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Medizin

Meta-Analyse: Tamiflu verkürzt Grippe und vermeidet Komplikationen

Freitag, 30. Januar 2015

dpa

Michigan - Der Neuraminidase-Hemmer Oseltamivir (Tamiflu), der in den letzten Jahren Gegenstand einer hitzigen Debatte nicht nur zur Wirkung bei der pandemischen Grippe, sondern auch zur Transparenz der Pharmaindustrie und zur Unabhängigkeit der von ihr gesponserten Wissenschaftler war, kann die Dauer einer Influenza um etwa einen Tag verkürzen.

Er senkt darüber hinaus die Rate von Antibiotikabehandlungen und Hospitalisierungen, letzteres aber nur bei sicherem Virusnachweis. Dies zeigen die Ergebnisse einer neuerlichen Meta-Analyse, die von einer Expertengruppe im Auftrag des Herstellers durchgeführt wurde und deren Ergebnisse deshalb von Kritikern kaum akzeptiert werden dürften.

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Die Vorgeschichte der Tamiflu-Debatte ist langwierig und wurde hier bereits ausführlich dargestellt. Zuletzt hatten die „Roche-Gegner“ um Tom Jefferson von der Cochrane Acute Respiratory Infections Group in Rom im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2014; 348: g2545) die Wirkung von Oseltamivir in der Behandlung der Influenza infrage gestellt. Jetzt legt die von Roche beauftragte „unabhängige“ Multiparty Group for Advice on Science (MUFAS) um Arnold Monto im Lancet (2014; doi: org/10.1016/S0140-6736(14)62449-1) gewissermaßen ihr Gegengutachten vor. Die Forscher hatten den Vorteil, dass sie über ausreichende finanzielle Mittel verfügten, um die individuellen Daten zu den 4.328 Teilnehmern zu recherchieren und auf dieser Basis die Effektivität und Sicherheit von Oseltamivir zur Behandlung der Influenza bei Erwachsenen neu berechnen zu können.

Ob der Aufwand sich gelohnt hat, bleibt abzuwarten. In einem oft hervorgehobenen Endpunkt unterscheiden sich die Ergebnisse der beiden Gruppen nicht sehr stark. Jefferson und Mitarbeiter hatten ausgerechnet, dass Oseltamivir die Erkrankungsdauer um gerade einmal 16,8 Stunden (95-Prozent-Konfidenzintervall 8,4 bis 25,1 Stunden) verkürzt. Das Team um Monto gibt die Differenz jetzt mit 25,2 Stunden an (16 bis 36 Stunden). Ohne Oseltamivir litten die Patienten 122,7 Stunden, mit Oseltamivir 97,5 Stunden an den Symptomen. Die Influenza wurde damit von 5 auf 4 Tage verkürzt. Beide Gruppen dürften darin übereinstimmen, dass Oseltamivir nicht das perfekte Grippe­medikament ist. Fest steht aber auch, dass es derzeit keine besseren Grippemittel als die Neuraminidase-Hemmer gibt.

Auch hinsichtlich der Verträglichkeit liegen die Ergebnisse nicht weit auseinander. Die häufigsten Nebenwirkungen von Oseltamivir sind Übelkeit und Erbrechen. Beide Nebenwirkungen treten bei fast jedem zehnten Patienten auf. Sie sind allerdings auch eine häufige Begleiterscheinung der Grippe. Jefferson hatte die Risikodifferenz bei der Übelkeit mit (absolut) 4,15 Prozent angegeben, bei Monto sind es jetzt 3,17 Prozent. Beim Erbrechen ist der Anteil der auf Oseltamivir zurückzuführenden Ereignisse bei Jefferson sogar niedriger (0,95 Prozent) als bei Monto (3,3 Prozent).

Jefferson hatte darüber hinaus noch eine leichte Zunahme von neurologischen und psychiatrischen Nebenwirkungen gefunden. Laut Monro wurden sie unter Oseltamivir tendenziell seltener beobachtet. Über die psychiatrischen Nebenwirkungen, darunter Halluzinationen, war seinerzeit in den Medien ausführlich berichtet worden. Die Fach­informationen nennen sie als mögliche Komplikation. Beide Meta-Analysen sind sich zumindest einig darüber, dass sie selten auftreten (unter ein Prozent).

Unterschiedlich fallen die Ergebnisse zur Frage aus, ob Tamiflu Komplikationen der Grippe verhindern kann. Jefferson hatte dies bezweifelt. Monro kommt zu dem Ergebnis, dass Oseltamivir durchaus den Anteil der Patienten senkt, die wegen einer tiefen Atemwegsinfektion (aufgrund einer angenommenen bakteriellen Superinfektion) mit Antibiotika behandelt werden müssen. Bei den Patienten mit nachgewiesener Influenza wurde der Anteil von 8,7 auf 4,9 Prozent gesenkt, was einer Differenz von 3,8 Prozentpunkten entspricht, die hoch signifikant ausfiel. Auch die Zahl der Bronchitiden und Pneumonien wurde signifikant gesenkt. Die Zahl der Patienten, die wegen einer Komplikation im Krankenhaus behandelt werden musste, ging von 1,7 auf 0,6 Prozent zurück. Die Risikodifferenz betrug 1,1 Prozent, war aber signifikant.

Diese Signifikanz ging verloren, wenn die Auswertung auf alle Patienten mit grippe-artigen Symptomen unabhängig von einem Virusnachweis ausgedehnt wurde. Da in der täglichen Praxis ein Virusnachweis nicht üblich ist, könnten die Vorteile von Oseltamivir geringer ausfallen, vermuten die Editorialisten Heath Kelly, Canberra, und Benjamin Cowling, Hongkong. Ohne Virustest würden jedoch viele Patienten den Nebenwirkungen von Oseltamivir ausgesetzt, ohne einen Nutzen von dem Medikament zu haben. Eine rationale Therapie der Grippe mit Neuraminidase-Hemmer setzt ihrer Meinung nach deshalb einen Virusnachweis im Schnelltest voraus.

Virustests wurden in großem Maßstab zuletzt bei der H1N1-Pandemie 2009/2010 („Schweinegrippe“) durchgeführt. Damals stellte sich heraus, dass der Erreger zwar neu war, aber in der Regel keine schwere Grippe auslöste (außer bei einigen jüngeren Menschen). Die Regierungen blieben damals auf den eiligst georderten Vorräten von Tamiflu sitzen. Dieser Umstand forderte damals die Kritik heraus, für die Jefferson und Mitarbeiter gewissermaßen die rationale Basis schufen.

Die ersten Reaktionen zeigen, dass die Differenzen trotz der ähnlichen Ergebnisse anhalten werden. Jefferson zeigte sich gegenüber Nature von den Ergebnissen wenig beeindruckt. Für ihn liefert die Meta-Analyse keine neuen Erkenntnisse. Die Autoren sind seiner Ansicht nach befangen, da sie die Meta-Analyse im Auftrag der Hersteller durchgeführt haben. Zwei der vier Autoren hätten bereits zuvor enge Verbindungen zu Roche gehabt. © rme/aerzteblatt.de

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