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Medizin

USA: Rätselraten um Polio-ähnliche Lähmungen

Dienstag, 13. Januar 2015

Atlanta – In den USA ist es in den letzten Monaten zu einer Häufung von Polio-artigen Lähmungen bei Kindern gekommen. Die akute schlaffe Myelitis (AFM), so die Bezeichnung der Centers for Disease Control and Prevention (CDC), trat häufig nach fiebrigen Atemwegsinfektionen auf. Der Verdacht, dass sie durch das Enterovirus 68 (EV-D68) ausgelöst wurden, hat sich laut einem Zwischenbericht im Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR 2015; 63: 1243-1244) bisher nicht erhärtet.

Nach den jüngsten Zahlen der CDC sind von August bis 5. Januar in 34 US-Staaten insgesamt 103 Kinder an einer AFM (Acute Flaccid Myelitis) erkrankt. Die Diagnose wurde nach einer im Herbst von den CDC veröffentlichten Falldefinition gestellt. Danach müssen vier Kriterien erfüllt sein: Alter von 21 Jahren oder jünger, akuter Beginn einer fokalen Schwäche in den Extremitäten, Auftreten nach dem 1. August sowie eine Rückenmarksläsion in der Kernspintomographie, die überwiegend auf die graue Substanz beschränkt ist.

Der Zeitraum wurde auf die Zeit nach dem 1. August begrenzt, da es seit dieser Zeit in 47 Bundesländern zu ungewöhnlich schwer verlaufenden fiebrigen Atemwegsinfektionen gekommen war, die durch das Enterovirus 68 (EV-D68) ausgelöst wurden. Da das Virus ein entfernter Verwandter des Polio-Virus ist, liegt es nahe, einen Zusammenhang zu vermuten. Der Beweis konnte jedoch bisher nicht erbracht werden. Laut dem Bericht in MMWR konnte bei keinem der 71 Patienten, bei denen Lumbalpunktionen durchgeführt wurden, Virusmaterial im Liquor nachgewiesen werden, weder von Enterovirus 68 noch von anderen Krankheitserregern.

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Auch ein kausaler Zusammenhang der AFM mit der Epidemie von Atemwegserkran­kungen durch EV-D68 ist nicht bewiesen. Nur bei 17 von 41 Patienten (41 Prozent) wurde EV-D68 in den Rachenabstrichen gefunden. Bei neun Kindern (22 Prozent) wurden andere Entero- beziehungsweise Rhinoviren gefunden. Unter den 19 Kindern, die innerhalb von 14 Tagen nach Beginn der Atemwegserkrankung untersucht wurden, hatten sieben (37 Prozent) EV-D68 im Abstrich. Bei drei Kindern (16 Prozent) wurden Rhinoviren nachgewiesen.

Die Beweisführung wird durch den Umstand erschwert, dass es bis jetzt keinen zuverlässigen Antikörpertest gibt, mit dem sich Infektionen auch nach dem Abklingen der Symptome noch nachweisen lassen. Die CDC arbeitet dem Vernehmen nach an der Entwicklung eines solchen Tests. Seine Aussagekraft würde von der Verbreitung der Antikörper in der Bevölkerung abhängen. Wären nur die AFM-Patienten positiv, würde dies eine Kausalität sehr wahrscheinlich machen. Eine hohe Seroprävalenz in der Bevölkerung würde die diagnostische Aussagekraft eines positiven Testergebnisses herabsetzen.

Dass es derzeit keinen spezifischen Antikörpertest gibt, hängt mit der bisherigen Bedeutungslosigkeit von EV-D68 zusammen. Das Virus wurde 1962 erstmals beim Menschen entdeckt. Zwischen 1970 und 2005 wurde es in den USA gerade einmal 26 Mal nachgewiesen. Mit schweren Atemwegserkrankungen wird es erst seit einigen Jahren in Zusammenhang gebracht. Bis zum Sommer letzten Jahres war die Zahl der Erkrankten gering.

Das Robert Koch-Institut hat im Rahmen der bundesweiten Influenza-Surveillance im letzten Jahr 326 Atemwegsabstriche auf EV-D68 untersuchen lassen. Nur in 12 Fällen wurde das Virus nachgewiesen. Die an EV-D68 erkrankten Patienten waren alle jünger als 16 Jahre. AFM-Fälle wurden in dem Beitrag zum Epidemiologischen Bulletin nicht erwähnt. Es ist allerdings bekannt, dass Enteroviren neben respiratorischen Symptomen und Hautausschlägen („Hand-Fuß-Mund-Krankheit“) auch neurologische Erkrankungen wie Meningitis/Enzephalitis oder akute schlaffe Lähmungen auslösen können. © rme/aerzteblatt.de

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