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Medizin

Schädel-Hirn-Trauma: Keine Neuroprotektion durch Progesteron

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Atlanta/New York – Eine vielerorts auch in Deutschland mit Begeisterung aufgenommene neuroprotektive Therapie von Schädel-Hirn-Traumatisierten mit dem Schwangerschafts­hormon Progesteron hat sich in zwei Phase-III-Studien als unwirksam erwiesen. Die Negativergebnisse wurden jetzt im New England Journal of Medicine (2014; doi: 10.1056/NEJMoa1404304 und NEJMoa1411090) publiziert.

Das Steroidhormon Progesteron ist nicht nur für die Vorbereitung und Aufrechterhaltung einer Schwangerschaft zuständig. Rezeptoren für das Hormon befinden sich auch im Gehirn. Was Progesteron dort bewirkt, ist nicht genau bekannt. Seit einigen Jahren werden jedoch „neuroprotektive“ Effekte diskutiert.

In einer Reihe von präklinischen Studien war herausgekommen, dass die frühzeitige Verabreichung von Progesteron nach einem experimentellen Schädel-Hirn-Trauma das Hirnödem abschwächt, den Verlust von Neuronen vermindert und Verhaltensdefizite bei den Tieren bessert. Die Ergebnisse aus zwei Phase-II-Studien haben dann viele Neurologen von der Wirksamkeit überzeugt.

In der US-amerikanischen ProTECT-Studie hatten Progesteron-Infusionen bei Patienten nach mittelschwerem Schädel-Hirn-Trauma das funktionelle Ergebnis verbessert und bei schweren Fällen sogar die Mortalität gesenkt (Ann Emerg Med 2007; 49:391-402). Die andere Studie, die in China durchgeführt wurde, kam ein Jahr später zu ähnlichen Ergebnissen (Crit Care 2008; 12: R61-R61).

Das US-National Institute of Neurological Disorders and Stroke entschloss sich daraufhin zu einer Phase-III-Studie, an der ursprünglich 1.140 Patienten mit mittelschwerem bis schwerem Schädel-Hirn-Trauma teilnehmen sollten. Das zentrale Einschlusskriterium waren 4 bis 12 Punkte auf der Glasgow Coma Scale (die von 3 bis 15 Punkten reicht, wobei wenige Punkte eine stärkere Störung des Bewusstseins anzeigen).

Die Patienten erhielten eine Infusion mit Progesteron oder Placebo, die möglichst vier Stunden nach dem Trauma begonnen und über 96 Stunden fortgesetzt werden sollte. Erwartet wurde eine Verbesserung in der Glasgow Coma Scale oder auch im Gesamt­überleben, die sich aber nicht einstellten.

Nach einer Zwischenauswertung von 882 Patienten, wurde die ProTECT III-Studie vorzeitig abgebrochen. Wie David Wright von der Emory University School of Medicine in Atlanta und Mitarbeiter berichten, kam es nach der Progesteron-Infusion zwar bei 51 Prozent der Patienten zu einer günstigen klinischen Entwicklung. Ein gleich guter klinischer Zustand wurde jedoch auch bei 56 Prozent der Patienten im Placebo-Arm der Studie erzielt. Die Mortalität nach sechs Monaten betrug 18,8 Prozent im Proges­teron-Arm und 15,7 Prozent in der Placebo-Gruppe.

Zu einem ähnlichen Ergebnis ist die vom Hersteller gesponserte SyNAPSe-Studie gekommen, an der 1.195 Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma (Glasgow Coma Scale 8 oder weniger) teilnahmen. Hier wurde die Infusion innerhalb von acht Stunden nach der Verletzung begonnen und über 120 Stunden fortgesetzt. Wie Brett Skolnick vom North Shore-Long Island Jewish (LIJ) Health System in Manhasset/New York und Mitarbeiter mitteilen, kam es unter Progesteron bei 50,4 Prozent der Patienten und im Placebo-Arm bei 50,5 Prozent zu einer günstigen klinischen Entwicklung. Auch die Mortalitätsrate war in beiden Gruppen identisch.

Beide Studien wurden nach Einschätzung des Editorialisten Lee Schwamm von Harvard Medical School in Boston außergewöhnlich gut konzipiert und durchgeführt, und auch die Autoren haben keine andere Erklärung als die Wirkungslosigkeit der Progesteron­therapie, die damit aus den Behandlungskonzepten verschwinden dürfte. © rme/aerzteblatt.de

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