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Medizin

Paradox bei Prostatakrebs: Testosteron kann Androgenresistenz durchbrechen

Freitag, 9. Januar 2015

Seattle -  Eine hochdosierte Therapie mit Testosteron, beim Prostatakarzinom normaler­weise absolut kontraindiziert, kann in Einzelfällen die Resistenz durchbrechen, zu der es bei Hormontherapien im fortgeschrittenen Stadium früher oder später kommt. US-Urolo­gen berichten in Science Translational Medicine (2015; 7: 269ra2) über ihre Erfahrungen mit der sogenannten bipolaren Androgen-Therapie.

Testosteron ist beim Prostatakarzinom kontraindiziert, da es die Proliferation der Krebs­zellen fördert. Im fortgeschrittenen Tumorstadium besteht ein häufiger Therapieansatz sogar in der Ausschaltung der männlichen Geschlechtshormone. Früher wurde dies durch eine chirurgische Entfernung der Hoden erreicht. Heute wird meistens eine „medikamentöse Kastration“ bevorzugt, die als Androgendeprivationstherapie oder auch kurz als Hormontherapie bezeichnet wird.

Bei vielen Patienten verkleinern sich die Metastasen zunächst, doch über kurz oder lang kommt es zu einem erneuten Tumorwachstum. Dies wird auf eine zunehmende Testos­teron-Empfindlichkeit der Tumorzellen zurückgeführt, die auf ihrer Oberfläche vermehrt Testosteronrezeptoren bilden und deshalb auf geringste Spuren des Hormons reagieren. Ein plötzlicher Hormonüberschuss durch eine Testosteroninjektion könnte in dieser Situa­tion zu einer „Überladung“ und einer Schädigung der Tumorzellen führen. Dies ist der Grundgedanke der bipolaren Androgen-Therapie, die Michael Schweizer vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle und Mitarbeiter jetzt in einer Pilotstudie erprobt haben.

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An der offenen Studie nahmen 16 Patienten mit kastrations-resistentem Prostata­karzi­nom teil, bei denen die Metastasen noch zu keinen gesundheitlichen Beeinträchtigungen geführt hatten. Sie erhielten neben einer Chemotherapie mit Etoposid – eine mögliche Option in dieser Situation – alle vier Wochen eine intramuskuläre Injektion mit 400 mg Testosteron-Cypionat. Die Androgendeprivationstherapie wurde während dieser Zeit fortgesetzt. Die Patienten waren damit einem monatlichen Wechsel von kurzzeitigen supraphysiologischen Testosteronkonzentrationen und einem Hormonmangel ausgesetzt.

Zwei Patienten verließen die Studie aufgrund von Nebenwirkungen: Einer starb an einer Sepsis, die Schweizer allerdings eher auf das Zytostatikum Etoposid zurückführt, bei dem anderen kam es, möglicherweise als Folge des Testosteronschubs zu einem Priapismus. Bei sieben Patienten steigerte die Testosterongabe den PSA-Wert. Bei ihnen hatte die bipolare Therapie nicht die erhoffte Wirkung erzielt. Bei den anderen sieben Patienten kam es dagegen zu einem Rückgang der PSA-Werte um 30 bis 99 Prozent. Vier der sieben Patienten behielten unter wiederholten Testosteronbehandlungen über 12 bis 24 Monate niedrige PSA-Werte.

Bei fünf von zehn Patienten, bei denen Computertomographien durchgeführt wurden, war ein Rückgang der Metastasen um mehr als die Hälfte erkennbar. Einer der fünf Patienten erreichte eine komplette Remission. Drei Patienten sind seit Beginn der Studie  im Jahr 2010 gestorben. Die Therapie ist nach Einschätzung von Schweizer rein palliativ. Eine Ausheilung des Tumorleidens sei im fortgeschrittenen Stadium mit Fernmetastasen nicht mehr zu erwarten.

Die Testosteroninjektionen wurden nach Einschätzung von Schweizer gut vertragen. Die Nebenwirkungen der Behandlung wie Übelkeit, Müdigkeit, Haarausfall, Ödeme oder Leukopenie seien auf die Chemotherapie mit Etoposid zurückzuführen.

Die Autoren planen weitere Studien. Derzeit dürfte die bipolare Therapie nicht evidenz-basiert sein. Ein Nachteil besteht sicherlich darin, dass nicht vorhersehbar ist, bei welchen Patienten die Testosterontherapie anspricht und bei welchen sie möglicherweise das Fortschreiten des Tumors beschleunigt.

© rme/aerzteblatt.de

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