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Medizin

Offenwinkelglaukom: Medikamente erhalten Sichtfeld auch bei normalem Augeninnendruck

Sonntag, 21. Dezember 2014

London – Die Senkung des Augeninnendrucks (IOP), seit langem die bevorzugte medikamentöse Therapie des Offenwinkelglaukoms, kann frühzeitig eine Verschlech­terung der Sehleistung verhindern - und zwar auch dann, wenn der IOP gar nicht erhöht ist. Dies zeigt die erste größere placebokontrollierte Studie im Lancet (2014; doi: org/10.1016/S0140-6736(14)62111-5). Sie wurde mit dem Prostaglandin-Analogon Latanoprost durchgeführt, einem in reicheren Ländern bevorzugten Wirkstoff.

Pathogenese und Therapie des Glaukoms sind nicht ohne Paradoxien. Lange Zeit wurde die alleinige Ursache in einem erhöhten IOP gesehen. Er wurde für die charakteristische Aushöhlung des Sehnervenkopfes verantwortlich gemacht, zu der es im fortge­schrittenen Glaukomstadium kommt und die den zunehmenden Gesichtsfeldausfall plausibel erklärt. Heute ist klar, dass die Hälfte der Glaukom-Patienten gar keinen erhöhten IOP hat (in Japan sogar 90 Prozent) und viele Menschen mit einem hohen IOP niemals an einem Glaukom erkranken. Dies hat Zweifel an der Effektivität der IOP-senkenden Therapie aufkommen lassen.

Die Collaborative Normal-Tension Glaucoma Study (CNTGS), die Patienten mit Normaldruckglaukom einschloss, und der Early Manifest Glaucoma Trial (EMGT) an Patienten mit normalem und erhöhtem IOP haben die Zweifel nicht vollständig ausgeräumt. In der CNTGS konnte eine Wirkung erst belegt werden, nachdem die höhere Rate von Katarakt-Operationen im Therapie-Arm berücksichtigt wurde (Am J Ophthalmol 1998; 126: 498-505). In der EMGT dagegen wurde auch bei Patienten mit niedrigem IOP ein Effekt beobachtet (Arch Ophthalmol. 2002; 120: 1268–1279). Beide Studien waren randomisiert, sie waren aber nicht doppelblind und nicht Placebo-kontrolliert.

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Diese wichtigen Voraussetzungen für eindeutige evidenzbasierte Empfehlungen wurden jetzt erstmals in der United Kingdom Glaucoma Treatment Study (UKGTS) erfüllt, die das National Institute for Health Research Biomedical Research Centre mit finanzieller Unterstützung der Firma Pfizer durchgeführt hat. Zum Einsatz kam das von Pfizer 1997 eingeführte Prostaglandin-Analogon Latanoprost. An zehn britischen Augenkliniken wurden 516 neu diagnostizierte, zuvor unbehandelte Patienten mit Offenwinkelglaukom in die Studie aufgenommen, von denen etwa die Hälfte einen IOP im Normalbereich unter 21 mm Hg hat.

Die Hälfte der Patienten erhielt drucksenkende Augentropfen (Latanoprost 0,005 Prozent), an die andere Hälfte wurden Augentropfen ohne Wirkstoff ausgehändigt. Nach 24 Monaten hatte Latanoprost den mittleren IOP um 3,8 mm Hg gesenkt, während es im Placebo-Arm zu einem Abfall um 0,9 mm Hg kam. Während dieser Zeit wurden nicht weniger als 11 Gesichtsfelduntersuchungen durchgeführt, um rechtzeitig eine Einschrän­kung des Sehfelds zu erkennen, die ein Frühsymptom des Glaukoms ist.

Trotz der geringen Unterschiede im IOP zwischen den beiden Gruppen von 2,9 mm Hg war bereits nach 12 Monaten ein Unterschied zwischen den beiden Gruppen erkennbar: Am Ende war es bei 59 Patienten in der Placebo-Gruppe und bei 35 Patienten im Therapie-Arm zu Einschränkungen des Gesichtsfelds gekommen. Laut dem Team um David Garway-Heath vom Moorfields Eye Hospital in London war das Risiko einer Krankheitsprogression im Latanoprost-Arm um mehr als die Hälfte geringer (adjustierte Hazard Ratio 0,44; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,28-0,69).

Die Studie belegt damit nicht nur zweifelsfrei den Nutzen einer IOP-Senkung beim Offenwinkelglaukom – und zwar auch bei Patienten mit normalem IOP. Sie bietet laut Garway-Heide auch Perspektiven für die Untersuchung neuer Wirkstoffe. Diese werden bei der Zulassung nur auf ihre Fähigkeit hin untersucht, den IOP zu senken. Wenn sich die Auswirkungen auf das Sehfeld bereits nach 12 Monaten zeigen, bietet sich die Aufnahme dieses klinisch relevanten Endpunktes in die Studien an.

© rme/aerzteblatt.de

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