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Medizin

Wie der Frankfurter Patient Ebola überlebte

Sonntag, 21. Dezember 2014

Ein Mann in Schutzanzug steht in der Isolierstation 68 der Uniklinik in Frankfurt am Main /dpa

Frankfurt – Dank der apparativen und medikamentösen Möglichkeiten einer modernen Intensivstation haben Ebola-Patienten heute gute Überlebenschancen. Die Anfor­derungen an das medizinische Team sind jedoch enorm, wie ein Bericht über einen am Universitätsklinikum Frankfurt behandelten Patienten zeigt, der jetzt im Lancet (2014; doi: org/10.1016/S0140-6736(14)62384-9) veröffentlicht wurde.

Der 38-jährige Patient, ein Arzt aus Uganda, hatte sich in Lakka, Sierra Leone, infiziert. Am 5. Tag seiner Krankheit wurde er zur Weiterbehandlung nach Frankfurt geflogen und auf eine Isolationseinheit des dortigen Universitätsklinikums verlegt. Wie schwierig die Versorgung eines Patienten unter den Vorsichtsmaßnahmen der biologischen Schutz­stufe 4 sein kann, zeigte sich am neunten Tag, als der Patient ein Multiorganversagen entwickelte.

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Schon einfache Tätigkeiten erforderten ungewöhnliche Maßnahmen. So musste die Filmkassette für das Röntgen doppelt mit Plastikfolien versiegelt werden, die vor dem Abtransport in das Labor dann wieder sorgfältig desinfiziert wurden, um eine Ausbreitung des Virus zu vermeiden. Eine intra-arterielle Punktion zur Blutgasanalyse war nur mit einem Ultraschallgerät möglich, da der Puls des Patienten durch die dreifachen Handschuhe des Untersuchers hindurch nicht zu tasten war.

Zur Akrobatik wurde die Intubation (und Platzierung einer Magensonde), die notwendig wurde, als der Patient wegen eines zunehmenden Lungenversagens mechanisch beatmet werden musste. Die Mediziner entschieden sich für eine Kurznarkose mit Fentanyl, Propofol und Rocuronium, um den Tubus in die Luftröhre vorzuschieben. Zuvor mussten sie in aller Eile einen dicken Schleim absaugen, der sich über die Stimmbänder gelegt hatte und vermutlich hochinfektiös war. Alles geschah unter Sicherheitsvorkehrungen, die eine Ansteckung des Personals verhindern sollten – was auch gelang.

Die nächsten Probleme ergaben sich, als der Patient wegen eines akuten Nieren­versagens dialysiert werden musste. Die kontinuierliche Nierenersatztherapie machten einen Zugang zum Gefäßsystem erforderlich, ein bei einem Ebola-Patienten ebenfalls riskantes Unternehmen. Die Mediziner scheuten auch nicht davor zurück nach einigen Tagen einen neuartigen Blutfilter zu erproben, der die Viren aus dem Plasma fischen sollte (durch Bindung der Virus-Glykoproteine an den Lektinen der Kartusche).

Nach einer sechseinhalbstündigen Anwendung des „Haemopurifiers“ der Firma Aethlon aus San Diego war die Viruskonzentration im PCR-Test auf ein Drittel gefallen, was allerdings noch innerhalb der Messgenauigkeit der Polymerasekettenreaktion liegt und deshalb die Effektivität nicht beweist. (Die wesentlich günstigeren Angaben in einer Pressemitteilung des Herstellers beziehen sich auf einen Vergleich mit späteren Messungen, als der Patient bereits protektive IgG-Antikörper gebildet hatte).

Auch die Wirksamkeit von FX06, das vom Produktionsstandort in Philaldelphia eingeflo­gen wurde, lässt sich aufgrund des Einsatzes an einem Patienten nicht belegen. Der Wirkstoff, ein vom Gerinnungsfaktor Fibrin abgeleitetes Kurzpeptid, hat keine Wirkung gegen Ebola-Viren.

Die Frankfurter Intensivmediziner um Kai Zacharowski setzten ihn zur Behandlung des „vascular leakage“-Syndroms ein, das für das Lungenversagen verantwortlich gemacht wurde. Es war also Teil der symptomatischen Therapie. Bei dem Patienten kam es danach zu einer deutlichen Verbesserung. Sie fiel aber in eine Phase, in der sich der Patient bereits von der Virusinfektion erholte.

Der Beitrag von FX06 an diesem Verlauf ist deshalb unklar. Eine Ebola-Infektion ist im Prinzip selbstlimitierend. Wenn der Patient die Krankheitsphase bis zum Auftreten von protektiven Antikörpern überlebt, kann sich sein Organismus komplett erholen. FX06 wurde auch bei einem Ebola-Patienten eingesetzt, der am Klinikum St.Georg in Leipzig behandelt wurde. Er starb kurze Zeit nach dem Einsatz von FX06.

Die einzige virustatische Substanz, die die Intensivmediziner in Frankfurt einsetzten, war Favipiravir, ein RNA-Polymerase-Inhibitor des japanischen Herstellers Toyama Chemical. Das Mittel bietet sich zur Behandlung von Ebola an, da das Ebola-Virus zu den RNA-Viren gehört. Seine Wirksamkeit ist jedoch nicht belegt. In Frankfurt musste die Behandlung schon bald abgebrochen werden, da der Patient das oral verfügbare Mittel aufgrund seiner gastrointestinalen Beschwerden nicht vertrug.

Am Ende dürfte der Patient die schwere Erkrankung vor allem durch die symptomatische Therapie und die lebenserhaltenden Maßnahmen auf der Intensivstation überlebt haben. Nachdem sich Kreislauf- und Atemfunktion stabilisiert hatten, erholte sich der Patient von der schweren Ebola-Erkrankung. Nach einer 30-tägigen Beobachtungszeit waren keine Ebola-Viren mehr im Blutplasma nachweisbar. Der Patient wurde aus dem Krankenhaus zu seiner Familie entlassen.

Auch die meisten anderen Patienten, die bislang in den USA, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Norwegen und Deutschland behandelt wurden, haben die Erkrankung überlebt. Von den ersten 19 Patienten waren Anfang November nur drei gestorben.

Interessant ist der Vergleich zu dem Patienten, der im August am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf behandelt wurde. Bei dem 36-jährigen Mann, der sich ebenfalls in Sierra Leone infiziert hatte, stand eine profuse Diarrhö im Vordergrund. Er entwickelte später eine Sepsis. Diese Komplikation konnte in Frankfurt möglicherweise durch eine frühzeitige Antibiotikaprophylaxe vermieden werden. Eine Störung der Blutgerinnung, derentwegen Ebola bisher zu den hämorrhagischen Fiebern gezählt wird, stand bei den beiden deutschen Patienten nicht im Vordergrund. Diese Besonderheit der aktuellen Epidemie ist auch anderen Behandlungszentren aufgefallen.

© rme/aerzteblatt.de

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