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Medizin

Schnupfenmittel könnte gegen Polio-ähnliches Enterovirus D68 wirken

Freitag, 2. Januar 2015

West Lafayette – Das Enterovirus D68, das im letzten Jahr in den USA eine Epidemie mit teilweise schweren Atemwegserkrankungen bei Kindern ausgelöst hat, könnte durch einen ursprünglich zur Behandlung von Rhinoviren entwickelten Wirkstoff gestoppt werden. Dies lassen Struktur-Analysen des Virus vermuten, die jetzt in Science (2015; 347: 71-74) veröffentlicht wurden.

Zwischen August und Dezember letzten Jahres ist es in Nordamerika zu einer Häufung von Atemwegserkrankungen vorzugsweise bei Kindern gekommen, die auf Infektionen mit dem Enterovirus D68 zurückgeführt wurden. Die US-Centers for Disease Control and Prevention meldeten bis Mitte Dezember 1.158 bestätigte Erkrankungen, in Kanada wurden bis zum 4. November 214 Proben positiv getestet. In Deutschland sind trotz einer gezielten Suche des Robert Koch-Instituts bisher keine Erkrankungsfälle bekannt geworden.

In den USA traten bei einigen Kindern neurologische Komplikationen mit schlaffen Lähmungen der Extremitäten auf. Dies sorgte auch deshalb für Aufregung, weil das Enterovirus D68 ein entfernter Verwandter des Poliovirus ist. Anders als beim Poliovirus gibt es derzeit noch keine Impfung gegen das Enterovirus D68. Eine gezielte medikamentöse Therapie scheint jedoch in Reichweite.

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Einem Team um Michael Rossmann von der Purdue Universität in West Lafayette im US-Staat Indiana ist es gelungen, die dreidimensionale Gestalt des Virus mittels einer Röntgenstrukturanalyse zu entschlüsseln. Die Forscher stellten fest, dass der Wirkstoff Pleconaril mit einem sogenannten Pocket Faktor auf der Oberfläche des Virus in einer Weise interagiert, die eine Bindung der Viren an menschliche Zellen verhindert und damit eine Infektion verhindern könnte.

Die Experimente wurden allerdings mit Viren aus dem Jahr 1962 durchgeführt. Erste Tests mit den derzeit in den USA zirkulierenden Stämmen verliefen enttäuschend. Pleconaril scheint gegen die aktuellen Viren nicht zu wirken. Die Forscher sind sich allerdings zuversichtlich, dass Modifikationen am Pleconaril-Molekül die Wirkung wieder herstellen könnten.

Pleconaril wurde in den 1990er Jahren als Mittel gegen Rhinoviren entwickelt. Die Erreger des banalen Schnupfens gehören zusammen mit den Polio- und anderen Enteroviren zu den Picornaviren. Die Firma ViroPharma war 2001 in den USA mit einem Zulassungsantrag für Pleconaril gescheitert. Die FDA stufte damals die Nebenwirkungen von Pleconaril, darunter das mögliche Versagen von oralen Kontrazeptiva bei Frauen, als unangemessen ein für die Behandlung einer relativ banalen Erkrankung wie eines Schnupfens.

Bei der Behandlung des Enterovirus D68 dürfte die Nutzen-Risiko-Abwägung von Pleconaril oder einem ähnlichen Wirkstoff sicherlich anders ausfallen – vorausgesetzt die Virostatika zeigen in klinischen Studien eine Wirkung, was sich aus den präklinischen Experimenten nicht vorhersagen lässt.

© rme/aerzteblatt.de

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