NewsMedizinNächtliches Alkoholver­kaufsverbot hält Teenager vom Rauschtrinken ab
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Nächtliches Alkoholver­kaufsverbot hält Teenager vom Rauschtrinken ab

Dienstag, 10. Februar 2015

dpa

Hamburg – Ein in Baden-Württemberg im März 2010 verhängtes abendliches Alkohol­verkaufsverbot nach 22 Uhr hat zumindest kurzfristig die Zahl der Trinkexzesse unter Jugendlichen vermindert, die wegen einer Intoxikation im Krankenhaus behandelt werden mussten. Der Rückgang war laut einer Studie im Journal of Public Economics (2015; doi:10.1016/j.jpubeco.2014.12.010) auf die Gruppe der 15 bis 24-Jährigen beschränkt.

Seit dem März 2010 ist in Baden-Württemberg der Verkauf von alkoholischen Getränken in Tankstellen, Supermärkten und Kiosken zwischen 22 Uhr und 5 Uhr verboten. In Restaurants und Bars ist der Ausschank von Alkohol weiter erlaubt. Der Grundgedanke ist einfach: Da Jugendliche alkoholische Getränke seltener auf Vorrat kaufen und aus Geldgründen auf die günstigen Angebote in Tankstellen und Kiosken ausweichen (da die Preise in Kneipen und Restaurants hoch sind), sollte eine wichtige „Nachschubquelle“ für einen spontanen Alkoholexzess verschlossen werden.

Anzeige

Das Hamburg Center for Health Economics (HCHE) wurde beauftragt, die Auswirkung der Reform zu untersuchen. Thomas Siedler vom HCHE und Jan Marcus vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung werteten eine 70-Prozent-Stichprobe aller Kranken­hauseinlieferungen in Deutschland für die Jahre 2007 bis 2011 aus (Krankenhausdiag­nosestatistik). Sie wählten als Endpunkt die Zahl der Krankenhausdiagnosen F10 (“Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen“) and T51 (“Toxische Wirkung von Alkohol”).

Hier kam es nach dem März 2010 tatsächlich zu einer Veränderung in zwei Zielgruppen. Bei den 15- bis 19-Jährigen stieg die Rate der alkoholbedingten Hospitalisierungen zwar geringfügig von 45,87 auf 46,09 pro 100.000 Einwohner und Monat an. In allen anderen Bundesländern kam es während der gleichen Zeit jedoch zu einer Zunahme von 44,20 auf 48,05 alkoholbedingte Hospitalisierungen pro 100.000 Einwohner und Monat. Das ergibt eine Differenz von 3,62 Hospitalisierungen pro 100.000 Einwohner und Monat oder einen Rückgang um 7,29 Prozent.

Ähnlich war die Entwicklung in der Gruppe der 20 bis 24-Jährigen: Hier kam es in Baden-Württemberg zu einer Zunahme von 26,25 auf 26,67 alkoholbedingte Hospitalisierungen pro 100.000 Einwohner und Monat. In den anderen Bundesländern gab es ein Plus von 25,03 auf 27,13. Auch in dieser Gruppe liegt Baden-Württemberg seit dem  Alkoholver­kaufsverbotsgesetz nicht mehr über dem Durchschnitt. Die relative Veränderung betrug 5,92 Prozent.

Bei den älteren Erwachsenen konnten die Forscher dagegen keine signifikante Reaktion feststellen. Hier spielen möglicherweise ein höheres Einkommen und eine eigene Wohnung eine Rolle, vermuten sie. Der Alkoholkonsum finde geplanter und weniger in der Öffentlichkeit statt. Dies könnte auch die insgesamt geringere Inzidenz der alkoholbedingten Hospitalisierungen in dieser Altersgruppe erklären.

Baden-Württemberg konnte sich damit dem allgemeinen Trend widersetzen. Während die alkoholbedingten Krankenhauseinlieferungen in den anderen Bundesländern anstiegen, kam es ummittelbar nach dem Alkoholverkaufsverbot zu einer Stagnation. Die Gesetzgeber in Stuttgart mochten sich einen größeren Erfolg erhofft haben, der Effekt ist jedoch statistisch signifikant und Siedler und Marcus verteidigen ihn gegen mögliche Einwände. So bildeten sie gleich drei Kontrollgruppen (alle anderen Bundesländer, nur die Nachbarländer und eine synthetische Gruppe) um regionale Besonderheiten auszuschließen.

Sie glauben auch nicht, dass die Jugendlichen die Alkoholexzesse in die Wohnungen verlegt haben (wo die Intoxikation seltener eine Hospitalisierung zur Folge haben könnte). In einer Umfrage hatten nur 5,59 Prozent der 15 bis 19-Jährigen angegeben, zuhause zu trinken, weniger als in anderen Bundesländern. Die Autoren vermuten, dass die Kontrolle der Teenager durch die Eltern Alkoholexzesse in der Wohnung vermutlich verhindert.

Nach einer Hochrechnung könnte das Verbot in den 22 Monaten nach Inkrafttreten des Gesetzes 444 Jugendliche und 288 junge Erwachsene vor einem Kranken­haus­auf­enthalt bewahrt haben. Bei Behandlungskosten von etwa 540 Euro könnten die Krankenkassen als Folge des Verbots über 396.000 Euro gespart haben.

Inzwischen scheint sich die Situation auch in den anderen Bundesländern zu entspannen. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, wurden in ganz Deutschland im Jahr 2013 insgesamt 23.267 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren aufgrund akuten Alkoholmissbrauchs stationär in einem Krankenhaus behandelt. Das waren 12,8 Prozent weniger als 2012. Bei Mädchen und jungen Frauen kam es zu einem Rückgang um 6,7 Prozent, bei Jungen und jungen Männern verringerte sich die Zahl sogar um 15,6 Prozent. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

13. Februar 2019
Berlin – In Deutschland ist die Zahl der sogenannten Deaths of Despair, also der „Todesfälle aus Verzweiflung“, bei Menschen mittleren Alters von 1991 bis 2015 deutlich gesunken. Das berichten
In Deutschland ist Gesamtzahl der Todesfälle durch Suizid, Alkohol und Drogen gesunken
8. Februar 2019
Chicago – Menschen, die bereits als Jugendliche mit dem Alkoholkonsum begannen, wiesen bei ihrem Tod im Alter von Ende 50 Veränderungen in den Amygdalae auf, die nach Ansicht von Forschern in
Alkoholkonsum von Teenagern könnte emotionales Zentrum des Gehirns dauerhaft verändern
21. Januar 2019
Berlin – Eine deutliche Mehrheit der Deutschen hat sich in einer Umfrage für eine niedrigere Promillegrenze für die Anordnung einer medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU), des sogenannten
Mehrheit laut TÜV-Umfrage für niedrigere Promillegrenze für MPU
16. Januar 2019
Berlin – Auch ein geringer Alkoholkonsum von Müttern während und direkt nach der Schwangerschaft kann nach Angaben der Bundesregierung zu gravierenden Schäden beim Kind führen. „Punktnüchternheit in
Bundesregierung warnt vor Alkohol in der Schwangerschaft
21. Dezember 2018
Köln – Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat vor übermäßigem Alkoholkonsum an Weihnachten und Silvester gewarnt. Alkoholische Getränke seien in Kombination mit üppigem Festessen
Warnung vor übermäßigem Alkoholkonsum
12. Dezember 2018
Berlin – Die Zahl der Jugendlichen mit Alkoholvergiftungen hat sich im vergangenen Jahr leicht um 2,6 Prozent verringert. Immer noch mussten aber mit 21.721 Fällen deutlich mehr als 21.000 Mädchen und
Weniger Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen
27. November 2018
New Haven/Connecticut – Eine Genvariante, die den Abbau von Ethanol zu Acetaldehyd beschleunigt, kann Menschen europäischer Herkunft die Freude am Alkoholkonsum vergällen. Dies kam einer genomweiten
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER