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Mehr als 7,5 Milliarden US-Dollar für Gavi-Impfallianz – Kritiker: Impfstoffe zu teuer

Dienstag, 27. Januar 2015

Angela Merkel dpa

Berlin – Zu Beginn der deutschen G-7-Präsidentschaft setzt die Bundesregierung ein Zeichen für die Verbesserung der Gesundheit in Entwicklungsländern. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kündigte heute bei der Geberkonferenz der globalen Impfallianz Gavi in Berlin an, den deutschen Beitrag für die kommenden Jahre aufzustocken. Demnach sollen 600 Millionen Euro statt ursprünglich 500 in die Impfallianz fließen.

Gavi hat sein Ziel für die Jahre 2015 bis 2020 erreicht: Insgesamt kamen mit Zusagen in Höhe von 7,54 Milliarden US-Dollar etwas mehr als die erhofften 7,5 Milliarden Dollar zusammen. Damit will die Allianz Impfungen für 300 Millionen weitere Kinder in den ärmsten Ländern finanzieren, um sie vor Krankheiten wie Masern, Durchfall oder Lungenentzündung zu schützen.

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Mit Hilfe der im Jahr 2000 auf Initiative von Microsoft-Gründer Bill Gates gegründeten Impfallianz Gavi konnten bislang fast eine halbe Milliarde Kinder weltweit geimpft werden. Dadurch wurden nach offiziellen Angaben rund sieben Millionen Kinder vor dem Tod bewahrt. Doch noch immer sterben jedes Jahr 6,3 Millionen Kinder unter fünf Jahren – die Hälfte davon an Krankheiten, die vermeidbar oder leicht behandelbar wären.

Merkel: für eine „Weißhelm-Truppe“ zum schnellen Einsatz bei globalen Krisen
„Deutschland hat sich jetzt auch angesichts der Herausforderungen von Ebola ent­schieden, dass wir unseren Beitrag für die nächste Periode auf 600 Millionen Euro erhöhen“, sagte Merkel. Außerdem kündigte die Kanzlerin an, sich im Rahmen der deutschen G7-Präsidentschaft für ein verbessertes globales Krisenmanagement im Gesundheitsbereich einzusetzen. „Wir brauchen schnell verfügbares medizinisches Personal: Ärzte, Pflegekräfte, die sich bereiterklären, einen Bereitschaftsdienst zu übernehmen und im Krisenfall sofort einsatzfähig zu sein“, sagte sie. Einen ähnlichen Vorschlag für eine „Weißhelm-Truppe“ hatte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) bereits im Oktober bei einem Treffen der Außenminister der Europäischen Union unterbreitet.

Die Ideen für solch ein verbessertes globales Gesundheitskrisenmanagement umfassen auch den Vorschlag, einen Fonds zur Bereitstellung schnell abrufbarer finanzieller Hilfsmittel zu gründen. Weiterhin sollen Anreize für die Erforschung und Produktion von Medikamenten und Impfstoffen gegen vernachlässigte Krankheiten gesetzt werden. Merkel will die Initiative gemeinsam mit dem Vorsitzenden der westafrikanischen Wirtschafts­gemeinschaft, Ghanas Staatschef John Dramani Mahama, und der norwe­gischen Ministerpräsidentin Erna Solberg den Vereinten Nationen vorstellen.

Müller: Kindersterblichkeit ist immer noch zu hoch
Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) erinnerte zum Auftakt der Geberkonferenz daran, dass man noch lange nicht am Ziel sei: „Wir hatten uns als Weltgemeinschaft vorgenommen, die Kindersterblichkeit bis zu diesem Jahr um zwei Drittel zu senken. Geschafft haben wir gerade mal die Halbierung.“ Man sei es den Kindern dieser Welt schuldig, kräftig nachzuarbeiten. „Impfprogramme sind auf diesem Weg nicht das einzige, aber eines der wirksamsten Instrumente“, betonte Müller.

Gerd Müller dpa

Über Ankündigungen aus der Pharmaindustrie, die Preise für Impfstoffe weiter zu reduzieren und den betroffenen Staaten zu günstigen Konditionen zur Verfügung zu stellen, zeigte sich der Minister erfreut. Der Konzern Pfizer hatte erklärt, die Gavi-Allianz bis 2025 mit weiteren Preissenkungen für seinen Pneumokokken-Konjugatimpfstoff Prevenar 13 zu unterstützen. Der Preis pro Dosis solle um 20 US-Cent gesenkt werden.

Auch eine neue Packungsgröße kündigte das Unternehmen für 2016 an: „Mit der Entwicklung reagiert Pfizer auf den Bedarf, den die medizinischen Fachkräfte vor Ort rückgemeldet haben. So werden unter anderem Transport, Lagerung und Kühlung des Impfstoffs erleichtert.“ Zusätzlich will der Konzern seinen reduzierten Impfstoffpreis bis 2025 auch Ländern berechnen, die nicht mehr durch die Gavi-Allianz unterstützt werden.

Die Impfallianz finanziert ihre Programme in derzeit 73 Partnerländern sowohl über staatliche Geber als auch durch Gelder von Stiftungen, Unternehmen und privaten Spendern. Die Partnerländer müssen sich an den Kosten beteiligen und erhalten gleichzeitig Unterstützung beim Ausbau ihrer Gesundheitssysteme. Als einer der größten Abnehmer von Impfstoffen weltweit handelt die Impfallianz zugleich mit den Pharma­herstellern günstige Preise aus und kann so die Kosten für Impfstoffe kontinuierlich senken.

Kritiker: Preissenkungen der Pharmaindustrie bei Impfstoffen reichen nicht aus
Diese Preissenkungen gehen Kritikern aber nicht weit genug. Pfizers angekündigte Preissenkung von 3,30 auf 3,10 US-Dollar pro Dosis sei zu wenig, monierte der Vor­standsvorsitzende von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, Tankred Stöbe, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Stöbe forderte eine deutlichere Preisreduzierung, damit der Impfstoff für alle Länder und Hilfsorganisationen erschwinglich sei. Zugleich müsse es Transparenz auf dem Impfstoffmarkt geben, etwa hinsichtlich der Herstellungskosten und der Handelsmargen.

Kritiker wie Stöbe monieren, dass einzelne Impfstoffe zu viel der veranschlagten 7,5 Milliarden US-Dollar verschlingen werden. „Falls sich an den Preisen nichts ändert, würde mehr als ein Drittel dieser Summe für einen einzigen Impfstoff ausgegeben werden – für den teuren Pneumokokken-Impfstoff gegen Lungenentzündung“, erklärt Jennifer Cohn, medizinische Direktorin der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. Die Hilfsorganisation impft nach eigenen Angaben jedes Jahr Millionen von Kindern. Im Jahr 2013 wurden mehr als 6 Millionen Impfstoffdosen in ihre Projekte geliefert. Kurz vor der Konferenz hat die Organisation die zweite Ausgabe des Impfstoff-Berichts „The Right Shot“ veröffentlicht. Der Bericht zeige, dass die Kosten für die von der WHO empfohlenen Impfungen seit 2001 wegen teurer neuer Impfstoffe explodiert seien, so Ärzte ohne Grenzen.

Neben Impfstoffprogrammen Gesundheitssysteme in armen Ländern dauerhaft stärken
„Auch Gavi ist in der Pflicht, wichtige Reformen auf den Weg zu bringen, um mehr Kinder mit lebenswichtigen Impfstoffen zu erreichen. Insbesondere fordern wir eine Stärkung von Gesundheitssystemen in Ländern, die von Gavi Unterstützung erhalten, sowie weniger Einfluss der Pharmaindustrie in den Entscheidungsgremien der Impfallianz“, sagte Jörn Kaliniski, Kampagnendirektor bei Oxfam in Deutschland.

Die nachhaltige Stärkung von Gesundheitssystemen war ein Thema, das am ersten Tag der Geberkonferenz viele Redner ansprachen. „Mit Impfstoffen allein ist es nicht getan“, erklärte Thomas Silberkorn, Staatssekretär im Bundesentwicklungshilfeministerium. Aktionen wie die von Gavi unterstützten führten aber dazu, dass lokale Ressourcen gestärkt würden, beispielsweise weil man Impfstofftransporte regeln und die Impfungen vor Ort organisieren müsse.

Für den Blick auf eine Stärkung von Gesundheits- wie Versicherungssystemen votierte auch Cornelia Richter, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Deutschland habe hier mittlerweile viel Expertise, betonte sie. So sei es beispielsweise seit 2003 in Tansania gelungen, die Ausbildung für medizinisches Personal zu forcieren und entsprechende Gesundheitsangebote zu verbessern. In manchen Distrikten sei dort die Säuglingssterblichkeit um die Hälfte reduziert. Alle Bemühungen reichten aber noch nicht aus, Ziel sei eine noch größere Breitenwirkung.

„Es reicht nicht, Strukturen aufzubauen. Die Regierungen müssen sie auch zu ihren eigenen machen“, befand Hildegard Dressino, Apothekerin und National Advocacy Advisor von Rotary International. Die Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, die Kinderlähmung weltweit auszurotten, und kooperiert dafür mit Gavi. Zu 99 Prozent habe man das Ziel bereits erreicht, aber „das letzte Prozent ist das schwerste“, sagte Dressino. Der wichtigste Aspekt dieser Arbeit sei, dass sich Rotary-Mitglieder in ihrer Heimat engagierten, wo sie auf die Gepflogenheiten und Befindlichkeiten gut eingehen könnten./ Rie © Rie/afp/EB/aerzteblatt.de

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