NewsMedizinAggressive Blutdrucksenkung bei moderater Schwangerschafts­hypertonie ohne Nutzen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Aggressive Blutdrucksenkung bei moderater Schwangerschafts­hypertonie ohne Nutzen

Dienstag, 3. Februar 2015

Vancouver – Hypertensive Erkrankungen gehören zu den wichtigsten Ursachen für Schwangerschaftskomplikationen. Eine aggressive Senkung des Blutdrucks bei Schwangeren mit moderat erhöhten Blutdruckwerten ohne Proteinurie hat in einer internationalen Studie im New England Journal of Medicine (2015; 372: 407-417) die Risiken jedoch nicht senken können.

Die Frage, ab welchen Blutdruckwerten eine unkomplizierte Schwangerschaftshypertonie behandelt werden sollte, ist umstritten. Auf der einen Seite sind leicht erhöhte Blutdruck­werte ein Risikofaktor für eine Präeklampsie und andere Komplikationen, auf der anderen Seite könnte ein zu stark gesenkter Blutdruck die Blutversorgung des Feten gefährden und eine intrauterine Wachstumsstörung auslösen.

Allgemein wird erst ab Blutdruckwerten von 150/105 mm Hg zur Therapie geraten, die dann häufig in der Klinik erfolgt. Das sind allerdings relativ hohe Werte, und es wurde in der Vergangenheit immer wieder untersucht, ob eine Therapie der milden bis moderaten Hypertonie nicht vorteilhaft für Mutter und Kind wäre. Eine Cochrane Meta-Analyse auf der Basis von nicht weniger als 49 Studien mit 4.723 Frauen kam im letzten Jahr zu keinem klaren Ergebnis.

Anzeige

Jetzt liegen die Ergebnisse einer weiteren, mit 987 Frauen vielleicht der bisher größten Studie vor. Einschlusskriterium war ein bereits vor der Schwangerschaft bestehender oder bis zur 20. Woche aufgetretener Anstieg des diastolischen Blutdrucks auf 90 bis 105 mmHg (oder 85 bis 105 mmHg bei einer bestehenden antihypertensiven Therapie). Die Schwangeren wurden dann auf eine weniger strenge Kontrolle (Zielwert: 100 mm Hg) oder auf eine aggressive Kontrolle (Zielwert: 85 mm Hg) randomisiert.

Der primäre Endpunkt war ein Verlust des Kindes oder eine Intensivbehandlung des Neugeborenen über mehr als 48 Stunden. Der sekundäre Endpunkt bestand in schweren mütterlichen Komplikationen in den ersten sechs Wochen nach der Geburt. Wie Laura Magee vom BC Women’s Hospital and Health Centre in Vancouver jetzt mitteilt, hat die aggressive Therapie ihr Ziel nicht erreicht.

Zwar traten beide Endpunkte unter der aggressiven Therapie etwas seltener auf. Der neonatale Endpunkt wurde bei 30,7 Prozent der Kinder gegenüber 31,4 Prozent nach einer weniger strengen Blutdruckkontrolle festgestellt. Auch Komplikationen seitens der Mutter waren mit 2,0 versus 3,7 Prozent seltener. Doch die Unterschiede bleiben trotz der hohen Teilnehmerzahl nicht signifikant. Dabei hatte die aggressive Therapie deutlich häufiger verhindert, dass es während der Schwangerschaft zu einem Anstieg des Blutdrucks auf über 160/100 mm Hg kam: Diese schwere Hypertonie wurde unter der aggressiven Therapie bei 27,5 Prozent beobachtet, unter einer weniger strengen antihypertensiven Therapie dagegen bei 40,6 Prozent.

Die Ergebnisse dürften unterschiedlich bewertet werden. Eine konservative Interpretation wird in der Behandlung einer moderaten Hypertonie keinen Vorteil sehen. Für den Editorialisten Michael Greene vom Massachusetts General Hospital in Boston zeigen die Ergebnisse aber auch, dass die aggressive Therapie dem Fetus nicht schadet. Diese Ansicht muss sich allerdings mit der Frage beschäftigen, welches die am besten geeigneten Antihypertensiva sind. Das bevorzugte Mittel in der Studie war der Betablocker Labetalol, der in Deutschland nicht angeboten wird.

© rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 4. Februar 2015, 11:33

Moderate Schwangerschafts­hypertonie alternativlos harmlos?

Die vorliegende Studie ist für Deutschland völlig unbrauchbar. Denn: "Zwei Drittel der Frauen nahmen den in Deutschland nicht erhältlichen Alpha- und Betablocker Labetalol, das entspricht den Empfehlungen der kanadischen Leitlinien." Bei uns sind nur wenige Antihypertensiva für Schwangere zugelassen, etwa der Betablocker Metoprolol und Alpha-Methyldopa (Presinol®) bzw. bei Gestosen das Dihydralazin (Nepresol®).

Die Publikation "Less-Tight versus Tight Control of Hypertension in Pregnancy" http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1404595
weist aber auch schwere methodische Mängel auf: Denn die Gestations-Hypertonie wurde in beiden Untersuchungsarmen nur mehr oder weniger streng therapiert. Damit kam es in beiden Patientinnen-Gruppen zu gleich guten therapeutischen Effekten?

Mitnichten! "Severe hypertension (>/=160/110 mm Hg) developed in 40.6% of the women in the less-tight-control group and 27.5% of the women in the tight-control group (P<0.001)" belegt, dass die nachfolgende Komplikation einer schweren Hypertonie in 40,6 Prozent bei den w e n i g e r streng behandelten Hypertonikerinnen wesentlich h ä u f i g e r als in der Vergleichsgruppe mit nur 27,5 Prozent aufgetreten waren.

"Hypertonie bei Schwangeren birgt viele Risiken und ist schwer zu behandeln", heißt es zu Recht z. B. auf MedscapeMedizin Deutschland unter
http://www.medscapemedizin.de/artikel/4902199
Dort wird eine wesentlich zutreffendere Quintessenz gezogen: „Das relative Risiko einer Pfropf-Präeklampsie ist bei Frauen mit chronischem Bluthochdruck durchschnittlich fast achtmal so hoch wie das Präeklampsie-Risiko bei Frauen ohne Bluthochdruck“, so Kate Bramham et al: BMJ. 2014;348:g2301
http://dx.doi.org/10.1136/bmj.g2301

Überhöhter Blutdruck ist mit vermindertem Wachstum der Ungeborenen, Früh-, Fehl- und Totgeburten und mütterlichen Komplikationen wie Präeklampsie, Eklampsie, HELLP-Syndrom, Schlaganfall und akutem Nierenversagen assoziiert. Ab einem Blutdruck von 160/110 mmHg – da herrscht international Konsens – muss größtmögliche Aufmerksamkeit bei Mutter und Kind herrschen. Die Interpretationen hier im Deutschen Ärzteblatt verführen zu unangemessener Leichtfertigkeit.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

Nachrichten zum Thema

17. Oktober 2019
München – Verbesserungen bei der Übernahme von reproduktionsmedizinischen Leistungen für Paare mit einem unerfüllten Kinderwunsch haben der bayerische Berufsverband für Reproduktionsmedizin (BRB) und
Neuer Vertrag zur Kinderwunschbehandlung in Bayern
17. Oktober 2019
Farmington – Eine intensive Blutdrucksenkung hat bei über 75-jährigen Hypertonikern mit Zerebralsklerose die Bildung weiterer Hyperintensitäten in der Magnetresonanztomografie (MRT) vermindert. Ein
Intensive Blutdruckkontrolle verhindert MRT-Läsionen im Gehirn
17. Oktober 2019
New York – Frauen, die ihr Kind längere Zeit stillen, erkranken im späteren Leben seltener an einem Typ-2-Diabetes oder an einer arteriellen Hypertonie. Zu diesem Ergebnis kommt eine Meta-Analyse in
Lange Stillzeit schützt Frauen vor Diabetes und Hypertonie
17. Oktober 2019
Stuttgart – In Baden-Württemberg werden immer häufiger Zwillinge geboren. Gründe dafür sind wahrscheinlich das steigende Alter der Frauen bei der Geburt sowie die Zunahme künstlicher Befruchtungen,
Spätere Mutterschaften Grund für mehr Zwillinge
16. Oktober 2019
Mainz – Rheinland-Pfalz hat den Bund zu mehr Engagement für die Stärkung der Geburtshilfe aufgerufen. Bundesweit schlössen in ländlichen Regionen Geburtshilfeabteilungen, sagte Ge­sund­heits­mi­nis­terin
Rheinland-Pfalz sieht Bund bei Förderung der Geburtshilfe in der Pflicht
16. Oktober 2019
Stockholm – Ein Roux-en-Y-Magenbypass bewirkt nicht nur eine rasche Gewichtsabnahme. Bei Frauen sinkt im Fall einer späteren Schwangerschaft auch das Fehlbildungsrisiko für das Kind. Zu diesem
Adipositas-Chirurgie senkt Fehlbildungsrisiko
16. Oktober 2019
Peking – Die Luftverschmutzung in Großstädten kann offenbar Fehlgeburten auslösen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung in Nature Sustainability (2019; doi: 10.1038/s41893-019-0387-y), in der
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER