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Medizin

Risiken und Nebenwirkungen eines beliebten Weihnachtsgeschenks

Mittwoch, 24. Dezember 2014

dpa

Groningen - Anders als Medikamente werden Weihnachtsgeschenke ohne Beipackzettel ausgeliefert. Dabei muss durchaus mit gesundheitlichen Risiken gerechnet werden, wie eine Übersicht im Britischen Ärzteblatt zu den populären Nintendo-Konsolen zeigt.

Vielleicht ist es die Sorge der Älteren um die verlorene Lebenszeit, die die Jüngsten mit den kleinen elektronischen Geräten der Firma Nintendo verdaddeln. Vielleicht ist es auch die Rache für die Hybris des Herstellers, der seiner jüngsten Generation, den Wii-Kon­solen, eine gesundheitsfördernde Wirkung zuschreibt für die Menschen, die sich sonst gar nicht mehr bewegen. In wissenschaftlichen Fachzeitschriften finden sich seit Jahren Fallbeschreibungen über Verletzungen, zu denen es bei der Benutzung der Spielgeräte des japanischen Herstellers gekommen ist. Maarten Jalink von der Universität Groningen hat sie jetzt für das BMJ in einer Übersicht zusammengefasst.

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Es begann mit dem Bericht über ein 13-jähriges Mädchen, das zu Weihnachten eine der ersten Spielkonsolen erhalten hatte. Nach drei Stunden intensiver Beschäftigung mit dem Jump-’n’-Run-Videospiel „Super Mario Bros“ erlitt sie einen dreiminütigen Grand-Mal-Anfall. Die Ärzte diagnostizierten eine photosensitive „Nintendo Epilepsie“, für die sie zwei Therapieoptionen hatten: Medikamente oder Abstinenz. Es muss hier nicht erwähnt werden, wofür sich das Mädchen entschied. Dass dies kein Einzelfall war, zeigte eine spätere Studie an 387 Patienten mit bekannter photosensitiver Epilepsie. Super Mario World induzierte bei den Patienten deutlich häufiger verdächtige EEG-Signale als Fernsehen. Bei Medikamenten würde dies für eine klare Gegenanzeige für diese allerdings seltene Personengruppe ausreichen.

Eine weitere Folge der obsessiven Beschäftigung mit Super Mario war, dass einige jüngere Spieler natürliche Bedürfnisse zu lange unterdrückten. Da in den meisten Haushalten, in denen das Geld für den Kauf der Konsole vorhanden ist, auch energie­reiche Nahrungsmittel zur Verfügung stehen, sind bisher keine Berichte über verhungerte oder verdurstete Spieler bekannt geworden. Dass die Endprodukte der Verdauung auf sozial verträgliche Weise abgeführt werden müssen, kann jedoch schon einmal in Vergessenheit geraten, wie Berichte über fäkale Inkontinenzen oder eine Enuresis zeigen. Der vielleicht doch nicht ganz ernst gemeinte Vorschlag, die Geräte mit einem Feuchtigkeitssensor auszustatten, der das Spiel rechtzeitig abbricht, wurden von der Firma Nintendo niemals umgesetzt.

Mit der Einführung des Game Boys, mit dem die Videospiele auch ohne Fernsehen möglich wurden, führte bald zu orthopädischen Problemen. Die typische Spielerhaltung war ein nach vorne gebückter Rücken, das Kinn auf der Brust, die Ellbogen angewinkelt, und der kleine Bildschirm direkt vor dem Gesicht. Vorhersehbare Nebenwirkungen, deren Häufigkeit in klinischen Studien niemals ermittelt wurde, waren der „Nintendo-Nacken“ und der „Nintendo-Ellbogen“.

Beides fast so schmerzhaft wie die empfohlene Therapie: Eine Auszeit für den Spieler. Eine eher seltene Nebenwirkung dürften Halluzinationen gewesen sein, über die irische Psychiater berichteten. Doch dass die einfache, man könnte auch sagen einfältige Melodie des Spiels sich als Ohrwurm im Gehirn festsetzen kann, dürfte anzuzweifeln sein. Bei vielen Kindern dürfte Super Mario auch zum Bestandteil ihrer Träume geworden sein.

Seit den 1990er Jahren häuften sich auch Berichte über die „Nintendinitis“, eine durch Fehlhaltung und Überbeanspruchung ausgelöste Sehnenscheidenentzündung. Sie trat bevorzugt im Bereich der beiden Daumen auf, mit denen die Game Boys bedient wurden. Auch Ekzeme wurden beschrieben. Diese Probleme wurden durch eine technische Innovation abgestellt, der andere als gesundheitspräventive Motive zugrunde gelegen haben. Das Nintendo 64 war einfacher zu bedienen als ein Game Boy, es stellten sich jedoch schon bald andere Gesundheitsstörungen ein.

Der neue Controller hatte einen Joystick, den die Spieler in einigen Spielen wie Mario Party schnell mit dem Daumen drehen mussten. Die Spieler entdeckten bald, dass ein Reiben mit dem Daumenballen schneller zum Ziel führte. Die Folge waren Abrasionen der Haut bis hin zum Ulkus, als „How“-Zeichen bei Kindern eigentlich pathognomonisch. Nach etlichen Beschwerden kündigte der Hersteller an, in den USA den Spielern spezielle Handschuhe zur Verfügung zu stellen, als wollten sie einer FDA Safety Communication zuvorkommen.

Mit der Einführung der Wii-Konsole im Jahr 2006 blieben die Verletzungen nicht mehr auf die Hände beschränkt. Wii machte das Wohnzimmer zum Fitness-Center, worunter nicht nur das Mobiliar litt. Auch bei den Spielern stieg das Risiko auf kleinere oder größere Traumata. Besonders verletzungsanfällig war das Tennisspiel, dass zu ausladenden Bewegungen der Arme verleitet. Da die Bewegungen für viele Spieler ungewohnt sind, kann es schnell zu Schulterproblemen kommen, die bevorzugt nach den Weihnachts­tagen auftreten und bei Rheumatologen als „Wiiitis“ bekannt sind: Die Kernspintomo­graphie zeigt eine auffällige Schwellung zahlreicher Muskeln. Im Blut kann der Kreatininkinase-Wert ansteigen.

Die „Wiiitis“ war in der Folge keineswegs auf die Schulter beschränkt. Auch ein Karpal­tunnelsyndrom und eine Achilles-Wiiitis wurden beschrieben. Beim Sturz kann es zum „Wii-Knie“ kommen. Das Verletzungsspektrum reicht von der Dislozierung der Patella, über einen Meniskusriss bis hin zu einer Fraktur des Femurkondylus. Auch lebens­gefährliche Komplikationen sind möglich, wie bei einer 55-jährigen Frau, die beim Wii-Spiel vom Sofa fiel und einen Hämatothorax erlitt. In der medizinischen Literatur finden sich zahlreiche Beispiele für Wii-Frakturen. In einem Fall verfing sich beim Wii-Fitness-Training eine Darmschlinge in einem vorbestehenden Nabelbruch, was dann eine „Wii-Chirurgie“ erforderlich machte. Ein 7-Jähriger erblindete dauerhaft auf einem Auge, auf das er sich dummerweise beim Wii-Sport einen Schlag versetzt hatte.

Dies alles würde für einen Beipackzettel mit zahlreichen Warnhinweisen ausreichen, von denen Waren außerhalb des Medizinbereichs noch befreit sind. Wie bei den Arznei­mitteln stellt die Länge der Packungsbeilage den Nutzen nicht infrage. Auch die Nintendo-Konsolen sind aus Sicht von Jalink ein relativ sicheres Weihnachtsgeschenk. Allerdings sollten diejenigen, die ein solches Geschenk erhalten, die Controller nicht zu heftig schwingen, sie sollten auf Gegenstände in der Umgebung achten und sie sollten regelmäßig Pausen einlegen.

© rme/aerzteblatt.de

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