Politik

„Der neue Pflegebedürftig­keitsbegriff wird zu erheblichen Veränderungen führen“

Mittwoch, 11. Februar 2015

Berlin - Nach Jahren der Diskussion will die schwarz-rote Koalition in dieser Legislaturperiode einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff einführen. Dadurch soll unter anderem die Pflegebedürftigkeit demenziell erkrankter Menschen besser erfasst werden. Seit April 2014 wurde das sogenannte neue Begutachtungsassessment (NBA) vom Medizinischen Dienst des GKV-Spitzenverbandes (MDS) in einem Feldtest erprobt. Der Test ist nun abgeschlossen. Der Geschäftsführer des MDS, Peter Pick, erläutert, welche Erkenntnisse sein Verband gewonnen hat und was sich künftig für Ärzte ändern wird.

Fünf Fragen an Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des GKV-Spitzenverbands

DÄ: Ab dem Jahr 2016 will die Bundesregierung einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff einführen. Was wird sich künftig ändern?
Pick: Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff sollen aus den drei Pflegestufen fünf Pflegegrade werden. Künftig soll dabei nicht mehr nur geschaut werden, was der Pflegebedürftige nicht mehr kann, sondern was er noch kann. Neben personellem Unterstützungsbedarf, zum Beispiel bei der Körperpflege oder der Ernährung, soll künftig auch der Unterstützungsbedarf, der durch gerontopsychiatrische Beeinträchtigungen entsteht, erfasst werden. Zudem wird es auch um Aspekte der Prävention und um die Gestaltung des Alltagslebens gehen.

Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff soll sich in jedem Fall nicht mehr an dem minütlichen Pflegeaufwand orientieren, sondern am Grad der Selbständigkeit des Pflegebedürftigen. Dieser soll durch sechs Begutachtungs-Module erfasst und anhand einer Skala von 0 bis 100 einem Pflegegrad zugeordnet werden. Zu den sechs  Modulen wird künftig auch der Bereich psychosoziale Unterstützung zählen, der den Hilfsbedarf bei Verwirrtheit, Depressionen oder Strukturierung des Tages beinhaltet. Unter anderem fließt in das Gutachten mit ein, ob der Pflegebedürftige Weglauftendenzen hat. Das war früher nicht der Fall.

DÄ: Was wird sich für die niedergelassenen Ärzte ändern?
Pick: Bislang war es für Ärzte oft schwer einzuschätzen, ob eine Pflegebedürftigkeit anerkannt wird,  weil eben manche Bereiche bei der Begutachtung nicht berücksichtigt wurden. Wenn künftig die Lebenswirklichkeit der Menschen ganzheitlicher erfasst wird, wird es für Hausärzte auch besser einzuschätzen sein, ob ihre Patienten wahrscheinlich eine Pflegebedürftigkeit zugesprochen bekommen werden oder nicht.

DÄ: Die Praktikabilitätsstudie, mit der das neue Begutachtungsassessment erprobt wurde, ist jetzt abgeschlossen. Wie lautet ihr Fazit?
Pick: Das Gesamtfazit ist: Der NBA ist praktikabel. Von den 86 Gutachtern des MDK, die die Studie durchgeführt haben, kam die Rückmeldung, dass das neue Verfahren gut umsetzbar ist und besser geeignet, die Pflegebedürftigkeit eines Menschen zu erfassen als das alte System. Das gilt besonders für demenzielle und gerontopsychiatrische Erkrankungen.

DÄ: Gesundheitsminister Gröhe hat erklärt, dass die Studie „wertvolle Hinweise“ geliefert habe, „wo noch ein Feinschliff nötig ist“. Was hat er damit gemeint?
Pick: In der Theorie gab es noch Unsicherheit in Detailfragen, zum Beispiel, ob ein pflegebedürftiger Mensch, der seine Arme und Beine nicht mehr gebrauchen kann, immer in den höchsten Pflegegrad eingestuft werden soll. In der Praxis hat sich nun gezeigt, dass das sinnvoll ist. Oder es war nicht klar, ob pflegebedürftige Kinder bis zum 18. Lebensmonat mehr als einmal begutachtet werden sollen, weil sich ihr Pflegebedarf in dieser Zeit ändern kann. Nach den Erfahrungen in der Praxis können wir sagen: Eine Begutachtung ist ausreichend. Wenn dabei eine Pflegebedürftigkeit festgestellt wurde, gilt sie pauschal bis zur Vollendung des 18. Lebensmonats.

DÄ: Was wird sich für die ambulanten Pflegedienste und die stationären Pflegeeinrichtungen in der Praxis ändern?
Pick: Sie werden sich auf den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff einstellen müssen. Die umfassende Sicht auf den Pflegebedürftigen muss also auch Eingang in die Versorgung finden. Das wird zu erheblichen Veränderungen in der Pflege führen, vor allem im Rahmen einer sozialen Betreuung der Menschen.

Neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff: „Das Verfahren ist praktikabel“

Die Pflegebedürftigkeit eines Menschen soll künftig besser ermittelt werden können. Erste Ergebnisse aus einem Feldtest legen nahe, dass das neue System funktioniert. Die Arbeit von Pflegekräften könnte sich dadurch deutlich verändern.

Mit dem ersten Pflegestärkungsgesetz wurden die Möglichkeiten für die Pflegebedürftigen erweitert, zwischen verschiedenen Leistungen zu wählen. Hinzugekommen sind zum Beispiel sogenannte Betreuungs- oder Entlastungsleistungen, die ambulante Dienste erbringen können. Das können Aktivitäten sein, die auch eine soziale Betreuung der Pflegebedürftigen umfassen wie Begleitung beim Spaziergang oder das Spielen eines Spieles.

Wenn sich die Pflegebedürftigen für Betreuungs- und Entlastungsleistungen entscheiden, werden allerdings andere Leistungen vom Pflegegeld möglicherweise nicht mehr bezahlt werden können. Deshalb wird nicht mehr Arbeit auf die Pflegekräfte zukommen, sondern es wird sich die Art der Arbeit ändern. Denn auch, wenn mehr Geld für die Pflege­leistungen zur Verfügung gestellt werden wird, ist eine umfassende Pflege auch unter den neuen Bedingungen nicht voll aus der Pflegeversicherung finanzierbar.

© fos/aerzteblatt.de

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