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Politik

Leopoldina: Mehr forschen, um die Palliativversorgung in Deutschland zu verbessern

Freitag, 6. Februar 2015

dpa

Berlin – Andere Länder sind auf dem Gebiet der Palliativmedizin weiter als Deutschland. Um bundesweit flächendeckend eine qualitativ hochwertige und evidenzbasierte Palliativversorgung anbieten zu können, bedarf es noch erheblicher Anstrengungen. Das haben am Freitag in Berlin Vertreter der Leopoldina (Nationale Akademie der Wissen­schaften) und der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften betont. Vor allem müsse die interdisziplinäre Forschung zur Palliativversorgung ausgebaut werden. Dabei solle man Patienten und ihre Angehörigen einbinden, so einer der Vorschläge in der Leopoldina-Stellungnahme mit dem Titel „Palliativversorgung in Deutschland: Perspektiven für Praxis und Forschung“.

Zwar gibt es in Deutschland für Menschen mit nicht heilbaren, lebensbedrohlichen Erkrankungen bereits verschiedene Angebote der Palliativversorgung. Dies sind insbesondere rund 250 Palliativstationen in Krankenhäusern, fast 200 Hospize und etwa 270 sogenannte SAPV-Teams: Kooperationen von niedergelassenen Ärzten und ambulanten Pflegediensten sowie weiteren Vertretern von Gesundheitsberufen wie Apotheker oder Psychologen, die die Versorgung von schwerstkranken Menschen im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung übernehmen. Doch das Angebot reicht nach Ansicht der Leopoldina nicht aus.

SAPV-Teams: Noch nicht bundesweit im Einsatz
„SAPV-Teams sind nicht flächendeckend verbreitet“, erläuterte Hans-Peter Zenner, Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Universität Tübingen und einer der beiden Sprecher der Leopoldina-Arbeitsgruppe Palliativmedizin. Deshalb sei der Zugang für Patienten bundesweit „nicht gleich und gerecht“. Friedemann Nauck, Direktor der Klinik für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Göttingen, ergänzte, dass SAPV-Teams zudem nicht überall in Deutschland ausreichend gut bezahlt würden: „Die Teams brauchen aber Sicherheit, um sich weiter zu qualifizieren.“

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Als 2007 der Aufbau von SAPV-Teams als Verpflichtung ins Sozialgesetzbuch V geschrieben wurde, rechnete niemand mit einem Bedarf, wie er sich heute darstellt. Damals, erinnerte Nauck, sei man davon ausgegangen, dass etwa 80.000 Kranke diese umfassende Versorgung benötigen würden. „Ich gehe aber davon aus, dass nicht einmal die Hälfte eine ausreichende spezialisierte ambulante Palliativversorgung bekommt“, betonte der Göttinger Palliativmediziner. Dabei ist seiner Einschätzung nach der Bedarf eher doppelt so hoch wie damals geschätzt.

Das liegt auch daran, dass nach heutigen Kenntnissen mehr Patienten als ursprünglich angenommen zum Lebensende hin von einer Pallativversorgung profitieren können, wie in der Leopoldina-Stellungnahme zu lesen ist. Deren Verfasser verweisen darauf, dass nicht nur Krebspatienten, sondern auch Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der letzten Lebensphase unter Schmerzen, Atemnot oder anderen belastenden Symp­tomen leiden und durch psychosoziale oder spirituelle Probleme belastet sind. Aber auch sehr alte, multimorbide Menschen oder schwerstkranke Kinder und Jugendliche „bedürfen einer speziellen Versorgung.“

Es fehlt an Wissen, was optimale Palliativversorgung konkret bedeutet
Welcher genau – dazu fehlen gesicherte Erkenntnisse. „Wir wissen viel zu wenig darüber, wie eine optimale Palliativversorgung in Deutschland durchzuführen ist“, stellte Zenner klar. Was sich die einzelnen Patienten wünschen, ist seinen Worten zufolge ebenso schlecht erforscht wie beispielsweise die Grundlagen guter Abstimmungs­prozesse in Palliativteams. Das liegt auch daran, dass viele Gesundheitsberufe in Deutschland keine akademische Basis haben und deshalb keine Forschungstradition. In der Palliativversorgung seien zu wenig wissenschaftlich ausgebildete Kräfte tätig, bedauerte der Wissenschaftler.

Deshalb könne man auch Erkenntnisse aus dem Ausland kaum übertragen, sagte Zenner und verdeutlichte dies an einem Beispiel: Eine Krankenschwester in den USA, die eine Hochschulausbildung absolviert habe, dürfe unter bestimmten Umständen Schmerz­mittel verabreichen. Das möge zu einer guten Palliativversorgung für Patienten in den Vereinigten Staaten beitragen, könne aber in Deutschland nicht übernommen werden.

Martina Kern, Pflegeleiterin im Zentrum für Palliativmedizin des Malteser-Krankenhauses Bonn/Rhein-Sieg, verwies darauf, dass viele Patienten und ihre Angehörigen noch immer viel zu spät von palliativmedizinischen Versorgungsangeboten erfahren. „Es ist mehr kontinuierliche Information nötig“, betonte Kern. Außerdem gebe es „extrem wenig Untersuchungen über versorgende Angehörige“, obwohl diese noch immer die Hauptlast der Betreuung tragen. Sehr wenig beachtet wird ihren Erkenntnissen nach, dass auch Kinder und Jugendliche bereits in die Pflege schwerstkranker Angehöriger eingebunden sind.

Auf einen weiteren Aspekt wies Nils Schneider hin, Direktor des Instituts für Allgemein­medizin der Medizinischen Hochschule Hannover. „Wenn es uns nicht gelingt, die hausärztliche Versorgung überall sicherzustellen, wird uns ein ganz wichtiger Baustein der Palliativversorgung fehlen“, gab er zu bedenken. Die Hausärzte spielten im Bereich der allgemeinen Palliativversorgung schließlich eine Schlüsselrolle. Andererseits hätten Hausärzte in Deutschland begrenztere Möglichkeiten als ihre Kollegen im Ausland, ihre Patienten durch das System zu lotsen, so Schneider. „Diese Steuerungsproblematik macht uns auch bei Palliativpatienten sehr viel Kummer.“

Bei Studien pflege- und geisteswissenschaftliche Fragen berücksichtigen
Die Leopoldina wie die Union der Akademien fordern, angesichts der erkannten Lücken die interdisziplinäre Palliativversorgungsforschung auszubauen und neben medizinischen und pflegewissenschaftlichen Fragen auch Perspektiven der Geistes- und Sozialwissen­schaften zu berücksichtigen. Es müssten zudem Interventionsstudien in der Palliativ­medizin gestartet werden, um Leitlinien zur Palliativversorgung für alle Patientengruppen weiterzuentwickeln sowie Studien zum Einsatz von Medizintechnik, die die Selbstständigkeit von Patienten fördert.

An der Stellungnahme waren 25 Experten beteiligt, darunter Ärzte verschiedener Fachrichtungen, Pflegewissenschaftler, Ethiker, Theologen, Soziologen, Juristen und Wirtschaftswissenschaftler. Die Leopoldina nimmt als Nationale Akademie der Wissenschaften Deutschlands mit ihren rund 1.500 Mitgliedern zu den wissenschaftlichen Grundlagen politischer und gesellschaftlicher Fragen unabhängig und öffentlich Stellung. Die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften ist die Dachorganisation von acht deutschen Wissenschaftsakademien. Insgesamt sind in den Mitgliedsakademien mehr als 1.900 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen vereint. © Rie/EB/aerzteblatt.de

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Avatar #601646
Krankenhausarzt
am Montag, 9. Februar 2015, 13:42

Scheinheiliges Deutschland

"Andere Länder sind auf dem Gebiet der Palliativmedizin weiter als Deutschland."
Wie wahr. Und das schon seit Jahrzehnten.
Und das sind dann auch noch die Länder, die eine ärztliche Sterbebegleitung haben, vor der uns die BÄK ständig warnt.
Ein Schelm, wer glaubt, in Deutschland liesse sich in Würde sterben.
LNS

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