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„Der Wiederaufbau in Banda Aceh hat hervorragend funktioniert“

Dienstag, 25. November 2014

Köln – Nach dem Tsunami 2004 im Indischen Ozean war Uwe Gross Teil einer Task-Force, die humanitäre Hilfe in der Region Aceh in Indonesien geleistet hat. Heute, zehn Jahre nach der Katastrophe, zieht er ein Fazit.

5 Fragen an Uwe Gross, Professor für medizinische Mikrobiologie an der Universität Göttingen

DÄ: Wie ist die Situation in Banda Aceh zehn Jahre nach dem verheerenden Tsunami?
Gross: Was das Gesundheitswesen angeht, merkt man nichts mehr von den Folgen der Katastrophe. Es hat allerdings eine geografische Veränderung gegeben: Die Erdplatte hat sich in dem Gebiet gesenkt, so dass Gebiete, die früher besiedelt waren, jetzt nicht mehr besiedelt werden können. Dabei handelt es sich um einen Küstenstreifen von ein bis zwei Kilometern. Vereinzelt stehen dort ein paar Häuser, aber diese inzwischen sumpfartige Gegend wurde nicht wirklich wieder so besiedelt, wie sie früher war.

DÄ: Wieso hat man sich an der Universität Göttingen dazu entschieden, Hilfe für die Region zu leisten, und welche Maßnahmen wurden ergriffen, um die Situation der Menschen in Banda Aceh zu verbessern?
Gross: Göttingen hat von allen Universitäten in Deutschland den höchsten Anteil an indonesischen Studierenden. Diese haben seinerzeit die Hochschulleitung aufgefordert, etwas zur sofortigen Verbesserung der Situation in Banda Aceh zu unternehmen. Darauf­hin hat die Hochschulleitung gemeinsam mit den Studierenden und Dozenten in einem Brainstorming-Prozess über mögliche Sofortmaßnahmen diskutiert.

Mit involviert in diese Überlegungen waren auch der Deutsche Akademische Auslands­dienst (DAAD) und die Hochschulrektorenkonferenz. Schlussendlich hat die Universität Göttingen den Auftrag bekommen, eine Task-Force nach Banda Aceh zu schicken, um zu eruieren auf welche Weise geholfen werden kann. Wir hatten damals das große Glück, dass über unsere Aktion auch in den Medien berichtet wurde und ein Spender aus Bayern sehr viel Geld zur Verfügung gestellt hat, so dass wir direkt nach dem Tsunami Stipendien an Studierende ausgeben konnten. Wir haben damals vor Ort ein Verbindungsbüro eingerichtet, das die Hilfsgelder verteilt hat.

Zudem haben wir mit unserer indonesischen Partner-Universität in Bogor organisiert, dass die Lehre in Banda Aceh in den vom Tsunami am stärksten betroffenen Fächern weitergeht. Wir hatten festgestellt, dass an der medizinischen Fakultät in einigen Disziplinen keine Dozenten mehr zur Verfügung standen; die Bibliotheken waren zerstört, die Bücher größtenteils verschimmelt. Wir haben Buchverlage in Deutschland angeschrieben, von denen dann einige mit Bücherspenden ausgeholfen haben.

Unsere Hauptaktion hat  im Rahmen des DAAD Programms „Partnerschaften für den Gesundheitssektor in Entwicklungsländern“ (PAGEL) stattgefunden. Wir führen regelmäßig Summer- Schools und Workshops durch. Zudem hatten wir Kollegen aus Banda Aceh in Göttingen zu Gast, die sich hier weiterbilden konnten.

DÄ: Wie ist Ihr Fazit zu dem Kooperationsprojekt mit der Universität in Banda Aceh?
Gross: Es ist erfreulich, dass ein Netzwerk entstanden ist, das nicht nur auf Banda Aceh und Göttingen beschränkt ist. Kollegen aus ganz Deutschland und auch aus der Schweiz beteiligen sich an dem Projekt. Zudem haben Teilnehmer von 35 unterschiedlichen indonesischen Universitäten an den Workshops teilgenommen.

Dieses Jahr läuft die Finanzierung des Projekts durch den DAAD aus und es ist noch unklar wie es weitergehen wird. Die Indonesier haben aber signalisiert, dass ihnen der Austausch so wichtig ist, dass sie gegebenenfalls eine weitere Finanzierung durch Regierungsgelder oder mit Hilfe einer privaten Stiftung sicherstellen wollen.

DÄ: Was waren die größten Hindernisse beim Wiederaufbau der zerstörten Gegenden?
Gross: Der Wiederaufbau in Banda Aceh hat hervorragend funktioniert. Ich habe den Eindruck, dass die deutschen Steuergelder dort sehr gut investiert worden sind. Ich meine damit nicht nur unsere Aktion. Auch das Krankenhaus in Banda Aceh wurde durch Steuermittel aus Deutschland finanziert. Die Klinik ist in einem sehr guten Zustand, die Mitarbeiter wissen mit den vorhandenen Geräten umzugehen und sind hochmotiviert. Beim Besuch des Krankenhauses haben wir zu spüren bekommen, wie dankbar sowohl die Angestellten als auch Patienten für die Hilfe aus Deutschland sind.

Vor dem Tsunami war die Region Aceh fast abgeschnitten von der Außenwelt: Es herrschte Bürgerkrieg, und die Regierung in Jakarta hat Aceh von den anderen Regionen Indonesiens isoliert gehalten. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die Region inzwischen der Welt geöffnet hat.

DÄ: Wie ist es um die Betreuung von traumatisierten Personen bestellt, die ihre Angehörigen verloren haben?
Gross: Wir haben in Banda Aceh auch ein psychiatrisches Krankenhaus besucht. Das Krankenhaus ist in einem Zustand, wie man sich eine Psychiatrie in Deutschland vor 50 Jahren vorstellt. Ich glaube Traumabewältigung hat nicht in der Art stattgefunden, wie wir sie uns in Deutschland vorstellen.

Nach dem Tsunami 2004 waren Hilfsorganisationen aus aller Welt vor Ort. Unter den Helfern befand sich auch der ein oder andere schräge Vogel: Einige wollten zum Beispiel Segelkurse anbieten, um den Menschen die Angst vorm Wasser zu nehmen; andere wollten mit Fußzonenreflexmassagen Hilfe leisten. Ich habe den Eindruck, dass vielen vom Tsunami betroffenen Menschen vor allem ihr starker Glaube an den Islam in dieser schweren Zeit geholfen hat.

Der damalige Leiter des örtlichen Krankenhauses hat durch den Tsunami seine gesamte Familie verloren. Trotzdem war er immer freundlich und hat mich angelächelt. Irgend­wann habe ich gefragt, wie er so zuversichtlich nach vorne schauen kann. Er antwortete mir, dass er zwar seine Familie verloren habe, andere hätten aber vermutlich noch mehr verloren. Und als die internationale Hilfe einsetzte hatte er trotz der unglaublichen Zerstörung durch den Tsunami wieder eine Zukunftsperspektive vor Augen.

© Ol/aerzteblatt.de

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