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Medizin

Studie: Moderater Alkoholkonsum für ältere Menschen eher schädlich

Mittwoch, 11. Februar 2015

dpa

London - Im Alter über 50 Jahre kann bereits ein moderater Alkoholkonsum das Sterberisiko erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2015; 350: h384), die damit die gesundheitsfördernden Wirkungen von in Maßen genossenen alkoholischen Getränken infrage stellt.

Dass Alkohol vor allem in größeren Mengen schädlich ist, steht außer Frage. Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim wies kürzlich anlässlich der Vorstellung einer S3-Leitlinie darauf hin, dass es in Deutschland ca. 1,9 Millionen Alkoholabhängige gibt und dass weitere 1,6 Millionen Menschen einen „schädlichen Gebrauch“ von Alkohol praktizieren. An einem „zu hohen Alkoholkonsum, würden in Deutschland täglich rund 200 Menschen sterben, pro Jahr ergebe dies 74.000 Alkoholopfer.

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Diesen nüchternen Zahlen stehen Studienergebnisse gegenüber, die in einem mäßigen Alkoholkonsum keine gesundheitsschädliche Wirkung sehen, sondern ihm sogar kardioprotektive Eigenschaften zuschreiben. Der häufige Konsum von Rotwein mit dem antioxidativen Bestandteil Resveratrol sollte erklären, warum Franzosen trotz gleichem Übergewicht und ungünstigen Lipidwerten seltener an Herzinfarkt erkranken als ihre britischen Nachbarn („French Paradox“).

Auch die Ergebnisse von prospektiven Kohortenstudien weisen in diese Richtung. Eine vor vier Jahren im Britischen Ärzteblatt veröffentlichte Meta-Analyse ermittelte einen J-förmigen Einfluss des Alkoholkonsums auf die kardiovaskuläre Mortalität. Ein bis zwei Drinks am Tag waren mit der geringsten Rate von Herzinfarkten assoziiert. Auch die Rate der Schlaganfälle war am niedrigsten, wenn die Erwachsenen sich dann und wann ein alkoholisches Getränk einschenkten (BMJ 2011; 342: d671).

Ein Team um Craig Knott vom University College in London kommt jetzt zu einer ganz anderen Einschätzung. Grundlagen sind die regelmäßigen Umfragen der Regierung, die im Health Survey for England den Gesundheitszustand der Bevölkerung erkundet und dabei auch die Lebensgewohnheiten erfragt. Dazu gehören Angaben zum Alkohol­konsum, den Knott jetzt mit den späteren Todesfällen in Beziehung setzt. Die Analyse beschränkt sich dabei auf die Bevölkerungsgruppe der über 50-Jährigen. Die Health Survey for England 1998-2008 lieferte Daten zu mehr als 18.000 Personen über 50, von denen etwa 4.000 inzwischen gestorben sind.

Die erste Auswertung schien die herrschende Ansicht zu bestätigen, nach der ein moderater Alkoholkonsum mit einer verminderten Mortalität assoziiert ist. Nach der Berücksichtigung der zahlreichen in den Umfragen erfragten persönlichen, sozioö­konomischen und Lifestyle-Faktoren schmolz dieser Vorteil jedoch dahin. Er verschwand vollständig, nachdem Knott die ehemaligen Alkoholtrinker aus der Auswertung herausnahm. Diese Gruppe hat nach Sicht von Knott die Ergebnisse früherer Studien verzerrt. Wegen der Langzeitschäden haben Extrinker in der Regel ein erhöhtes Sterberisiko. Dies könnte den Gesundheitszustand von Menschen, die keinen Alkohol trinken, schlechter erscheinen lassen als er in Wirklichkeit ist.

Am Ende blieb noch für zwei Gruppen eine protektive Wirkung erkennbar: Dies waren zum einen Männer im Alter von 50 bis 64 Jahren mit einem Alkoholkonsum von 15-20 Einheiten pro Woche oder 0,1 bis höchstens 1,5 Einheiten am Tag. Auch Frauen ab 65 Jahre, die maximal 10 Einheiten pro Woche konsumierten, hatten eine niedrigere Mortalität als Nicht-Trinker, auch wenn sie zu gelegentlichen Trinkexzessen neigen. Dass der protektive Effekt auf diese beiden Gruppen beschränkt ist, hält Knott nicht für plausibel und vermutet deshalb nicht erkannte Verzerrungen („Bias“) als Erklärung.

Seine Untersuchung ist jedoch selbst nicht ohne Schwächen. Ein wichtiger Einwand betrifft das Erinnerungsvermögen der Teilnehmer. Gerade die Angaben zum Alkoholkonsum sind notorisch unzuverlässig: So hatten im US-amerikanischen National Alcohol Survey 52,9 Prozent der Teilnehmer, die behaupteten niemals zu trinken, in einer früheren Befragung sehr wohl einen Alkoholkonsum angegeben.

Zu den Stärken der Studie gehört, dass sie erstmals Daten zur Gruppe der über 65-Jährigen liefert, die in früheren Untersuchungen kaum berücksichtigt wurden. In dieser Altersgruppe hat der Alkoholkonsum – zumindest in England – in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen: Gaben im Health Survey for England im Jahr 1994 erst 5,3 Prozent der 65-bis 74-Jährigen einen Alkoholkonsum über dem empfohlenen Limit an, waren es 2012 bereits 14,0 Prozent.

Auch viele 75-Jährige scheinen mehr zu trinken, als ihnen bekommt: Der Anteil mit einem problematischen Alkoholkonsum stieg von 6,0 Prozent auf 14,8 Prozent. Knott hält Alkohol gerade im Alter für bedenklich. Ältere Menschen würden aufgrund einer verminderten Wasserkonzentration weniger Alkohol vertragen und ihn infolge einer eingeschränkten Leberfunktion schlechter abbauen. © rme/aerzteblatt.de

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