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Politik

Experten diskutieren über Zukunft der Qualitätssicherung

Freitag, 28. November 2014

Berlin – Der Präsident der Ärztekammer Berlin, Günther Jonitz, hat die von Union und SPD auf den Weg gebrachte Einrichtung eines Qualitätsinstituts begrüßt. „Die primäre Motivation aller, die im deutschen Gesundheitssystem den Patienten in die Augen sehen, ist, gute Arbeit zu leisten. Dafür stehen sie jeden Tag auf, dafür machen sie zahlreiche Überstunden“, sagte Jonitz auf dem 8. Nationalen Qualitätskongress Gesundheit gestern in Berlin. Es sei deshalb gut, wenn der Ursprung dieser Motivation, die Erbringung hoher Qualität, Niederschlag in einem Institut finde. Er kritisierte jedoch, dass die Ärzteschaft nicht an der Arbeit des Instituts beteiligt werden soll.

„Das Qualitätsinstitut ist ein Fortschritt“, meinte auch Matthias Schrappe von der Universi­tät Köln, „weil es eine kontinuierlich arbeitende Einrichtung sein wird, und wir bei der Qualitätssicherung nicht alle fünf Jahre von vorne anfangen müssen“. Bislang hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss die Qualitätssicherung in Deutschland ausge­schrieben und alle fünf Jahre ein anderes Qualitätsinstitut damit beauftragt. Negativ sei jedoch, so Schrappe weiter, die Überbetonung der Aufsichtsfunktion, die unter anderem ein Stiftungsrat, der Vorstand und ein Kuratorium übernehmen sollen.

IQWiG versus IQTiG
„Ob unter diesen Bedingungen eine gedeihliche Arbeit möglich ist, wird sich erst noch zeigen“, meinte Schrappe. Zudem wies er darauf hin, dass auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) den Terminus „Qualität“ im Titel trage. „Der Gesetzgeber ist gut beraten, wenn er eine Arbeitsteilung vornimmt. Dennoch werden Reibungsverluste nicht ganz unwahrscheinlich sein“, befand der frühere Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit.

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„Das IQWiG schaut auf alles, was ins System hineinkommt“, sagte Jonitz. Das auf den Weg gebrachte Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTiG) solle hingegen auf alles schauen, was bei den Patienten ankommt. „Das ist eine andere Ebene, die entscheidende Ebene“, so Jonitz. Dahinter stecke möglicherweise ein angedeuteter Paradigmenwechsel in der Politik: eine vermehrte Steuerung des Systems am Ergebnis und nicht am Input.

Im IQTiG sollen künftig Routinedaten sektorenübergreifend gesammelt, ausgewertet und veröffentlicht werden. Zudem soll das Institut eine Vergleichsliste von Krankenhäusern erstellen und die im stationären Bereich verwendeten Zertifikate bewerten. Schrappe lobte vor allem, dass das Institut im Rahmen der Qualitätsmessung künftig auch Module für eine ergänzende Patientenbefragung entwickeln solle.

„Vom Wiegen alleine wird die Sau nicht fett“
„Wir brauchen bei der Qualitätssicherung eine Datengrundlage“, meinte Jonitz. „Wir brauchen auch weiche Daten und Erhebungen zur Sicherheitskultur in Krankenhäusern.“ Entscheidend sei jedoch nicht die Qualitätsmessung, denn die sei nur ein Instrument. „Entscheidend ist die Umsetzung“, so Jonitz. Vom Wiegen alleine werde schließlich auch die Sau nicht fett.

Der zweite Vorsitzende des Marburger Bundes, Andreas Botzlar, gab zu bedenken, dass „wir aufpassen müssen, dass wir nicht zu kleinteilig messen, regulieren und steuern“. Ärzte hätten eine hohe intrinsische Motivation, Patienten etwas Gutes zu tun. Besser sei es daher, ihnen mehr Vertrauen entgegenzubringen und ausreichenden Freiraum zu gewähren, um diese intrinsische Motivation nicht abzutöten.

Qualitätsmessung nicht ausufern lassen
Auch der Geschäftsführer des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI), Andreas Weigand, warnte davor, die Messung der Qualität ausufern zu lassen. „Die durchschnittliche Qualität in den deutschen Krankenhäusern ist vielleicht nicht die beste, aber sie ist doch gut bis sehr gut“, sagte er. „Das Exzellente ist der Feind des sehr Guten. Wir sollten uns nicht auf eine Diskussion begeben, bei der nur die Goldmedaille zählt.“

Zudem tue die Politik derzeit so, als sei die Qualität im deutschen Gesundheitswesen ein großes schwarzes Loch. Dabei habe sich beim Qualitätsmanagement bereits vieles verbessert, und die Qualitätssicherung sei heute in Deutschland trotz einiger Schwächen auf einem hohen Stand.

Weigand sprach sich dafür aus, die Strukturqualität in deutschen Krankenhäusern zu messen und die Häuser entsprechend zu vergüten. Bei der Prozessqualität werde es hingegen schon schwieriger. „Denn hier kommt es ja immer auf die Menschen an, die die Prozesse ausführen“, so der DKI-Geschäftsführer. Auch Ergebnisqualität lasse sich durchaus messen. Ob sie sich jedoch auch vergüten lassen, darauf sei bislang noch keine Antwort gefunden worden. © fos/aerzteblatt.de

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