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Medizin

Krebs: Weltweit große Unterschiede im 5-Jahres-Überleben

Mittwoch, 26. November 2014

Krebszellen in der Lunge /dpa

London – Ob Menschen eine Krebserkrankung überleben, hängt weiterhin in hohem Maße davon ab, in welchem Land sie leben und welchen Zugang sie zu Früher­kennungsmaßnahmen und Therapien haben. Dies zeigt auch der zweite weltweite Vergleich der 5-Jahres-Überlebens-Raten, den die CONCORD-Gruppe jetzt im Lancet (2014; doi: 10.1016/S0140-6736(14)62038-9) vorstellt. Unterschiede bei der Diagnose und Klassifizierung, wie auch die Früherkennung machen die Interpretation der Daten jedoch schwierig.

Internationale Vergleiche in der Krebsbehandlung haben mittlerweile eine gewisse Tradition. Vor einem halben Jahrhundert kam das US-National Cancer Institute zu dem schmeichelhaften Ergebnis, dass die Überlebenschance von 12 Krebserkrankungen in den sechs US-Bundesstaaten zwischen 1945 und 1954 höher waren als in sechs europäischen Ländern.

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Im Jahr 2008 veröffentlichte dann die CONCORD-Gruppe ihren ersten weltweiten Vergleich, der große Unterschiede der bevölkerungsbezogenen Überlebensraten bei Brustkrebs, Darmkrebs und dem Prostatakarzinom aufzeigte und Deutschland nur einen Mittelplatz zuordnete – was das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium damals zu einer Stellungnahme veranlasste. Dort wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass internationale Vergleiche bei Krebserkrankungen mit Vorbehalt zu bewerten sind, da es viele Gründe für Verzerrungen der Daten gibt.

Datenbasis beruht auf 279 Krebsregister aus 67 Ländern
Das trifft auch auf die CONCORD 2-Studie zu, die ihre Datenbasis deutlich erweitern konnte. Sie umfasst jetzt die zehn häufigsten Krebserkrankungen, auf die zwei Drittel aller Krebsdiagnosen entfallen. Claudia Allemani von der London School of Hygiene & Tropical Medicine in London und ein Team von 500 Wissenschaftlern konnten für ihre Analyse auf 279 Krebsregister in 67 Ländern zurückgreifen, die Daten von mehr als 25 Millionen Krebspatienten gespeichert haben, wobei 40 Register die gesamte Bevöl­kerung des Landes abdeckten.

Die deutlichsten Unterschiede in der 5-Jahres-Überlebensrate wurden bei der akuten lymphoblastischen Leukämie von Kindern gefunden, die heute sehr gut behandelt werden kann – allerdings nur, wenn Infrastruktur, medizinisches Know-How und die finanziellen Ressourcen zur Verfügung stehen. Diese Voraussetzungen sind in Ländern wie Jordanien, Lesotho, Tunesien, Indonesien und der Mongolei nur begrenzt vorhan­den.

Die 5-Jahres-Überlebensrate schwanken dort zwischen 16 bis 50 Prozent, und sie dürften auf den weißen Flächen der CONCORD-Landkarte, die es in Afrika, aber auch in Zentralasien und Mittelamerika gibt, noch weitaus schlechter sein. Denn unbehandelt verläuft die Erkrankung in der Regel tödlich. In den entwickelten Ländern überleben heute fast alle Patienten die häufigste Krebserkrankung im Kindesalter: In Kanada, Österreich, Belgien, Deutschland und Norwegen liegen die 5-Jahres-Überlebensraten bei über 90 Prozent.

Leber- und Lungenkrebs werden zu spät diagnostiziert
Ganz anders ist die Situation bei Leber- und Lungenkrebs. Diese beiden Krebsarten werden auch in den entwickelten Ländern in der Regel zu spät diagnostiziert. Die 5-Jahres-Überlebensraten liegen weltweit bei unter 20 Prozent, in einigen Ländern überleben dann nur noch weniger als 10 Prozent. Dazu zählt laut der Studie neben Ghana auch das Vereinigte Königreich. Da es nirgends eine effektive Früherkennung gibt, sollten sich die Anstrengungen laut Allemani auf die Primärprävention (Vermeidung von Rauchen beim Lungenkrebs und von exzessivem Alkoholkonsum und Hepatitis beim Leberkrebs) gerichtet sein.

Interessante Entwicklungen gibt es beim Brustkrebs und Darmkrebs. Bei beiden Krebser­krankungen kann die Kombination aus Früherkennung und Therapie zur Heilung führen – was sich in der Analyse in deutlichen globalen Unterschieden in der 5-Jahres-Überle­bensrate niederschlägt. Brustkrebs wird in den USA und in einigen europäischen Län­dern heute von 85 Prozent der Frauen überlebt. In der Mongolei und Jordanien sind es knapp die Hälfte, wobei diese Länder in den letzten beiden Jahrzehnten Fortschritte gemacht haben. Wieder ist anzunehmen, dass die Situation in den nicht erfassten Ländern wesentlich ungünstiger aussehen dürfte (auch wenn Brustkrebs und Darmkrebs dort vielleicht noch seltener sind).

Zervixkarzinom: Überlebensraten schwanken zwischen 40 und 70 Prozent
Große internationale Unterschiede gibt es auch im Zervixkarzinom. Die 5-Jahres-Überlebensraten schwanken weltweit von weniger als 40 Prozent bis auf über 70 Prozent, was Allemani auf die Unterschiede in der Früherkennung zurückführt. Beim Pap-Screening (und neuerdings auch mit Gentests) werden nicht nur Vorstufen entdeckt, die in der Krebsstatistik gar nicht auftauchen, sondern auch Frühkarzinome, die mit besseren Überlebenschancen verbunden sind.

Beim Ovarialkarzinom gibt es derzeit keine effektive Früherkennung, und auch die Therapieergebnisse haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht wesentlich verbessert. Die 5-Jahres-Überlebensraten liegen in den meisten Ländern zwischen 30 und 40 Prozent. Wenn sie in einigen Ländern höher sind, kann dies laut Allemani auch mit der Klassifikationen zusammenhängen. Die Unterscheidung zwischen Borderline-Tumoren und invasiven Krebserkrankungen ist schwierig, was unterschiedliche Klassifikationen zur Folge hat.

Für Magenkrebs gibt es in Japan, aber auch Südkorea und Taiwan Früherkennungs­programme. Dort sind die 5-Jahres-Überlebensraten mit 50 bis 60 Prozent deutlich höher als in anderen Ländern, wo nur 25 bis 30 Prozent den Krebs länger als fünf Jahre überleben, oder genauer gesagt die Krebsdiagnose. Denn neben der frühzeitigen Therapie könnte auch die Vorverlegung der Diagnose zu einer scheinbaren Verlängerung der Überlebenszeit führen, was als Lead time-Bias bezeichnet wird.

Diese Verzerrung ist besonders ausgeprägt beim Prostatakarzinom, wo das PSA-Screening eine Früherkennung ohne gesicherte Auswirkung auf die Langzeit­prognose ermöglicht. Die kurzfristige Überlebensrate kann jedoch deutlich ansteigen. Dies war nach der politischen Wende in den 90er Jahren Beispielsweise in Litauen der Fall, wo die 5-Jahres-Überlebensrate von 52 auf 92 Prozent stieg, seit eine bessere Gesundheitsversorgung älteren Männern die Möglichkeit zur Früherkennung eröffnet hat. Ähnliche Entwicklungen hat es auch in Lettland gegeben. Aber auch in Dänemark stieg die 5-Jahres-Überlebensrate von 46 auf 77 Prozent, obwohl die Fachgesellschaft der dänischen Urologen vom PSA-Test abrät – was aber die Popularität des Tests nicht vermindert hat. © rme/aerzteblatt.de

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