NewsMedizinWarum viele Inuit# keinen Haushaltszucker vertragen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Warum viele Inuit# keinen Haushaltszucker vertragen

Dienstag, 2. Dezember 2014

dpa

Ottawa – Viele Inuit, die sich seit vielen Generationen kohlenhydratarm von Meeres­säugern und Fischen ernähren, vertragen keinen Haushaltszucker. Die Ursache ist eine einzelne „Gründermutation“ im Gen für das Enzym Sucrase-Isomaltase, wie eine Studie im Canadian Medical Association Journal (2014, doi: 10.1503/cmaj.140657) zeigt.

In Europa und Nordamerika ist die kongenitale Saccharose-Isomaltose-Malabsorption (CSID), auch Saccharoseintoleranz genannt, eine Rarität. Die Datenbank Online Mende­lian Inheritance in Man (OMIM) gibt die Häufigkeit mit 0,2 Prozent an. Bei den Inuit, wie die Ureinwohner der Arktisregion in Nordkanada und Grönland genannt werden, wird die Häufigkeit in verschiedenen Untersuchungen mit 5 bis 10 Prozent angegeben.

Anzeige

Die Störung war kein Problem, solange die Inuit traditionell von der Jagd lebten und ihre Diät vor allem aus Fetten und Proteinen, aber kaum aus Kohlenhydraten bestand. Dies hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Seither kommt es bei vielen Kindern nach dem Abstillen zu starken Durchfällen, Meteorismus, Mangelernährung und Gedeih­störungen.

Schon länger ist bekannt, dass die Störung auf das Fehlen des Enzyms Sucrase-Isomaltase zurückzuführen ist, das auf der Oberfläche der Dünndarmzotten Maltose, Isomaltose, Saccharose und andere Mehrfachzucker hydrolysiert. Ohne diese Aufspal­tung können die Kohlenhydrate nicht resorbiert werden. Sie dienen im Dickdarm gasbildenden Bakterien als Nahrung und lösen aufgrund ihrer osmotischen Wirkung eine Diarrhö aus.

Diese Symptome lagen auch bei einem gerade fünf Tage alten Säugling von Baffin Island, der größten Insel des Kanadisch-Arktischen Archipels, vor. Es war nach der Geburt mit Flaschennahrung ernährt worden. (Kuhmilch wird von Patienten mit CSID normalerweise vertragen, doch einige Milchpulver enthalten zur Vermeidung einer Laktose-Intoleranz auch Saccharose).

Nachdem die Diagnose (erst nach drei Monaten) gestellt wurde, ließ ein Team um Matthew Lines vom Children's Hospital of Eastern Ontario in Ottawa, das Gen der Sucrase-Isomaltase sequenzieren. Bereits im vierten von 48 Exonen stießen die Forscher auf eine Mutation, die das Leseraster verschiebt und zu einem kompletten Ausfall der Enzymfunktion führt.

Die Forscher untersuchten daraufhin die Gene von weiteren Inuit: Jeder dritte war heterozygot auf das Merkmal und einige hatten dieselbe homozygote Störung wie das untersuchte Kind. Lines schätzt, dass 28,5 Prozent der Inuit heterozygot und 3,0 Prozent homozygot auf das Merkmal sind. Die einzelne Mutation könnte deshalb den größten Teil aller CSID-Erkrankungen bei den Inuit erklären. Es handelt sich deshalb um eine soge­nannte Gründer-Mutation. Sie dürfte aufgrund ihrer hohen Inzidenz schon vor vielen Generationen entstanden sein, blieb jedoch lange Zeit ohne Folgen.

Die Entdeckung einer einzelnen Gründermutation als Ursache für die CSID macht jetzt die Entwicklung eines einfachen Gentests möglich. Mit ihm kann die Diagnose ohne Darmbiopsie in einer Blutprobe gestellt werden.

© rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

16. September 2020
Liverpool – Bei den meisten Menschen können epileptische Anfälle durch ein oder mehrere Antiepileptika kontrolliert werden. Für Menschen, die weiterhin Anfälle haben, also unter einer
Ketogene Diät mögliche aber unsichere Therapieoption bei medikamentenresistenter Epilepsie
15. September 2020
Freiburg/Berlin – Eine Steuer auf besonders fetthaltige Lebensmittel könnte sich möglicherweise positiv auf die Ernährungsweise der Menschen auswirken. Allerdings ist die Datenlage dazu schwach. Zu
Cochrane: Nutzen einer Steuer auf besonders fetthaltige Lebensmittel unklar
11. September 2020
Berlin – Die gestern erstmals in Deutschland bei einem Wildschwein festgestellte Afrikanische Schweinepest (ASP) stellt für den Menschen keine Gesundheitsgefahr dar. Darauf hat das Bundesinstitut für
Keine Gefahr für Menschen durch Afrikanische Schweinepest
10. September 2020
Berlin – Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist erstmals in Deutschland nachgewiesen worden. Die Tierseuche wurde bei einem toten Wildschwein in Brandenburg nahe der Grenze zu Polen bestätigt, wie
Afrikanische Schweinepest in Deutschland angekommen
1. September 2020
Berlin – Wer sich vegan ernährt, hat ein erhöhtes Risiko für einen Jodmangel. Darauf deuten die Ergebnisse einer Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) hin, die jetzt im Deutschen
Vegane Ernährung erhöht Risiko für einen Jodmangel
25. August 2020
Frankfurt am Main – Der Umsatz mit Nahrungsergänzungsmitteln aus der Apotheke ist in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich sechs Prozent pro Jahr gestiegen und erreichte im Jahr 2019 einen
Nahrungsergänzungsmittel immer beliebter
21. August 2020
Berlin – Ein kostenfreies hochwertiges Essen in Kitas und Schulen, eine Extrasteuer auf zuckerhaltige Getränke und Einschränkungen bei Lebensmittelwerbung, die an Kinder gerichtet ist. Diese Schritte
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER