NewsMedizinGriechenland: Ökonomische Aussichten beeinflussen Suizidrate
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Griechenland: Ökonomische Aussichten beeinflussen Suizidrate

Dienstag, 3. Februar 2015

dpa

Philadelphia – Die im internationalen Vergleich niedrige Suizidrate hat sich in Griechen­land in den letzten 30 Jahren mehrfach sprunghaft verändert. Eine Studie in BMJ Open (2015; 5: e005619) sieht als Auslöser jeweils Veränderungen in der volkswirtschaftlichen Situation, wobei die Ankündigungen einer politischen Kursänderung bereits ausreichen können, um Menschen zu Suiziden zu motivieren oder sie davon abzuhalten.

Die wirtschaftliche Situation in Griechenland ist schlecht, aber sie war schon einmal schlechter. Das Bruttosozialprodukt pro Einwohner lag 2012 bei 25.000 US-Dollar, im Jahr 1983 hatte es nur 4.787 US-Dollar betragen. Vielen Griechen geht es trotz der derzeitigen Misere besser als in den 80er Jahren. Aber nicht alle haben profitiert. Die Arbeitslosenrate ist von 7,6 Prozent im Jahr 1983 auf 24,3 Prozent gestiegen. Trotz der Armut war die Suizidrate in Griechenland niedriger als in anderen Ländern – was allerdings teilweise auf die religiöse und kulturelle Tabuisierung der Selbsttötung zurückgeführt wird, die zu einer falschen Deklarierung der Todesursache führen kann.

Anzeige

Trotz der veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist die Suizidrate in den letzten drei Jahrzehnten über weite Zeiträume gleich geblieben, wie Charles Branas von der Universität von Pennsylvania mit griechischen und britischen Kollegen heraus­gefunden hat. Es hat jedoch mehrere Ereignisse gegeben, die zu plötzlichen Ausschlägen geführt haben.

Einen günstigen Effekt hatte die Einführung des Euro im Januar 2002, nach der die Suizidrate bei Männern (nicht aber bei Frauen) sprunghaft um 27,1 Prozent fiel. Die „Euro-Phorie“ hielt jedoch nicht lange an, und nach einigen Jahren hatte die Suizidrate ihr altes Niveau wieder erreicht.

Seit 2008 befindet sich Griechenland in einer Finanz- und Wirtschaftskrise. Die An­kündigung von neuen Sparprogrammen, die jeweils von öffentlichen Protesten begleitet war, hat dreimal die Suizidrate der Männer sprunghaft erhöht: Im Oktober 2008 stieg sie um 13,1 Prozent, im Juni 2011 um 18,5 Prozent und im April 2012 noch einmal um 29,7 Prozent. Im Juni 2011 stieg erstmals auch die Suizidrate bei Frauen.

Für die ersten beiden Änderungen der Suizidrate lassen sich wirtschaftspolitische Ereignisse anführen. Im Oktober 2008 hatte die Regierung erstmals wegen der Überschuldung Sparmaßnahmen angekündet, im Juni 2012 wurden sie nochmals verschärft. Beide Male war es zu Streiks und Ausschreitungen gekommen.

Im April 2012 scheint jedoch der öffentliche Suizid eines Pensionärs der Anlass für den drastischen Anstieg der Selbsttötungen gewesen zu sein. Die Medien hatten breit darüber berichtet. Die Suizidrate flachte jedoch kurze Zeit später ab. In den beiden anderen Fällen bliebt es bei einem dauerhaften Anstieg, so dass die Suizidrate in Griechenland heute höher ist als vor Beginn der Krise.

Nach den von Branas vorgestellten Daten scheint weniger die objektive Lage für den sprunghaften Anstieg oder (im Fall der Euroeinführung) Rückgang verantwortlich zu sein. Die bloße Ankündigung, dass es künftig wirtschaftlich bergauf- oder bergab geht, reichte aus, um Menschen zum Suizid zu motivieren oder sie davon abzuhalten. Wenn sich die Erwartungen und Befürchtungen nicht erfüllten, normalisierte sich die Suizidrate wieder. Dies war nach der Einführung des Euro, nicht aber unter der derzeitigen Sparpolitik der Fall.

© rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

19. Februar 2019
Berlin – Die Bundes­ärzte­kammer lehnt Neuregelungen ab, die Schwerkranken den Kauf von Medikamenten zur Selbsttötung ermöglichen. „Ärzte leisten Hilfe beim Sterben, aber nicht zum Sterben“, heißt es in
Ärzte gegen Verkauf von Suizidmitteln für Schwerkranke
14. Februar 2019
Montreal – Während immer mehr Länder den Cannabiskonsum legalisieren und die THC-Droge zunehmend zu medizinischen Zwecken eingesetzt wird, warnen Epidemiologen vor den Folgen für die Gehirne
Metaanalyse: Früher Cannabiskonsum erhöht Depressions- und Suizidrisiko im Erwachsenenalter
13. Februar 2019
Berlin – In Deutschland ist die Zahl der sogenannten Deaths of Despair, also der „Todesfälle aus Verzweiflung“, bei Menschen mittleren Alters von 1991 bis 2015 deutlich gesunken. Das berichten
In Deutschland ist Gesamtzahl der Todesfälle durch Suizid, Alkohol und Drogen gesunken
12. Februar 2019
Seattle – Die absolute Zahl der Suizidtoten ist zwischen 1990 und 2016 weltweit um 6,7 % auf 817.000 pro Jahr gestiegen. Das Bevölkerungswachstum eingerechnet ist die Mortalität durch Suizid damit
Weltweit mehr als 817.000 Tote durch Suizid
12. Februar 2019
Philadelphia/Boston – Seit 2017 verwendet Facebook einen Algorithmus, um Suizide zu verhindern. Im November 2018 verkündete Mark Zuckerberg, der Algorithmus hätte weltweit bereits zu 3.500 Einsätzen
Suizid-Präventionsprogramm: Facebook soll ethische Grundsätze beachten
21. Januar 2019
Bonn – In Beipackzetteln von hormonellen Verhütungsmitteln wie der Antibabypille soll künftig vor einem Suizidrisiko als Folge von Depressionen gewarnt werden. Auf Empfehlung der Europäischen
Warnhinweise wegen Depressions- und Suizidrisiko für hormonelle Verhütungsmittel
8. Januar 2019
Berlin – Die Diagnose einer Krebserkrankung stürzt viele Patienten in tiefe Verzweiflung. Einige nehmen sich das Leben. Die Suizidrate ist laut einer Untersuchung des US-Krebsregisters in Cancer vor
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER