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Medizin

Diskrete neuropsychologische Defizite bei SHT-Patienten haben Alltagsrelevanz

Donnerstag, 12. Februar 2015

Dallas – Mit Hilfe von sogenannten Gist-Reasoning-Tests können Ärzte diskrete neuro­psychologische Defizite bei Patienten nach Schädel-Hirn-Trauma (SHT) besser erkennen als mit den üblichen Standard-Tests. Das „gist reasoning“ kann auch das Funktions­niveau in Alltag und Beruf besser vorhersagen. Das berichtet eine Arbeitsgruppe um Asha Vas vom Center for BrainHealth an der Universität von Texas in Dallas in ihrer aktuellen Studie im Journal of Clinical and Experimental Neuropsychology (DOI:10.1080/13803395.2014.994478).

„Gist reasoning“ kann man etwa mit „Extrahieren von Bedeutung aus komplexer Information“ übersetzen. „Es charakterisiert eine bedeutsame komplexe kognitive Leistung. Einzuschätzen, wie gut jemand wesentliche Ideen aus vorliegenden Informationen versteht und sie ausdrückt, was allgemein als die Fähigkeit ‚get the gist‘ verstanden wird, ist das Fenster zur Alltagsfunktionalität“, erläutert Vas.

Die Wissenschaftler untersuchten 30 Erwachsene zwischen 25 und 55 Jahren, die vor mindestens einem Jahr ein mittel- bis schwergradiges Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatten, sowie 40 gesunde Kontrollpersonen. Die Kontrollen waren hinsichtlich sozioö­konomischem Status, Bildungsniveau und Intelligenzquotient ausgeglichen.

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Die Forscher wendeten ein standardmäßiges kognitives Assessment an. Zusätzlich führten sie ein sogenanntes Gist-Reasoning-Assessment durch, in dem sie die Anzahl der wesentlichen Ideen untersuchten, die die Teilnehmer aus komplexen Texten abstrahieren konnten. Alltagsfunktionen evaluierten die Wissenschaftler anhand eines Selbstbeurteilungs­bogens, der unter anderen Problemlösungen im Beruf, Management der Finanzen, das Erstellen von Einkaufslisten und soziale Interaktionen umfasste.

Obwohl beide Gruppen hinsichtlich IQ, Leseverständnis und Verarbeitungsge­schwin­digkeit ähnliche Ergebnisse erreichten, waren knapp 70 Prozent der SHT-Patienten schlechter im „gist reasoning“. Diese schwächeren Ergebnisse korrelierten direkt mit Schwierigkeiten bei der Arbeit und zu Hause. Es zeigte sich, dass der kumulative Score aller Standard-Tests die Alltagsfunktion nur mit 45 Prozent Genauigkeit vorhersagte. Unter Hinzufügen der Ergebnisse im gist reasoning stieg die Vorhersage-Genauigkeit auf 58 Prozent – allerdings bei der beschränkten Anzahl der Testpatienten.

Die Forscher gehen davon aus, dass Beeinträchtigungen im gist reasoning Verluste in flexiblem und innovativem Denken reflektieren. Diese Mängel behinderten die Alltags­bewältigung einschließlich den Berufsleben und sozialer Beziehungen. „Defizite dieser Art könnten sich in mangelndem Problemlösevermögen in unerwarteten Situationen manifestieren und in mangelndem Verständnis für die Meinungen anderer“, erläutert Vas. Obwohl die Leistungen in traditionellen kognitiven Tests informativ seien, zeigten diese nicht das volle Bild. Erwachsene mit Schädel-Hirn-Trauma schnitten hier oft durch­schnittlich oder darüber ab.

„Aber gerade geringere und unterschwellige Defizite mentaler und affektiver Hirnfunk­tionen können die Belastbarkeit im Alltag und im Beruf deutlich vermindern und zum Scheitern einer beruflichen Eingliederung führen“, erläutert Paul Reuther, Rehabilita­tionsexperte des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN). Diskrete Defizite bildeten sich in den Standard-Tests nicht unbedingt ab, seien aber für die Rückkehr ins Berufsleben sehr hinderlich.

Betroffene sollten deshalb ihre Arbeitsperspektive möglichst noch in der medizinischen Reha wieder ins Auge fassen und die berufliche Wieder­eingliederung früh vorbereiten. Dabei müssten sie individuell und fachkundig begleitet werden. Der derzeitige Rehabilita­tionsablauf greife bei neurologischen und psychia­trischen Erkrankungen beim Thema Arbeit oft zu kurz, kritisiert Reuther.

© hil/aerzteblatt.de

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