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Medizin

Infektions­krankheiten bleiben auch ökonomisch eine große Herausforderung

Montag, 24. November 2014

dpa

Berlin – Der kontinuierliche Anstieg der Lebenserwartung in den Industrienationen beruht im Wesentlichen auf einem hohen Lebensstandard mit guter Hygiene, Impf­programmen und wirksamen Antiinfektiva. „Wenn wir an diesen drei Fronten schwächeln, hat das gravierende Folgen, dazu darf es nicht kommen!“ Das sagte Norbert Suttorp, Direktor der Medizinischen Klinik Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie der Charité Berlin, bei einem Symposium über Infektionskrankheiten und bezog insbesonere die Politik mit ein, die über die Finanzierung der medizinischen Forschung und der Versorgung der Patienten entscheide.

Einige Infektionskrankheiten wie die Tuberkulose haben sinkende Inzidenzen, es steigen aber die Resistenzraten und damit die Komplexität und Kosten der Therapie. Ausrotten lasse sich der Erreger ohne Impfung nicht, hieß es bei der Veranstaltung der Paul-Mar­tini-Stiftung und der Leopoldina in Berlin. Infektionskrankheiten stellen auch reiche Länder wie Deutschland vor große Herausforderungen.

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Beispiel Hepatitis: „Nur ein Bruchteil der chronisch mit einem Hepatitisvirus Infizierten in Deutschland wird derzeit diagnostiziert, so dass nur ein geringer Teil der Folgeer­krankungen verhindert werden kann“, sagte Michael Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover. So gebe es vermutlich in Deutschland jährlich mehr als 100.000 der zoonotisch übertragene Hepatitis-E-Virusinfektionen (HEV).

Die HEV- Infektion bei immunkompetenten Personen verlaufe im Allgemeinen unauffällig oder als selbstlimitierende akute Hepatitis. In den letzten Jahren würden aber zunehmend Fälle mit rasch progredienter Lebererkrankung, aber auch mit neurologischen Symp­tomen und Guillain-Barré-Syndrom durch chronische HEV-Infektion gemeldet, vor allem bei Immunsupprimierten. Die im Jahr 2013 weniger als 500 gemeldeten HEV-Infektionen ließen auf eine hohe Dunkelziffer schließen. Mit Ribavirin über drei bis fünf Monate lasse sich die Infektion effektiv therapieren.

Auch die chronische Hepatitis C (CHC), vor 25 Jahren entdeckt, sei in Deutschland deutlich unterdiagnostiziert, sagte Manns: Nur etwa jeder fünfte chronisch HCV-Infizierte wisse von der Erkrankung. Es werden circa 5.000 Neuerkrankungen jährlich gemeldet. Der Häufigkeitsgipfel der HCV-assoziierten Langzeitkomplikationen mit hepatozellulärem Karzinom und dekompensierter Zirrhose werde vermutlich 2020 und 2030 erreicht – mit entsprechend hohen Krankheits- und Kostenbelastungen.

CHC-Patienten benötigen Kombinationstherapien. Mit den jüngsten Neuentwicklungen bei den direkt-antiviralen Substanzen ließen sich aktuell Heilungsraten von mehr als 90 Prozent für die meisten HCV-Genotypen binnen 12 bis 24 Wochen erzielen, sagte Manns, in Kombination mit Ribavirin auch als interferonfreie Regime.

Allerdings könnten bei neuen Kombinationen wie Sofosbuvir plus Ledipasvir (CHC-Genotyp 1 oder 4; plus Ribavirin) Kosten von 66 780 Euro für 12 Wochen oder 133 565 für 24 Wochen entstehen. Und so lasse sich in Deutschland ein Hepatitis-C-Therapie-Tourismus zum Beispiel aus osteuropäischen Ländern beobachten.

Diskussion über Preisstrukturen neuer Medikamente erforderlich
„Die Krankenkassen in Deutschland signalisieren, die Kosten falls erforderlich, zu übernehmen, aber nicht für alle sofort“, sagte Manns. „Die Patienten müssen priorisiert werden“, sagte Manns. „Längerfristig aber werden wir über Preisstrukturen reden müssen, wie dies erfolgreich zum Beispiel bei HIV-Medikamenten geschehen sei“. Es sei sinnvoll, Sceeningprogramme in Hochrisikogruppen zu etablieren, um Langzeitfolgen zu vermeiden.

Die Influenza A und B, die sich wie andere Krankheitserreger mit großem natürlichen Reservoir (Vögel, Säuger inklusive Nutztiere) nicht ausrotten lässt, ist ebenfalls mit einer hohen Morbiditäts- und Kostenbelastung assoziiert: 7,7 Millionen Menschen gehen in einer normalen Grippesaison wie 2012/13 deshalb in Deutschland zum Arzt, berichtete Christine Ehrhardt von der Universität Münster.

Es habe in der letzten Saison 3,4 Millionen Krankschreibungen und 11 200 stationäre Behandlungen gegeben. Die Impfung gehört zu den besten Präventionsmaßnahmen, allerdings variiert der Schutz, in Abhängigkeit von der Immunkompetenz des Impflings und den zirkulierenden Stämmen. Er beträgt zum Teil nur 30 bis 50 Prozent. Um schweren Verläufen frühzeitig entgegenwirken zu können, wird an Medikamenten gegen Influenza geforscht. Gegen M2-Ionenkanalblocker wie Amantadin und Neuraminidasehemmer (NAI) entwickeln Influenzaviren rasch Resistenzen.

Neue Strategien bei Influenza zielen auf Wirtsfaktoren
Vermutlich lasse sich nur mit Kombinationen von Substanzen verschiedener Wirkmecha­nismen durch schnelle und fast vollständige Hemmung der Virusreplikation die Resis­tenzbildung verhindern, sagte Bernd Salzberger von der Universität Regensburg. Die Evidenz für den klinischen Nutzen der NAI bei schweren Verläufen sei gering. NAI hätten aber in Kombination mit Amantadin und Ribavirin in präklinischen und ersten klinischen Studien „ermutigende Ergebnisse“ erzielt. Außerdem würden RNA-Polymeraseinhibitoren wie Favipiravir klinisch geprüft.

Neue Strategien beeinflussen nicht den Erreger, sondern Signalwege des Wirts wie den Raf/MEK-Signalweg: Eine Inhibition unterdrückt den Export von RNA-Protein-Komplexen aus dem Zellkern und damit die Virusvermehrung, wie Ehrhardt berichtete. Die Substanzen seien gut verträglich, teilweise in anderen Indikationen zugelassen, würden aber weiter untersucht.

In der Inzidenz der Tuberkulose ist weltweit rückläufig, in Deutschland werden jährlich circa 4.300 Erkrankungen gemeldet, fast 80 Prozent haben die offene Form. Bei jedem siebten Patienten haben die Stämme Antibiotikaresistenzen, wobei der Anteil der multi- und extensiv resistenten Stämme in Europa zunimmt, berichtete Christoph Lange vom Forschungszentrum Borstel. Die Therapie mit mindestens vier Medikamenten über zwanzig Monate und Kosten von mehr als 45.000 Euro könne auch behandelnde Ärzte in Deutschland vor ökonomische Probleme stellen. © nsi/aerzteblatt.de

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