzahlen. So gab es im Jahr 2013 seinen Angaben nach in Deutschland 140.000 Patienten mit Tuberkulose als  Verdachts- oder gesicherte Diagnose. Obwohl die Erkrankung im Bereich der Seltenen Erkrankungen vergleichsweise häufig sei, habe ihr Anteil am gesamten Leistungsbedarf bei 0,3 Prozent gelegen.

„Keine Praxis, die ja auch ein wirtschaftliches Unternehmen ist, wird besondere  Vorhaltungen treffen wollen, wenn sie darüber lediglich 0,3 Prozent ihres gesamten Leistungsbedarfs erwirtschaftet und die Vergütung nicht kostendeckend ist“, gab Köhler zu bedenken. „In den Vergütungsdiskussionen müssen wir berücksichtigen, dass eine Praxis trotz geringer Fallzahlen und höheren Zeitbedarfs, wie sie bei seltenen Erkrankungen üblich sind, wirtschaftlich tragfähig sein muss, ohne andererseits Missbrauchsanreize zu schaffen“. Vor allem in der ASV habe man sehr viel bessere Chancen, besondere Vergütungsaspekte zu etablieren, als in der Regelversorgung.

ACHSE-Vorsitzender Reimann bezeichnete die Katalogisierung der Seltenen Erkrankungen als „unvollständig, unzweckmäßig und ungerecht“. Er schlug vor, statt eines Katalogs die Zugangsberechtigung zur ASV über die Prävalenz, wie sie bei Seltenen Erkrankungen üblich ist (weniger als fünf pro 10.000 Einwohner in Deutschland), zu definieren.

Kritik an Bürokratie und schleppender Umsetzung
Viel Kritik gab es wiederholt für die Umsetzungsgeschwindigkeit der neuen Versorgungs­ebene sowie für den Bürokratieaufwand. Norbert Lettau, Vorsitzender des Erweiterten Landesausschusses Hamburg, bezeichnete den Aufwand sowohl für das ASV-Team als auch für die Landesausschüsse als „unverhältnismäßig“.

Nach den ersten Erfahrungen in Hamburg liege das Volumen einer Anzeige für die Indikation Tuberkulose pro Team bei über 150 Seiten. Auch die Resonanz blieb bisher bescheiden. So seien in der Hansestadt bisher vier Anzeigen für die Indikation Tuberkulose eingereicht worden. Zwei davon wurden laut Lettau abgelehnt, eine bewilligt. Eine weitere soll im Dezember genehmigt werden. Für die zweite mögliche Indikation „gastrointestinale Tumoren und Tumoren der Bauchhöhle“ liege dem Erweiterten Landesausschuss noch keine einzige Anzeige vor. © ank/aerzteblatt.de

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