Medizin

Lachgas lindert schwere Depressionen

Donnerstag, 11. Dezember 2014

St. Louis - Distickstoffmonoxid, als „Lachgas“ zunächst eine Jahrmarktattraktion und seit 150 Jahren ein bewährtes Anästhetikum, könnte ein wirksames Mittel gegen Depressionen sein. In einer Pilotstudie in Biological Psychiatry (2014; org/10.1016/j.biopsych.2014.11.016) erzielte eine einstündige Behandlung bei Patienten mit therapierefraktären Depressionen eine sofortige Wirkung, die bis zu eine Woche lang anhielt.

Obwohl Distickstoffoxid unterschiedliche Wirkungen auf das Gehirn hat, scheint die anästhesierende Wirkung vor allem über die Inhibition von NMDA-Rezeptoren vermittelt zu werden. Damit hat Lachgas einen ähnlichen Wirkmechanismus wie das Injektions­anästhetikum Ketamin, das in früheren Studien ebenfalls schwerste Depressionen durchbrochen hat und in den USA bereits von mehreren Zentren als Behandlung angeboten wird.

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Wenigstens zwei US-Firmen, Naurex und Cerecor, lassen derzeit Ketamin-Derivate in dieser Indikation klinisch prüfen. Ketamin hat allerdings psychotrope Nebenwirkungen, die bei Drogenabhängigen (als Special K) beliebt sind, die aber die Verträglichkeit in der Behandlung von Patienten mit Depressionen herabsetzen und juristische Schwierigkeiten heraufbeschwören könnten.

Distickstoffoxid gilt hier als unproblematisch, da es seit vielen Jahrzehnten auch bei Kindern ohne erkennbare Folgeschäden eingesetzt wird. Dies brachte Peter Nagele von der Washington University School of Medicine in St. Louis und Mitarbeiter auf die Idee, die Wirkung von Lachgas bei Patienten mit schweren Depressionen zu untersuchen. Die 20 Studienteilnehmer litten im Durchschnitt seit 19 Jahren unter schwersten Depressionen, und sie hatten median acht unterschiedliche Medikamente ohne durchschlagende Erfolge eingenommen.

Für die Crossover-Studie wurden sie im Abstand von einer Woche zweimal behandelt. Bei den Behandlungen atmeten sie über 60 Minuten einmal ein Gasgemisch ein, dass zu gleichen Teilen aus Sauerstoff und Distickstoffoxid bestand und als MEOPA bei kleineren schmerzhaften Eingriffen vor allem in der Pädiatrie („Zaubergas“) verwendet wird. Das Mittel hat neben der anästhesierenden eine sedierende, aber keine betäubende Wirkung.

An der leicht euphorisierenden Wirkung und dem leicht süßlichen Geruch und Geschmack dürften die meisten Studienteilnehmer den Unterschied zur zweiten Behandlung mit einem reinen Luftgemisch unterschieden haben, so dass keine echte Verblindung möglich war. Auch das Intervall zwischen den beiden Therapien war zu kurz gewählt, da die Wirkung auf die depressiven Symptome, die wie bei der Ketamin­behandlung sofort einsetzt, auch nach einer Woche noch nachweisbar war.

Am stärksten war die Wirkung jedoch in den ersten zwei Tagen nach der „Inhalations­behandlung“: Bei vier von 20 Patienten kam es zu einer Reduktion der Beschwerden in der Hamilton-Skala (HDRS) um mehr als 50 Prozent, drei Patienten erzielten sogar eine Vollremission ihrer Depression (HDRS 7 Punkte oder weniger). Nach der reinen Luftbehandlung berichtete dagegen nur ein Patient über eine gewisse Besserung der Depression. Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen waren trotz der geringen Teilnehmerzahl der Studie statistisch signifikant, weshalb Nagele weitere Studien erwägt.

Im Gegensatz zu der Ketaminbehandlung, die eine Injektionsanästhesie ist, könnte eine Lachgasnarkose relativ problemlos durchgeführt werden. Die Behandlung müsste allerdings in regelmäßigen Abständen wiederholt werden, was wegen des leichten Brechreizes, die das Gas auslöst, problematisch sein könnte. Zu klären wäre auch die Langzeittoxizität von Distickstoffmonoxid. Zu befürchten sind laut Nagele beispielsweise Störungen des Blutbildes, da Lachgas die Wirkung von Vitamin B12 aufhebt.

© rme/aerzteblatt.de

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