Ärzteschaft

Unfallchirurgen warnen vor Verlängerung der Wartezeiten auf den Notarzt

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) kritisiert Planungen in Baden-Württemberg, die Hilfsfristen bei einem Notfalleinsatz zu verlängern. „Diese Entwicklungen sind rückwärtsgewandt. Wir müssen Überlebenschancen verbessern, nicht minimieren“, sagte Reinhard Hoffmann, stellvertretender General­sekretär der DGOU und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU).

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Die „Hilfsfrist“ ist der Zeitraum zwischen Eingang des Notrufes und Eintreffen der Rettungskräfte am Einsatzort. Die Festlegung dieser Hilfsfrist ist Ländersache und damit in 16 unterschiedlichen Rettungsdienstzeitgesetzen geregelt. Tatsächlich reicht sie von acht Minuten in dicht besiedelten Gebieten Nordrein-Westfalens bis hin zu maximal 17 Minuten in ländlichen Gebieten Thüringens. In Baden-Württemberg gab es immer wieder Kritik, weil Retter und Notärzte nicht innerhalb der vorgesehenen zehn Minuten am Einsatzort waren.

Leichtfertige Verlängerung der Hilfsfrist ist lebensgefährlich
„Es wäre im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlich, wenn man die strukturellen Probleme, die durch Geldmangel und Ressourcenknappheit eigentlich dahinter stecken, mit einer leichtfertigen Verlängerung der Hilfsfrist löst“, warnte Hoffmann, der als ärztlicher Direktor an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt am Main tätig ist.

So nehme die Wahrscheinlichkeit, einen Herz-Kreislauf-Stillstand unbeschadet zu überleben, ohne Therapie pro Minute um etwa zehn Prozent ab. „Im Interesse der Patienten sollte die Hilfsfrist statt verlängert eher auf acht Minuten reduziert werden“, fordert Hoffmann.

DGOU und DGU kritisieren, der Rettungsdienst leide seit mehreren Jahren an Geldman­gel und verfügbarer Kompetenz – insbesondere in ländlichen Regionen könnten die Notarztstandorte häufig nicht mit einer ausreichenden Anzahl an Notärzten abgedeckt werden. Unter anderem diese Problematik führte nach langen Diskussionen 2013 zur Einführung des neuen Berufsbildes Notfallsanitäter.

Er löst den bisherigen Rettungsassistenten ab und soll eigenverantwortlich Tätigkeiten auch im invasiven Bereich übernehmen – das schließt beispielsweise die intravenöse Medikamentengabe ein. Der Notarzt soll in Baden-Württemberg daher zukünftig bis zu 18 Minuten Zeit bis zum Eintreffen am Einsatzort haben. Die Zwischenzeit soll durch qualifi­zierte Notfallsanitäter überbrückt werden.

Gefahr einer schleichenden Substitution des Notarztsystems
DGOU und DGU begrüßen diese Qualifikationsmaßnahmen für ehemalige Rettungs­assistenten, sehen aber die Gefahr, dass es durch eine Verlängerung von Hilfsfristen und einen zeitlichen Aufschub des Notarzteinsatzes letztlich zu einer schleichenden Substitution des bewährten Notarztsystems in Deutschland durch ein nicht arztgestütztes System kommen könnte, wie es beispielsweise in den USA der Fall ist. „Die medizinisch-qualitativen Vorteile eines Notarztes am Einsatzort insbesondere für Schwerverletzte sind hingegen in zahlreichen wissenschaftlichen Studien belegt“, so die Fachgesellschaften.

„Die Argumentation mit einer, wenn auch zeitlich begrenzten, Substitution des Notarztes durch ̕Notfallsanitäter ist eine leicht durchschaubare politische Mogelpackung und aus ärztlicher Sicht im vitalen Interesse der Patienten abzulehnen“, betont Hoffmann.

Das sieht auch der Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft südwestdeutscher Not­ärzte, Eduard Kehrberger so. „18 Minuten für den Notarzt sind nicht sinnvoll. Dann ist es für eine Reanimation viel zu spät“, sagte er den „Stuttgarter Nachrichten“.

© hil/aerzteblatt.de

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