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Politik

Mehr ADHS Diagnosen – aber zurückhaltende medikamentöse Therapie

Donnerstag, 4. Dezember 2014

dpa

Berlin – Zwischen 2008 bis 2011 ist der Anteil von Kindern und Jugendlichen bis 14 Jahre mit einer ADHS-Diagnose von 3,7 auf 4,4 Prozent gestiegen. Bei Jungen diagnos­tizieren Ärzte die Erkrankung dreimal häufiger als bei Mädchen. Das zeigt eine neue Studie vom Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versor­gung (ZI). Die Wissenschaftler haben dafür Abrechnungsdaten der Kassen­ärztlichen Vereini­gungen ausgewertet und so erstmals Daten aller Versicherten in Deutschland einbezogen.

Die Zahl der betroffenen Kinder liegt etwas niedriger als in anderen Studien aus Deutsch­­land, etwa einer in diesem Herbst erschienenen Studie der AOK, die Daten ihrer Versicherten ausgewertet hatte. Der Grund: „Um nur gesicherte Diagnosen zu erfassen, haben wir ausschließlich Fälle berücksichtigt, bei denen die Diagnose in wenigstens zwei Behandlungsquartalen gestellt wurde“, erklärt Ramona Hering, Erstautorin der ZI-Studie.

Laut dem Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BKJPP) liegen diese Zahlen „im Erwartungsbereich“ und entsprechen der Größenordnung, wie sie bereits die sogenannte Studie „KIGSS“ zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen des Robert Koch-Institutes dokumentiert habe.

Die ZI-Studie belegt regionale Unterschiede bei der ADHS-Diagnose: So wird die Erkran­kung in Rheinland-Pfalz, Bayern, Brandenburg, Thüringen und Sachsen häufiger diagnostiziert als im Bundesdurchschnitt. Niedriger sind die Raten in Hamburg, Bremen, Hessen, Schleswig Holstein und Mecklenburg Vorpommern. Bei der Betrachtung auf Kreisebene zeigt sich, dass die Diagnose ADHS in großen Städten seltener gestellt wird als in weniger dicht besiedelten Kreisen.

Die Wissenschaftler vom Versorgungsatlas haben auch die Verordnung von Medika­menten gegen ADHS analysiert – dem häufig eingesetzten Methylphenidat und dem seltener verordneten Atomoxetin. Im Untersuchungszeitraum stieg der Anteil der Kinder und Jugendlichen zwischen 5 und 14 Jahren, die mindestens einmal Methylphenidat verordnet bekamen von 2,9 auf 3,3 Prozent.

Doch im Detail stellten die Wissenschaftler fest, dass nach einem Anstieg der Verord­nungen in den Jahren 2008 bis 2010 die Verordnungszahlen im Jahr 2011 leicht zurückgingen und teilweise sogar unter das Niveau von 2008 sanken. „Dies könnte mit den Änderungen der Arzneimittelrichtlinien des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses zusammen­hängen“, vermutet Ramona Hering. Aufgrund dieser Änderungen dürfen nur noch Fachärzte aus den kinderärztlichen, psychiatrischen und neurologischen Fach­gebieten bei ADHS spezifische Arzneimittel verordnen. Folgeverordnungen durch andere Fachärzte sind nur noch in Ausnahmefällen möglich.

Das entspricht auch den Erfahrungen des Berufsverbandes: „Eine erste Auswertung einer bundesweiten Evaluation der Sozialpsychiatrievereinbarung ergaben in unseren Praxen eine Rate von circa 37 Prozent Stimulanzienbehandlung bei ADHS-Diagnose“, sagte der Vorsitzende des BKJPP, Gundolf Berg, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. © hil/aerzteblatt.de

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